Detailfreude und Abstraktion

GeschichteAusstellungJürgen Rose

Jürgen Rose beim Aufbau der Ausstellung mit einem Kostüm aus "Die Wände" von 2003 (© Lioba Schöneck)
Jürgen Rose beim Aufbau der Ausstellung mit einem Kostüm aus "Die Wände" von 2003 (© Lioba Schöneck)

Na, vermissen Sie uns schon? Die opern- und ballettlosen Theaterferien können für Musiktheaterfreunde mitunter ganz schön lang werden. Um Ihre Sehnsucht nach dem großen Gefühl auf der Bühne ein wenig zu stillen und Sie vielleicht auch in der einen oder anderen Theatererinnerung schwelgen zu lassen, haben wir eine dringende Empfehlung für Sie: die aktuelle Ausstellung Nichts ist so lebensfüllend wie das Theater des Theatermuseums, die sich dem Kostümbildner, Szenographen und Regisseur Jürgen Rose widmet. Noch bis 18. Oktober haben Sie Gelegenheit, diese große Werkschau im Deutschen Theatermuseum am Hofgarten und in der Bayerischen Akademie der Schönen Küste zu sehen.

Und was für ein Œu­v­re gibt es dort (wieder) zu entdecken! Seit über 50 Jahren prägt Jürgen Rose nun das Theater der Welt – und das Repertoire der Bayerischen Staatsoper und des Staatsballetts. Allein im Spielplan der kommenden Saison sind neun seiner Arbeiten auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen, angefangen bei Klassikern wie John Crankos Onegin, Die Zauberflöte oder Der Rosenkavalier, für die Jürgen Rose bereits in den 1970ern Bühne und Kostüme entwarf, bis hin zu jüngeren Arbeiten wie Werther oder Norma, die er als Regisseur an der Bayerischen Staatsoper entwickelte.

Bühnenraum des 4. Akts von Dieter Dorns Inszenierung von "Le nozze di Figaro" an der Bayerischen Staatsoper (© Wilfried Hösl)
Bühnenraum des 4. Akts von Dieter Dorns Inszenierung von "Le nozze di Figaro" an der Bayerischen Staatsoper (© Wilfried Hösl)

Allein an diesen wenigen, hier exemplarisch genannten Arbeiten lässt sich die große Bandbreite des Schaffens Jürgen Roses ablesen:  Konkretes und Detailverliebtes findet sich dort neben radikal reduzierten Bühnenbildern wie dem zu Dieter Dorns Inszenierung von Le nozze di Figaro: einige weiße Leintücher, drei Türen und einen hell erleuchteten Raum – mehr braucht es nicht, um Mozarts und da Pontes Verwirrspiel des Finalakts auf die Bühne zu bringen.

Proben zur Autodafé-Szene in Verdis "Don Carlo" in der Neuinszenierung von Jürgen Rose im Jahr 2000 (© Wilfried Hösl)
Proben zur Autodafé-Szene in Verdis "Don Carlo" in der Neuinszenierung von Jürgen Rose im Jahr 2000 (© Wilfried Hösl)

Doch egal, ob es sich um seine früheren oder späteren Arbeiten handelt: Allen Kostümen und Bühnenbildern gemein ist eine große Präzision, die sich in der Ausstellung aufs Herrlichste bestaunen lässt. Oder wann jemals käme man beispielsweise den opulenten Kostümen Königin Elisabeths oder König Philipps aus Verdis Don Carlo jemals so nahe? Nur im Rahmen dieser Ausstellung ist es nun möglich, diesen Originalkostümen auch abseits der Opernbühne zu begegnen. Jedes der kleinen Details kann hier studiert werden – und derer gibt es viele, denn allein an den Kostümen dieser Produktion wurde an der Bayerischen Staatsoper von der Konzeption bis zur Fertigstellung ein Jahr lang gearbeitet.

Szene aus Shakespeares "Troilus und Cressida" an den Münchner Kammerspielen im Jahr 1986 (Foto: Deutsches Theatermuseum, © Oda Sternberg)
Szene aus Shakespeares "Troilus und Cressida" an den Münchner Kammerspielen im Jahr 1986 (Foto: Deutsches Theatermuseum, © Oda Sternberg)

Aber auch abseits der Arbeiten für die Staatsoper und das Staatsballett findet sich im Theatermuseum eine riesige Fülle von Material: Allein die Münchner Arbeiten Jürgen Roses für die Kammerspiele und das Residenztheater vor Augen geführt zu bekommen, lohnt einen Besuch der Ausstellung. All die Jahre, die er gemeinsam mit Dieter Dorn die Münchner Theaterlandschaft geprägt hat, sind weiten Teilen des Publikums noch lebhaft in Erinnerung. Ins ikonographische Theatergedächtnis der Stadt längst übergegangen sind gemeinsame Arbeiten wie Faust, Troilus und Cressida oder Philoktet.

Zeichnung Jürgen Roses zu seiner Inszenierung von Bellinis "Norma" an der Bayerischen Staatsoper im Jahr 2006

Und dann all die Skizzen, Studien, Zeichnungen und Modelle! Wem die Zeit oder die Muße nicht reicht, um all das Material an einem Tag zu sichten, sei der im Henschel Verlag erschienene Ausstellungskatalog ans Herz gelegt, in dem es neben umfassendem Bildmaterial auch zusätzliche Lektüre gibt: Texte und Gespräche von und mit Peter Jonas, Ivan Liška, Dieter Dorn oder Edita Gruberova geben eindrucksvoll Zeugnis von Jürgen Roses Arbeitsweise.

Eine große Bereicherung des Ausstellungsbesuchs sind freilich die Führungen, die Birgit Pargner, Kuratorin der Ausstellung und Herausgeberin des Katalogs, regelmäßig anbietet. Hier gibt's zusätzlich zu den Exponaten eine Menge von Insiderwissen zu erfahren, und am Ende sind sicherlich auch Sie fest davon überzeugt: „Nichts ist so lebensfüllend wie das Theater“!

Nichts ist so lebensfüllend wie das Theater
Noch bis 18. Oktober 2015
Täglich (außer Montag), 10-16 Uhr
Deutsches Theatermuseum
Galeriestraße 4a
Bayerische Akademie der Schönen Künste
Max-Joseph-Platz 3
80539 München

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