Das Prozessieren der Städte. Oder: Im wiederholten Fortschritt marsch!

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Fronleichnamsprozessionen, Trachtenumzüge, Studentendemos, Militär- und Gay-Pride-Paraden – alles Prozessionen! Dann zumindest, wenn wir den Begriff der Prozession nicht nur auf religiöse Umzüge anwenden. Denn sie alle lassen sich als Prozessionen auffassen und gleichen in vielen Elementen den kirchlich-religiösen Aufzügen.

Dabei besitzen Prozession zwei entgegengesetzte Momente oder Bewegungen: Sie sind bestimmt von Traditionen, sind Rituale und laufen nach einer bestimmten, überlieferten Prozedur ab. Mit ihnen betreten wir bekannte Wege, wenn wir alljährlich von Altar zu Altar schreiten, in überlieferten Trachten auf die Wiesn ziehen oder uns der Ereignisse in der Christopher Street erinnern. Wir wiederholen; aber nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen, in repetitiven Momenten, die uns auf unserem Weg begleiten und unseren Schritt bestimmen. Ob ein wiederkehrendes „Heilige Jungfrau Maria, bitte für uns“, ein immer wieder skandiertes „Wir wollen alles – und zwar umsonst“, rhythmisch im Stechschritt oder tanzend. Prozessionen stellen Wiederholungen dar und sind von ihnen durchzogen. Mit ihnen knüpfen wir an Bekanntes an.

Zugleich aber sind sie in die Zukunft gerichtet. In Prozessionen schreiten wir voran, gehen Neuem entgegen. Wir treten ein für eine bessere Zukunft, erflehen Gottes Segen und eröffnen Feste. Vergangenheit und Zukunft, Fortschritt und Tradition – beide Momente sind hier ineinander verflochten. Prozessionen lassen sich vielleicht als Ritornelle im Sinne Gilles Deleuzes verstehen, als Prozesse ständiger De- und Reterritorialisierung. Es sind die Rhythmen und Melodien, skandierte Parolen und wiederholte Gebetsformeln, die uns auf dem Weg begleiten und uns Sicherheit geben. Mit Vertrautem im Rücken wagen wir den Schritt.

Wir schreiten ein Territorium ab, ziehen durch Stadt und über Land. Wir gehen aber nicht, um irgendwohin zu gelangen, sondern des Gehens, des Prozessierens willen. In diesem ästhetischen Sinne öffnen uns Prozessionen, öffnen wir uns in Prozessionen der Umwelt, der Stadt und situieren uns in ihr. Doch die Bewegung ist symmetrisch: Während wir durch die Stadt prozessieren, prozessiert die Stadt ebenso in uns.

Heute bestimmen immer mehr die Rhythmen der MP3-Player unseren Schritt. Mit ihnen vermitteln wir uns unserer Umwelt und integrieren sie in unser Dasein. Das Sichtbare wird vom Hörbaren überlagert, das Fremde vom Bekannten, das Andere vom Eigenen. Mit Siegfrieds Trauermarsch im Ohr beginnt der Schnee der Straße zu uns zu sprechen, und erst Lady Gagas Beats lassen die Sonne auf den Autodächer leuchtend tanzen. Wir betrachten die Umwelt nicht mehr als Objekt, sie wird Teil unseres Selbst. Sie vermittelt sich uns und wir vermitteln uns ihr. Die Dinge, die Häuser, die Bäume prozessieren in uns, während wir sie durchschreiten. Sie verändern uns, wie wir sie aus ihrem objektiven Dasein reißen und uns zueigen machen. Was entsteht, ist ein Zusammenspiel unzähliger Verbindungen, ein subjektiv-objektives Netzwerk.

Prozessionen stiften Gemeinschaft, sind ritualisierte Formen kollektiver Öffentlichkeit. Doch das Kollektiv, das sie erschaffen oder verfestigen, ist weit größer als das der menschlichen Gemeinschaft; es erstreckt sich auch auf Dinge, auf die Stadt mit ihren Dächern und Häusern, auf die Wege und Straßen, umfasst all jenes, was unseren Weg säumt.

Kommentare

  • Am 05.07.2010 um 16:02 Uhr schrieb Maria

    Am Samstag schreibt Wolf-Dieter Peter über die derzeitigen Aktionen der Staatsoper "Innovationsfreude bis hin zur Wirbelei; elegant-wortgewandte Präsentation, die auch Banales glamourös erscheinen lässt" - das habe ich mir auch dei der ersten Veranstaltung der NARRENSCHIFFE gedacht ... groß aufgeblasen und nicht dahinter.
    Der Vortrag von Frau Limbach ist eine ander Sache: das ist eine Frau, die etwas zu sagen hat. Warum brauchen wir diese "Wirbelei" und vor allem wer? Das sind Projekte der STAATSoper, die indirekt durch unsere Steuern finanziert werden!
    Obwohl ich "erst" knapp 40 bin, frage ich mich, wie lange ich überhaupt noch seriöse Kulturveranstaltungen finden werde.

  • Am 05.07.2010 um 16:32 Uhr schrieb Christian

    Maria - Du hast Recht! Das war ein wirklicher Schmarrn. Innovationen um jeden Preis - das muß nicht sein! Da hilft nur eins: öffentliche Gelder für solche Projekte streichen!

  • Am 06.07.2010 um 11:29 Uhr schrieb Leo

    Was für ein Blödsinn! Im Nationaltheater haben Sie fast jeden Abend große Oper, es kann also keine Rede davon sein, dass es keine "seriösen" Kulturveranstaltungen mehr gäbe... Und nein, mir gefällt auch nicht alles, was ich sehe, aber deswegen kann man doch nicht sofort "Subventionen streichen!" schreien. Kopfschüttel
    Übrigens: Guter Artikel!!

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