Den Cranko-Geist weitergeben: Probenbesuch bei Judith Turos

Judtih Turos als Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit Kirill Melnikov
Judtih Turos als Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit Kirill Melnikov

Voller Elan betritt Judith Turos den Ballettsaal im Probenhaus am Platzl. Sie begrüßt die Tänzer und die Pianistin mit strahlenden Augen und schon geht`s los: In den nächsten 90 Minuten wird an dem ersten Pas de deux aus Der Widerspenstigen Zähmung gefeilt. Hierzu arbeitet sie mit den beiden ersten Solisten Yonah Acosta und Ivy Amista zusammen. Yonah debütierte als draufgängerischer Petrucchio bereits im Herbst auf der Bühne des Nationaltheaters, für Ivy ist es dieser Tage ihr Rollendebüt als Katharina. In ihrer aktiven Zeit von 1985 bis 2005 als Primaballerina beim Bayerischen Staatsballett hatte Judith Turos die Cranko Klassiker Onegin, Romeo und Julia und Der Widerspenstigen Zähmung von Konstanze Vernon und Stefan Erler erlernt. So wurden die genauen choreographischen Vorstellungen, von John Cranko einst in Stuttgart erdacht, von Ballettmeistergeneration zu Ballettmeistergeneration weitergegeben. Seit 2005 ist Turos nun selbst Ballettmeisterin und es ist an ihr, ihren Schülern jene feinen Nuancen beizubringen, die die Emotionen auf der Bühne erst lebendig machen. Die Cranko-Produktionen kennt sie quasi auswendig, hat sie diese doch viel und oft getanzt: 13-mal war sie als Katharina zu sehen, 13-mal als Julia, unglaubliche 38-mal als Tatjana.

Judith Turos lässt die Tänzer das Pas de deux in kurzen Abfolgen erlernen. Dabei stoppt sie die beiden immer wieder bereits nach wenigen Gesten und Schritten. Nur so kann sie ihre Korrekturen sofort anbringen. Denn wenn es bei Cranko um eines geht, dann sind es die Details, schärft sie den Tänzern immer wieder ein. Und da sie mit deren Technik bereits merklich zufrieden ist, können sie sich nun genau auf diese Details konzentrieren. Gewisse Feinheiten wollen einfach noch nicht so richtig passen. Der Ausdruck und das Gefühl hinter den Bewegungen, das ist es was Judith so besonders findet an den Cranko-Produktionen und das müssen die Tänzer auch wirkungsvoll auf der Bühne vermitteln können. Die Emotionen sollen sich für die Zuschauer echt anfühlen und damit das möglich wird, müssen nicht nur die technisch komplizierten Abfolgen der Choreographie perfekt auf die Musik sitzen, sondern eben auch Gestik und Mimik. Mittels Körpersprache müssen die unausgesprochenen Worte und damit verbundenen Gefühle verständlich zu übermittelt werden. Damit Katharina also so richtig schön kratzbürstig wirkt, werden die hochgezogenen Augenbrauen, das Verdrehen der Augen, der Schmollmund und die trotzig verschränkten Arme mehrfach wiederholt. Auch Petrucchios machohafter Gang oder eine locker-lässige wegwischende Handbewegung will geübt sein. Dabei geht Turos immer wieder dazwischen, erklärt den Tänzern die genaue Emotion in der aktuellen Handlung, gibt ihnen Impulse, was die Charaktere sich in dem Moment der Bewegung denken und warum dies so viel zum Verlauf der Geschichte beiträgt. Ihr Tipp: Denke Dir zu jeder Bewegung, egal ob Schritt, Sprung, Hebung oder Geste, einen Text dazu! Immer! Nicht nur in den Proben, sondern auch bei der Vorstellung auf der großen Bühne des Nationaltheaters. Zu einer schwungvollen Bewegung des Arms empfiehlt sie zum Beispiel „Schätzchen, Dich krieg ich schon noch rum!“ oder zu einem trotzigen Davonstampfen auch mal „Was für ein Idiot?!!“ Und es wirkt! Diese aufmunternde, progressive Art lässt die Tänzer zur Hochform auflaufen. Man sieht ihnen an, wie sie es umsetzen, ja, für sich im Geiste „dichten“.

Eines fällt auf: Es wird viel gelacht und gescherzt während dieser Proben. Zwischen den Tänzern selbst und auch zwischen Lehrer/Ballettmeisterin und Schülern/Tänzern scheint ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zu herrschen. Es ist eine gelöste, vertrauensvolle Stimmung im Ballettsaal, die ein gemeinsames Verbessern des Ausdrucks möglich macht und den Tänzern dabei hilft, Neues und Ungewohntes auszuprobieren. Aber: sobald die ersten Takte des Pianos erklingen ist die Konzentration wieder voll da. Selbst als stiller Probenzuschauer sitzt man sofort wieder aufrecht, wenn diese besondere Energie den Raum füllt.

Stück um Stück wird das Pas de Deux zusammengesetzt. Judith Turos lebt die Szenen mit, gestikuliert, macht Mimik und Bewegungen mit. Dass sie die Cranko-Werke mit jeder Faser ihres Körpers auswendig kennt, ist spürbar. „Es hat geklappt. Ich bin zufrieden.“, sagt sie schließlich lächelnd und nicht ohne Stolz auf die geleistete Arbeit der Tänzer und den gelungenen Wissenstransfer. Die Tänzer sind zu Katharina und Petrucchio geworden, wie Cranko es sich vorgestellt hatte.

 

Autoren: Katharina Maximoff, Martina Zimmermann

Yonah Acosta als Petrucchio und Ivy Amista als Katharina

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