Das 4. Kammerkonzert: Reiselust

12.02.2018

Gerade wenn der Winter uns wieder einmal mit eisigen Temperaturen daran erinnert, dass es noch dauert, bis wir endlich wieder die ersten Sonnerstrahlen an der Isar oder im Englischen Garten  genießen können, schweifen unsere Gedanken gerne einmal in Richtung Urlaubserinnerungen oder ‑planung. Auch das Programm des 4. Kammerkonzerts widmet sich mit seiner Werkauswahl indirekt dem Thema Reisen, aus unterschiedlichen Perspektiven. In einer der größeren Kammermusik-Besetzungen – nämlich zu sechst – haben sich David Schultheiß (Violine), Immanuel Drißner (Violine), Adrian Mustea (Viola), Ruth Elena Schindel (Viola), Yves Savary (Violoncello) und Benedikt Don Strohmeier (Violoncello) zwei Sextette ausgewählt: eines von Peter Iljitsch Tschaikowsky und eines von Johannes Brahms.

Sonnenuntergang über Florenz (Foto: Steve Hersey)

Vom Reisen inspiriert ...

Peter I. Tschaikwosky
Peter I. Tschaikwosky

Tschaikowsky nannte sein Streichsextett – das einzige aus seiner Feder – Souvenir de Florence. Es ist also sozusagen schon im Titel als Reiseandenken beschrieben. Im Jahr 1890, Tschaikowsky war damals schon international bekannt und erfolgreich, skizzierte er seine Oper Pique Dame in fliegender Geschwindigkeit. Glücklich und gelöst wegen des so schnell abgeschlossenen Entwurfs wollte er sich für längere Zeit in Florenz aufhalten und die italienische Luft genießen – und zwar inkognito, ohne lästige Verpflichtungen. Doch wider seine Hoffnung blieb seine Ankunft nicht lange unbemerkt, und schon bald konnte er sich der Einladungen und Ehrerbietungen nicht mehr erwehren und brach seine Reise schweren Herzens ab. Zurück in seinem Landhaus und trotz der Abkürzung noch beflügelt vom Leben am Arno schrieb er das Sextett mit lebendigen Eindrücken von der ihn so inspirierenden toskanischen Stadt – nur eben nicht im italienischen, sondern im russischen Sommer.

Der junge Johannes Brahms 1853
Agathe von Siebold

Brahms wiederum musste dem Reisen nicht nachträumen, denn als er das erste seiner beiden eng miteinander verbundenen Streichsextette komponierte, befand er sich mittendrin, genauer gesagt im Rheinland. So, wie er sich auf Umwegen (mit Serenaden und anderen Orchesterwerken) der respekteinflößenden Gattung der Symphonie näherte, umschlich er auch die Form des Streichquartetts. Mit seinen frühen Entwürfen war er so unglücklich, dass er sie verbrannte. Es war eine weise Entscheidung, in heiterer Stimmung – wie Brahms selbst sagte – erst einmal ein Werk für sechs Streicher zu schreiben, denn auf diese Besetzung fiel kein Schatten des großen Vorbilds Beethoven, der Brahms’ Inspiration hätte lähmen können. Nachdem auf Brahms’ rheinländischer Studienreise, begleitet von seinem guten Freund, dem Geiger Joseph Joachim, ein erstes Sextett entstanden war, ging er bald darauf ein zweites Werk für zwei Geigen, zwei Bratschen und zwei Celli an, „noch reicher, seine Technik noch sicherer, seine Form noch freier und großzügiger“, wie es sein Biograph Hans Gál formulierte. Und auch dieses Stück steckt voller Erinnerungen: an ein frühes Klavierstück, dessen Thema Brahms im Scherzo versteckte, und vor allem ein verschlüsselter Hinweis auf eine einstmals geliebte Frau, die Göttinger Professorentochter Agathe von Siebold. Mit ihr war Brahms sogar verlobt gewesen, aber 1858 hatte er die Verlobung aufgelöst. Nun nahm er musikalisch Abschied von ihr, indem er die klingend umzusetzenden Buchstaben ihres Vornamens (A-G-A-H-E) als Motiv im ersten Satz einbaute. „Hier habe ich mich von meiner Göttinger Liebe freigemacht!“ erklärte Brahms diese Stelle in einem Brief. Ohne Schmerz, sondern ganz bewusst als Aufbruch gedacht.

Das Rheintal (Foto: Giggle)

Erinnerungen, einmal an einen italienischen Winter im russischen Sommer und einmal an einen gefühlssatten Lebensabschnitt. Ein Vormittag, um in nostalgischen Erinnerungen an südliche Wärme zu schwelgen und gleichzeitig in freudiger Erwartung an den Frühling zu denken!

4. Kammerkonzert
So, 18. Februar 2018
Allerheiligen Hofkirche

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