Brundibár: eine Geschichte vom ganz normalen Leben

CampusKinderchor

Generalprobenbesuche für Schulklassen gehören beim Kinder- und Jugendprogramm der Bayerischen Staatsoper schon seit einiger Zeit zum festen Angebot. Einen außergewöhnlichen Probenbesuch erlebten drei Schulklassen des Dante-, des Wilhelm-Hausenstein- sowie des Bertolt-Brecht-Gymnasiums am vergangenen Donnerstag: Ein Gespräch mit der Holocaust-Überlebenden Dr. Dagmar Lieblová. Im Rahmen der Themenkonzertreihe des Bayerischen Staatsorchesters wurde die Kinderoper Brundibár des tschechischen Komponisten Hans Krása in der Israelitischen Kultusgemeinde auf die Bühne gebracht.

Das Shalom-Ensemble, bestehend aus Musikern des Bayerischen Staatsorchesters, hat sich zur Aufgabe gemacht, die Werke von im Holocaust verfolgten Komponisten zu spielen. In diesem Zusammenhang wurde auch Brundibár aufgeführt. In Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht wurde jenes Werk vom Kinderchor der Staatsoper einstudiert, welches über 50-mal im Konzentrationslager Theresienstadt mit inhaftierten Kindern aufgeführt wurde. Eine der damaligen Mitwirkenden war Frau Lieblová, die einige Aufführungen im Chor mitsang. Die Zeitzeugin ist eine der wenigen, die überlebt hat.

Mit ihrer offenen und freundlichen Art entstand direkt zu Beginn der Gesprächsrunde eine sehr persönliche Atmosphäre, in der Frau Lieblová zunächst von ihrem Leben erzählte, zwischendurch aber auch immer wieder Fragen der Schüler beantwortete. Mit 14 Jahren wurden sie mit ihren Eltern und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester nach Theresienstadt deportiert. Aus ihrer Familie ist sie die einzige, die den Terror der Nationalsozialisten überlebte. Warum die Kinderoper im Ghettoalltag einen kleinen Trost bot, erklärte sie den Schülern: „Wir brauchten keine Prinzen und kein Märchen. Es machte uns nicht nur wegen der Musik Freude, sondern weil in der Geschichte ein ‚normales Leben‘ erzählt wurde. Wir durften nicht in die Schule gehen, auf Spielplätzen spielen oder Sport machen.“ Brundibár aber war für die Teilnehmer eine kleine Flucht aus dem Alltag, denn während der Aufführung mussten sie auch den Judenstern auf der Kleidung nicht tragen. Eindrucksvoll berichtete Frau Lieblová davon, was es bedeutete, im Ghetto Theresienstadt zu wohnen. Heimlich unterrichteten die älteren Insassen die Kinder, „einer stand dabei immer Schmiere, damit uns die SS dabei nicht erwischte“. Für das wissbegierige junge Mädchen waren diese Momente wichtig, durfte sie doch nur fünf Jahre die Grundschule besuchen, bevor der Krieg und die Einschränkungen für die Juden begannen.

Auf die Frage, wie sie mit all den schrecklichen Erlebnissen umgeht, und ob sie Alpträume habe, antwortete Frau Lieblová: „Man kann die Vergangenheit nicht ablegen, sie ist auch immer da. Aber ich führe ein normales Leben, soweit es geht. Natürlich lebe ich mit der Vergangenheit, aber nicht in der Vergangenheit.“

Wir bedanken uns herzlich bei Susanne Gargerle, die den Nachmittag organisierte und ganz besonders bei Frau Lieblová und ihrem Mann, die für die Aufführung und das Schülergespräch extra aus Prag angereist waren. Mit Sicherheit bleibt dieses Treffen allen Beteiligten nachhaltig in Erinnerung.

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