Auf eine Apfelschorle mit Galeano Salas | Interview

Fast zwei Jahrhunderte umfasst das Programm, das Galeano Salas für seinen Liederabend im Dezember 2019 ausgewählt hat. Er wird an diesem Abend in fünf Sprachen singen. Ein abwechslungsreiches, unterhaltsames Programm, das den Charakter des mexikanisch-texanischen Tenors wunderbar widerspiegelt: „Der Ginastera, der macht richtig Spaß!“ Wir trafen das Ensemblemitglied zu Beginn der Saison auf einen Drink (in Wahrheit eine Apfelschorle) und sprachen über Stimmtraining, sein erstes großes Einspringen und den Münchner Wertstoffhof. (⇒ english version)

 

Galeano Salas ist Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper.
Galeano Salas als Betrunkener Sträfling in Leoš Janáčeks Oper AUS EINEM TOTENHAUS.

 

Wenn ich richtig recherchiert habe, bedeutet Galeano „Geschenk Gottes“. Ist Deine Stimme auch ein Geschenk Gottes?

Ich weiß nicht, wo Du das gelesen hast, aber ich hoffe, Du kannst mir die Website schicken. Das gefällt mir! Lacht. Ich würde nicht sagen, dass meine Stimme ein Geschenk Gottes ist. Viele Menschen haben schöne Stimmen – vor allem an der Oper. Allerdings hat in der Vergangenheit jemand meine Stimme als solche bezeichnet. Als ich anfing zu singen, war ich mir nicht sicher, ob Operngesang das richtige für mich ist. Ich hatte Popmusik im Kopf. Doch es gab einen Lehrer, der mich dazu brachte, ernsthaft über Oper nachzudenken, und er sagte, meine Stimme sei von Gott geküsst worden und für dieses Genre bestimmt.

Wann wurde Dir klar, dass Du Sänger werden willst?

In meinen Zwanzigern. Ich fing an zu singen, als ich 19 war, am College. Zuerst wollte ich Ingenieur werden, dann wechselte ich zum Schauspiel und dann zur Musik. Als Kind träumte ich davon, Formel-1-Fahrer zu werden.

Operngesang ist ein bisschen wie ein Formel-1-Rennen.

Das stimmt! Jedes „Rennen“ hat seine eigenen hohen Anforderungen.

Was musst Du tun, um Deine Stimme zu trainieren?

Ich sah ein Interview mit B. B. King und er sagte, wenn Du besser werden willst, musst Du üben – das ist das Wichtigste. Er hatte recht! Das muss nicht in einem regulären Proberaum sein. Du musst nur immer wieder die Dinge in Deinem Kopf hin- und herwenden. Sie entwickeln sich von selbst. Es ist wie beim Kochen. Die Zeit, in der sich die Aromen verbinden, ist wichtig und vergleichbar mit dem Singen.
Im Sommer war ich mental sehr weit weg von der Oper, aber ich hörte andere wirklich interessante Musik und jetzt, während ich an meinem Liederabendprogramm arbeite, versuche ich, diese Farben einzubauen. Leicht jazzige und geradlinige Passagen – nicht das, was ich normalerweise mache.

Du hast für Deinen Liederabend Werke von Beethoven, Britten, Duparc, Bellini und Ginastera ausgewählt. Was verbindest Du mit diesen Komponisten?

Sie sind alle Teil meines Lebens. Ich habe diesen Sommer zwei gute argentinische Freunde getroffen. So kam ich auf den Ginastera. Das Bellini-Set enthält das erste klassische Stück, das ich je gesungen habe – bei meinem Vorsingen an der Musikhochschule. Ich fühle mich jedem Stück verbunden und wollte außerdem ein abwechslungsreiches Programm haben. Der Ginastera ist interessant, weil seinen Liedern traditionelle argentinischen Tänze zugrunde liegen. Beim ersten Stück wird der Rhythmus durch ein anfängliches Steppen festgelegt. Ginastera hat den Duktus jedes einzelnen Tanzstils aufgegriffen. Das Gleiche gilt für Benjamin Britten. Ich singe einige seiner Folk Songs. Die Melodien sind einfach und schön, aber die Harmonien und Rhythmen hat er komplex gestaltet. Der Ginastera macht wirklich Spaß! Er wird dem Publikum gefallen.

 

Galeano Salas als Mainfroid in der Oper LES VÊPRES SICILIENNES.

 

Du wirst in fünf unterschiedlichen Sprachen singen. Wie macht man das?

Proben! Lacht. Ginastera und Britten sind kaum ein Problem, denn Spanisch und Englisch sind meine Muttersprachen. Bellini, nun ja, der größte Teil meines Repertoires ist auf Italienisch. Und Französisch singe ich gerne. Bleibt der Beethoven, an dem ich wirklich hart arbeiten muss. Ich singe das zum ersten Mal vor deutschem Publikum.

