Auf einen Cappuccino mit Milan Siljanov: Das Opernstudio war wie ein stimmliches Bootcamp

Am 5. Dezember gestaltet unser neues Ensemble-Mitglied Milan Siljanov einen Ensemble-Liederabend. Auf dem Programm stehen Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Hugo Wolf. Wir haben uns mit ihm bei einem Cappuccino über seinen Liederabend, das Leben als Sänger und seine größte Leidenschaften neben dem Gesang unterhalten. Und dabei hat er uns auch verraten, wie man einen Wettbewerb übersteht.

Ensemble-Liederabend mit Milan Siljanov
Mi, 5. Dezember 2018, 19.30 Uhr
Wernicke-Saak
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Milan Siljanov (Foto: Minjas Zugik)
Milan Siljanov (Foto: Minjas Zugik)

Schubert, Schumann, Brahms und Wolf: Bitte erzähle uns, wie Du das Programm ausgewählt hast.

Diese vier Komponisten sind die vier Hauptpfeiler deutscher Liedkunst. Es gibt sicher Leute, die da anders argumentieren, aber für mich und mein Stimmfach sind das die vier wichtigsten Liederkomponisten im deutschen Fach. Ich habe mich bewusst auch nur für deutsches Liedrepertoire entschieden, weil ich das sehr gerne singe. Mein erster Liederabend im Wernicke-Saal sollte deutsch sein.

Beginnen wir mit Grundsätzlichem: Singst Du lieber Lied oder Oper?

Das ist eine gemeine Frage (schmunzelt). Es gibt Aspekte, die ich an der Oper sehr mag und es gibt Aspekte, die ich am Lied sehr mag. Beim Lied schätze ich es sehr, kammermusikalisch zu arbeiten, und zwar mit dem Pianisten oder der Pianistin, in meinem Fall mit meiner Frau. Ich würde das Kammermusikalische in meinem Leben sonst vermissen. Beim Lied kann ich in das kleinste Detail, das ich mir noch ausdenke, hineintauchen, es formen und wenden, wie ich es will. Bei Opern, zumindest in meiner Karriere, sind die Abläufe grobförmiger.

Gibt es eine Partie oder ein Werk, das Du sehr gerne vortragen würdest, aber wahrscheinlich niemals singen wirst, zumindest nicht vor Publikum?

Ich werde nie in meinem Leben eine Schöne Müllerin und eine Schöne Magelone singen, weil das meiner Meinung nach für meinen Stimmtyp nicht so passend ist. Die Schöne Müllerin schenke ich den Stimmfächern Tenor, Bariton und natürlich Mezzo und Sopran. Aber wer weiß, vielleicht überlege ich es mir in ein paar Jahren anders und transponiere es einfach runter oder rauf. Im Opernfach würde ich gerne mal den Rodolfo singen, aber ich bin kein Tenor. Daher wird das leider nie stattfinden – es sei denn, jemand kommt auf die Idee, die Partie zu transponieren.

Zu Deinem Beruf als Sänger: Wolltest Du das schon immer werden?

Nein, ich habe zwar als kleines Kind immer im Chor gesungen und war zehn Jahre lang Tambour bei der Knabenmusik der Stadt Zürich, aber es hat sich erst sehr spät herauskristallisiert, dass ich beruflich singen möchte. Zuerst habe ich Klavier studiert, mit Gesang im Nebenfach. Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich kann mit Gesang mehr erreichen. Die Stimme ist vielmehr mein Instrument als es das Klavier jemals war. Eine Zukunft als Pianist war eher eine romantische Vorstellung, bei der ich wusste, dass sie nie in Erfüllung geht.  Ich habe es bis zu einem gewissen Grad gepusht, doch irgendwann stand ich in einer Sackgasse. Dann hat der Gesang übernommen und mich bis jetzt musikalisch erfüllt.

Wenn Du nicht in der Musik gelandet wärst, was hättest Du dann gemacht?

Ich hätte Geschichte, Religionswissenschaften und Sprachen studiert.  

Was fasziniert Dich daran?

Da ich aus einem mehrsprachigen Haushalt komme, haben Sprachen immer eine große Rolle gespielt. Eine fremde Sprache zu lernen, ist meiner Meinung nach der beste Weg, um sich als Mensch weiterzuentwickeln. Es gibt nichts Schöneres, als in ein fremdes Land zu gehen und die dortige Sprache zu beherrschen und zu verstehen. Allein der Prozess des Sprachenlernens ist aufregend. Für Religionen habe ich mich schon immer interessiert. Nicht, dass ich besonders gläubig wäre, aber ich empfand den wissenschaftlichen Aspekt immer sehr spannend. Und für Geschichte habe ich einfach ein Faible, das ist etwas Instinktives. In diesen Fächern war ich auch immer gut in der Schule. (schmunzelt)

Du hast bei uns am Haus im Opernstudio angefangen und bist seit dieser Spielzeit Mitglied des Ensembles. Hat sich in Deinem Alltag etwas geändert?

