Aufforderung zum Träumen

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 2. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu Christopher Wheeldons Alice im Wunderland am 17. November 2018.

In Verbindung mit dem Unbewussten - Eine Aufforderung zum Träumen. „Alice im Wunderland“

von Luisa Reisinger

Im klassischen Ballett wird gerne geträumt. Zauberei, Fantastereien, Wunder, sind Leitmotive tänzerischen Erzählens durch die die schlafwandlerischen Protagonistinnen der bekanntesten Stücke der Ballettgeschichte dankenswerterweise eine Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln. Der Traum als Metapher des Coming of Age. Doch zuallererst haben die weiblichen Figuren diverse Begegnungen, waghalsige Prüfungen und wichtige Entscheidungen zu erledigen, um zu einem Ziel zu gelangen: der Liebe.

Wie eben auch klein Alice. Wir kennen ihre Geschichte. Sie hüpft gutgläubig einem aufgescheuchten Hasen in ein Baumloch hinter her und findet sich an einem irrealen Ort wieder. Es folgen allerlei verrückte Vorkommnisse, bei denen sie Bekanntschaften mit netten und weniger netten Geschöpfen schließt, um unvoreingenommen eine Welt zu erkunden und sich selbst zu vertrauen. Doch der Schlüssel zum Glück bleibt die Liebe und so ist auch Alice in diesem Land der Wunder zuletzt auf der Suche nach ihrer heimlichen Jugendliebe Jack, den die böse Herzkönigin des Diebstahls bezichtigt und köpfen will. Doch bevor es gewaltvoll wird, erwachen wir. Erwacht Alice aus dieser grotesk-surrealistischen Erzählung, die der Schriftsteller Lewis Carroll, 1865 erschienen, der knapp 20 Jahre jüngeren Familienfreundin Alice Liddell widmete. Ob sie seine heimliche Jugendliebe war, ist nicht bestätigt. Dass es zu Zerwürfnissen zwischen den Familien kam jedoch schon. Da liest sich die Erzählung zuweilen anders. Da erkennt man zuweilen einen für die zu junge Alice beschworenen Reifeprozess, den der Schriftsteller in einer groß angelegten Form der Metapher versteckt, indem er sie auf einen Parcours aus Hürden schickt, die ein jungfräuliches Leben aus seiner Perspektive auf sich nehmen muss. Da begegnen uns die fantastischen Figuren, als seien sie Verzerrungen von Alice Realität, überdimensioniert, überzeichnet, überdreht und es wird deutlich, dass das Betreten des Wunderlands ein Öffnen der Tür zum eigenen Unterbewusstsein bedeutet. Und hier, in diesem utopischen Raum lässt sich allerhand erleben und ergründen.

Hier klinkt sich nun der englische Choreograph Christoper Wheeldon ein, wenn er Alice in ein detailreich ausgestattetes Wunderland (Ausstattung von Bob Crowley) schickt, welches nicht nur sie zum Staunen bringt. Träumen kann eben ein jeder, die Kleinen wie die Großen. Dies nimmt Wheeldon ernst, indem er die einzelnen Episoden der Geschichte einzeln herausstellt und dabei niemals den Gesamteindruck vergisst. Es ist offensichtlich, dass dem Abend ein großer dramaturgischer Bogen, ein ausgeklügeltes Konzept zu Grunde liegt und es sind die Wechsel zwischen feinsinnigen Solosequenzen und humoristischen Gruppenchoreographien, die dem Abend eine Leichtfüßigkeit bescheren.

Denn Wheeldon ist ein Könner der spektakulären Bildsprache. Seine Handschrift erinnert an schillernde Revuen am Broadway, wechseln sich dabei immer wieder mit technisch versierten Drehungen und Sprüngen, die eben ganz an das Klassische erinnern lassen, ab. Die Tänzer*innen, die mit ihm gemeinsam arbeiten, müssen jedoch nicht nur die Gesten des auswärtsgedrehten Fußes beherrschen, sondern ihren Rollen eine Mimik verleihen, eine psychologische Tiefe, die sich auch um das schauspielerische Moment des Tanztheaters bemühen. Denn das darf in den Arbeiten des Engländers nicht fehlen, da er vor allem eines will: Erzählen. Das funktioniert nicht nur im Tänzerischen und Schauspielerischen, sondern vor allem in der Kombination mit dem wohl wichtigsten Part dieses Abends: dem der Musik, den man dem Komponisten Joby Talbot anvertraute. Aus der Aufgabe eine Klangsprache für das Wunderland zu entwerfen, entstand eine stark an Filmmusik erinnernde Partitur, die sich den Gebrauch des musikalischen Themas zu eigen machte. Die immer wieder erscheinenden Motive, in gleicher oder variierter Form, zeigen hier die musikalische Dimension der Geschichtenerzählung. Wohingegen das Pax de Deux der zwei Jungverliebten Alice und Jack zu Beginn einen Hauch der Naivität und Kindlichkeit besitzt, erhält das abschließende Liebesbekenntnis der nun Erwachsenen musikalisch eine andere Qualität, die eine Form der bewegenden Sinnlichkeit verspürt.

Wheeldons Konzept nimmt sich diesen Prozess, den träumerischen Höhen und Tiefen an, wodurch jede Begegnung der jungen Alice, sei es mit der Raupe, der Grinsekatze oder dem Hutmacher, ein wichtiger Schritt für sie selbst bedeutet und die Frage „Wo bin ich?“ wird zu einer Selbsterkenntnis, die Alice erst durch die Reise in ihr Unterbewusstsein erhält. Das Ballett, das Theater sind es, die die Kraft haben, diesen Träumereien einen Ausdruck zu geben, und konkurrieren doch immer wieder mit dem Film. Wheeldon scheint dies bewusst zu sein und so fordert er kurzum den Ballettabend ebenfalls medial heraus. Das Filmische, einnehmende Videoinstallationen, die Dreidimensionalitäten in der Wahrnehmung des Zuschauers verursachen, nutzt er um das Tänzerische zu erweitern und ihm einen Anstrich des farbenfrohen Stummfilms zu geben. Letztlich tut hier wiederum die Musik Talbots ihr Übriges, indem die Kombination aus den choreographierten Bildern mit den filmmusikalischen Elementen eine einnehmende Erzählweise ergeben, die Alice im Wunderland neben der Suche nach dem eigenen Weg zu einem beschwingten Spektakel werden lassen. Für alle diejenigen, die schon lange nicht mehr geträumt haben, für alle diejenigen, die noch an Wunder glauben, für alle diejenigen, die sich gerne verzaubern lassen.

 

Luisa Reisinger studiert im Master Theaterwissenschaft und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor hat sie ihren Bachelor im Fach Musiktheaterwissenschaft an der Universität Bayreuth absolviert. Ihre Abschlussarbeit widmete sie der ästhetischen Wirkung von Grenzzuständen und Tabubrüchen in der Performance Kunst am Beispiel der 24-h-Performance des belgischen Künstlers Jan Fabre. Seitdem liegt ihr Interesse vor allem im Ausdruck von Langzeitperformances sowie zeitgenössischen Tanz- und Performancepraktiken. Weitere Schwerpunkte sind die Erforschung von Arbeitsprozessen in Künstler*innenkollektiven sowie die Grenzziehung zwischen Ritual und Theater. Ihre Beobachtungen des Performativen erfolgen dabei immer aus einer theateranthropologischen Sichtweise, die einen soziologischen und medienkritischen Ansatz verfolgt. Neben dem Studium arbeitet sie seit mehreren Jahren als freie Mitarbeiterin beim Theatermagazin „Die deutsche Bühne“. 

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