Der Sklave braucht ein neues Kostüm

BallettKostümKunstgewerbe

Das Kostüm eines Sklaven. Worunter man sich gemeinhin eine eher einfache Kluft vorstellt, ist im konkreten Fall ein opulent bemaltes Gewand, hinter dem eine Menge Arbeit steckt. Zu sehen sein wird es wieder im Rahmen des Ballettabends 100 Jahre Ballets Russes auf der Bühne des Nationaltheaters.

Die Ballets Russes, vor allem aber „Shéhérazade“, machten 1910 in der Ballettwelt Furore, und die darin auftretenden Sklaven waren nicht unschuldig daran. Diese Choreographie hat unter anderem sexuelle Ausschweifungen zum Thema: Shéhérazade ist allein im Harem, der Pascha außer Haus. Sie nutzt die Zeit, um zusammen mit ihren Haremsdamen die Sklaven herbeizuholen und eine gigantische Orgie zu feiern – die am Ende leider alle Beteiligten das Leben kostet. Dies aber immerhin in den schönsten Kostümen, den leuchtendsten Farben und den feinsten Stoffen der Ballettgeschichte!

Die Ballets Russes wurden durch die damalige Lust der Pariser Gesellschaft am Orientalischen zu einem künstlerischen Großereignis. Das Talent Diagilews, moderne Musik und Choreographie mit hochrangigem Design in Kostüm und Bühnenbildern – u.a. von Cocteau, Bakst, Benois oder Picasso, jungen Künstlern mit neuen Ideen also – zu verbinden, ließ die Compagnie schnell zur künstlerischen Avantgarde aufsteigen und machte die Ballets Russes zur einflussreichsten Ballettkompanie des 20. Jahrhunderts.

Aber zurück zum Kostüm des Sklaven: Ein neuer Tänzer des Ensembles wird die Rolle tanzen und er hat noch kein Kostüm – und da kommt eine Abteilung des Hauses ins Spiel mit dem irreführenden Namen „Kunstgewerbe“. Laut Lexikon ist dies die „handwerkliche, maschinelle und industrielle Herstellung von Gebrauchsgegenständen mit künstlerischem Anspruch“.

Im Theater sieht das alles jedoch ein wenig differenzierter aus: Hier werden im Kunstgewerbe Stoffe bemalt, bestickt, mit Perlen gehöht, Applikationen aufgebracht, alte Seide kunstvoll plissiert, Chiffon eingefärbt; es wird gestrickt und geklöppelt und gezeichnet, alte Kunsthandwerkstechniken akribisch wiederbelebt, mit denen Bühnen- und Kostümbildner in früheren Zeiten arbeiteten, die aber heute nur noch schwer rekonstruierbar sind. Hier ist jedes Kostüm ein Unikat, liebevoll realisiert – nach alten Vorlagen, nach den Vorstellungen der Kostümbildner und oft auch frei erfunden von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Abteilung, die ihrer Phantasie unter bestimmten stilistischen Vorgaben freien Lauf lassen dürfen.

Die Fotos wurden in der Kunsthandwerksabteilung des Hauses aufgenommen und zeigen, wie das Sklavenkostüm kunstvoll bemalt wird. Der 10. Dezember kann also kommen – der Sklave wird, im wahrsten Sinne des Wortes, todschick angezogen sein…

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