Ich glaube, es ist noch zu früh, um sagen zu können, was sich genau geändert hat. Was ich jedoch merke, ist, dass ich weniger kleinere Konzerte habe. Von anderen Sängern wurde mir bereits gesagt: Die zwei Jahre im Opernstudio werden die anstrengendsten sein. Und das stimmt, diese Zeit war wirklich intensiv. Doch ich glaube, nur zu meinem Vorteil. Man lernt, sich seine Aufgaben einzuteilen, es zeigt einem die persönlichen Grenzen auf und wie lange die Stimme hält. Du lernst, ob sich das ganze Studium ausgezahlt hat. Es war ein gutes Training, eine Art stimmliches Bootcamp.

Beim diesjährigen ARD Musikwettbewerb hast Du den 2. Preis und den Publikumspreis gewonnen. Wie hast Du Dich darauf vorbereitet?

Das „Spezielle“ war, dass ich mich sehr spät vorbereitet habe. Beim Repertoire, das ich mir ausgesucht habe, waren einige Stücke dabei, die ich öffentlich noch nie gesungen hatte. Im Nachhinein denke ich mir, vielleicht war es auch gut so. Das brachte eine gewisse Frische mit sich. Und weniger Routine. Ich hatte auch das Glück, im Opernhaus proben zu dürfen. Meine Frau hat mir sehr viel geholfen, wir haben die Stücke zusammen erarbeitet, da sie mich auch in den ersten beiden Runden begleitet hat. Dieser Wettbewerb war vor allem deshalb eine Herausforderung, da er so lange gedauert hat. Zudem hatte ich das Glück, zwei Preisträgerkonzerte zu singen. Das waren also sehr intensive zwei Wochen.

Singst Du lieber vor einer Jury oder vor Publikum?

Vor Publikum. Ich war bei jeder Runde extrem nervös. Wenn ich die Bühne betrete, fällt zwar jede Nervosität ab, aber alles davor ist furchtbar. Das hat auch damit zu tun, dass ich mir bewusst bin, dass Leute vor mir sitzen, die mich beurteilen. Natürlich beurteilt einen auch das Publikum, aber das ist anders. Bei einem Wettbewerb ist es manchmal schwierig, den künstlerischen Aspekt von einem sportlichen zu trennen. Auch, wenn man sich einredet, ich gehe jetzt da raus und bin einfach ein Künstler und mache Musik, man wird einfach an gewissen Parametern gemessen – und ich finde, das hat durchaus etwas Sportliches. Das hat mich nervös gemacht.

Hast Du einen Geheimtipp, mit dieser Nervosität umzugehen?

(Lacht.) Wenn mich Leute kurz vor meinem Auftritt beobachten, sehen sie, wie lustig ich manchmal aussehe. Ich schlage mir wie ein Gorilla auf die Brust. Ich habe mal gelesen, dass zwei Alphatiere kurz bevor sie miteinander kämpfen, ihr Adrenalin pushen, indem sie sich auf die Brust schlagen. Eigentlich müsste ich mal nachschauen, ob das überhaupt stimmt, aber es hilft mir.*

Was ist neben dem Singen Deine größte Leidenschaft?

Momentan ist es mein Sohn. Ich genieße es, Zeit mit ihm zu verbringen. Außerdem bin ich ein großer Sportfan. Ich mag Fußball, Tennis und Basketball.

Gibt es was, was Du an München besonders magst , und etwas, das Dich stört?

Ich mag München deshalb so sehr, weil es mich sehr an Zürich erinnert. Deutsche werden jetzt vielleicht lachen, aber München ist für mich, auch weil ich zwei Jahre in London gelebt habe, eine kleine Stadt. In London habe ich schnell gemerkt, dass ich nicht in einer so großen Metropole leben kann. In München gibt es einfach mehr Raum. Besonders gerne mag ich den Englischen Garten und die kulturelle Vielfalt, die Museen, die Theater und Konzertsäle. Was stört mich an München? Ich muss kurz überlegen… (schmunzelt). Das ist jetzt wieder der Schweizer, der aus mir spricht:  Der öffentliche Nahverkehr könnte manchmal ein bisschen pünktlicher sein. In dieser Hinsicht bin ich ein Bünzli (Anm. d. Red.: ein kleinkariert Denkender). Wenn die Tram nur eine Minute zu spät ist, denkt man schon an einen Protestbrief. Ich finde es aber schön, dass man hier noch Tramlinien hat.

Zum Abschluss: Worauf können sich die Besucher bei Deinem Liederabend freuen?

Die Besucher können sich auf ein vielseitiges Programm freuen – auch, wenn der Schein trügt. Ich singe zwar nur deutsche Komponisten, aber alle vier Komponisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Natürlich habe ich mir Lieder ausgesucht, die mir liegen. Es sind allerdings auch Lieder dabei, die ich noch nie öffentlich gesungen habe. Ich freue mich einfach, mich dem Publikum zum ersten Mal in einem intimen Rahmen vorstellen zu dürfen.

*eine Woche nach dem Interview kontaktierte mich Milan Siljanov und teilte mir mit, dass dieses Verhalten nur dem Imponieren dient.

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