Der blöde Tenor

L'elisir D'amoreAnekdotenBücher

Wie fragt man einen Sänger, ob er in Unterwäsche auf einem Buchumschlag mit wenig schmeichelhaftem Titel zu sehen sein möchte? Nun, vermutlich möglichst charmant. So wurde Kathrin Strobel, Mitarbeiterin des Künstlerischen Betriebsbüros, ausersehen, den Tenor Giuseppe Filianoti, der den Nemorino in der Premiere von Donizettis L’elisir d’amore sang, ebendies zu fragen. Der lachte, nahm’s mit Humor und willigte ein. Und so ist das Büchlein mit dem Titel Immer bekommt der blöde Tenor die Dame nun seit Herbst mit dem Sänger auf dem Cover im Buchhandel zu haben. “Opern-Anekdoten” ist der kleine Band untertitelt, und genau darum geht es.

Verbringt man einen Abend mit Opernschaffenden oder passionierten Operngängern, kann es durchaus geschehen, dass es da um nichts anderes geht als um ihre Lieblingskunstform – dies jedoch nicht zwangsläufig unter einem, sagen wir, professionellen Blickwinkel. Da werden durchaus Dinge ausgesprochen, an die man nie zu denken wagte, und man erfährt von Begebenheiten, über die besser der Deckmantel des Schweigens gebreitet worden wäre. Eines ist ein solcher Abend mit Anekdotenerzählern aber definitiv: höchst amüsant!

Was aber geschieht, wenn zwei Autoren diese originär mündlich überlieferten Geschichten zwischen zwei Buchdeckel bannen? Ein schwieriges Unterfangen. Schließlich muss das, was heute von einem lebhaften Sänger mit großer Gestik und imitatorischem Talent erzählt wird, morgen auf Papier gedruckt überhaupt nicht witzig sein. Dieses Schicksal ereilt leider auch eine Vielzahl der in diesem Buch abgedruckten Geschichten.

Da beschwor zum Beispiel einmal Max in der Wolfsschluchtszene des Freischütz den teuflischen Samiel auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters. Er fängt an zu zählen – und sein “Eins” wird von einem Echo in tiefstem Bayerisch mit “Oans” beantwortet. Das mag damals das gesamte Nationaltheater vor Lachen von den Stühlen gerissen haben, auf Papier jedoch verfehlt diese Geschichte ihre Wirkung eher.

Und doch finden sich in diesem Büchlein einige wirkliche Perlen, die das Wesen von Künstleranekdoten sinnfällig machen – nämlich dann, wenn sie gerade nicht nach einer Pointe schielen, sondern von Persönlichkeiten erzählen. Von Monteverdi bis zur Gegenwart reicht hier das Spektrum, es geht um Komponisten, Regisseure, Dirigenten, Sänger. Und wie das bei Anekdoten eben so ist: Ob die Geschichten tatsächlich so geschehen sind oder nicht, fällt letzten Endes kaum ins Gewicht. Relevant ist nur, dass und schließlich auch wie sie überliefert wurden.

Friederike C. Raderer/Rolf Wehmeier:
Immer bekommt der blöde Tenor die Dame. Opern-Anekdoten
191 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Philipp Reclam jun. Stuttgart, € 10.-
ISBN 978-3-15-010781-2

Kommentare

  • Am 04.01.2011 um 14:56 Uhr schrieb mariana

    an dieser stelle frage ich mich, wann denn eigentlich der herr filianoti mal wieder bei der elisir dabei sein wird?
    unter den vielen tollen sängern hat er mir als nemorino doch am allerbesten gefallen.

    herzliche grüße und danke für den buchtipp!

  • Am 04.01.2011 um 16:42 Uhr schrieb Johannes Lachermeier

    Liebe Mariana,

    wir sind da ja sehr verschwiegen, was die Daten der kommenden Spielzeiten angeht... Aber seien Sie versichert: Herr Filianoti hat nicht das letzte Mal im Nationaltheater gesungen!

    Herzliche Grüße
    Johannes Lachermeier

  • Am 13.01.2011 um 11:13 Uhr schrieb Pressemitteilung

    Klasse Artikel, mal wieder was dazu gelernt, weiter so ;-)

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