Sind die Vorbereitungen für den Abend schon abgeschlossen?

Oh nein, an den Details arbeite ich noch. Ich treffe Kollegen, die mir beispielsweise mit Aussprache und Stil helfen. Und ich probe natürlich auch mit Henning Ruhe, dem Pianisten. Mir ist es wichtig, möglichst viele Perspektiven zu kennen. Ich mag es, unterschiedliche Facetten mit mehreren Menschen zu diskutieren. Jeder versteht ein Stück auf andere Art und Weise. Das wiederum hilft mir, zu entscheiden, was ich mit der Musik sagen will. Der für mich richtige Weg kristallisiert sich so heraus.

Du hast mir erzählt, dass Du vor ein paar Wochen versucht hast, so viele Dinge zum Wertstoffhof zu bringen, dass sie Dich tatsächlich zu einem größeren schicken mussten. Fühlt sich München jetzt schon ein wenig wie „Zuhause“ an?

Ja, das tut es. Ich habe sowohl in Mexiko als auch in den USA gelebt. Das hilft mir, mich schnell einzuleben.

Vermisst Du die USA oder Mexiko?

Ja, wenn ich meine Familie treffe. Es tut sich so vieles, neue Kinder werden geboren und ich bin weit weg. Das ist hart. Aber ich genieße es auch, Teil einer für mich neuen Kultur zu sein. Wenn ich jetzt zurück in die USA komme, merke ich immer, dass sich meine Denkweise und auch mein Handeln verändert hat – zum Besseren.

Wirst Du auf’s Oktoberfest gehen?

Auf jeden Fall! Am Eröffnungssamstag.

In Lederhosen?

Es wird höchste Zeit, eine zu besorgen.

Was war Dein erster Eindruck, als Du vor drei Jahren Mitglied im Opernstudio wurdest?

Mein Vorsingen fand in den USA statt, also habe ich alle Vorbereitungen aus der Ferne getroffen. Als ich ankam, wurde mir erst das Ausmaß dessen bewusst, wovon ich davor nur gelesen hatten. Es gibt etwas wirklich Erstaunliches an den Arbeiten hier an der Staatsoper. Sie sind modern und relevant. Die Besetzungen, das Niveau, auf dem hier Musik gemacht wird – das ist beeindruckend!

 

Galeano Salas als Harry in LA FANCIULLA DEL WEST.

 

Wer waren die Helden Deiner Kindheit?

Meine Frau hat einige wichtige Helden aus Kindheitstagen: Frida Kahlo und der 18. Präsident der Vereinigten Staaten beispielsweise. Für mich gab’s die Ninja Turtles und Peter Pan.

Und wen bewunderst Du heute?

Schwierige Frage. Ich bewundere die Charakterzüge bestimmter Menschen, nicht eine bestimmte Person. Ich mag Menschen, die einfallsreich sind. Nur ein beliebiges Beispiel: Ashton Kutcher war ein sehr erfolgreiches Model, wurde dann Schauspieler und investiert jetzt in unterschiedlichen Branchen. Natürlich ist er kein Da Vinci, aber ich bewundere Menschen, die sich in unterschiedlichen Bereichen hervortun.

Als Jonas Kaufmann gegen Ende des Gesprächs plötzlich an unserem Cafétisch auftaucht, um seinen Kollegen zu begrüßen, wird diese Frage nochmals aufgegriffen.

Ihn könnte ich natürlich als Vorbild bezeichnen. Genau wie Matthew Polenzani und Piotr Beczala. Die haben sich Zeit für ihre Karriere genommen. Das gefällt mir. Manche Dinge brauchen einfach, um sich zu entwickeln.

Forbes Mexico wählte Dich zu einem der kreativsten Mexikaner 2018.

Das kam überraschend, das war aufregend! Ich stand auf einer Liste mit Carlos Santana, Rolando Villazón, Javier Camarena. Überwältigend... Mein Cousin schrieb mir, Du glaubst nicht, was ich gerade herausgefunden habe – so habe ich es erfahren. Aber in vielerlei Hinsicht bin ich sehr unkreativ. Ich mag es, wenn Dinge organisiert sind, ich kann Unordnung nicht leiden. Wenn jemand sagt, ‚Galeano, ich möchte, dass Du diese Opernrolle singst, aber ich habe noch keine Note geschrieben‘, ist das für mich eine verrückte Vorstellung. Das lässt zu viel offen. Aber wenn derjenige von einer neuen Koloratur spricht, die in einer mir bekannten Sprache geschrieben ist, und er sagt, es gehe um das Leben eines jungen Mannes, dann kann ich damit arbeiten. Etwas Disziplin ist hilfreich. Manchmal schafft sie sogar Freiheit.

Welche Produktion hat Dich bisher am meisten gefordert?

Für mich als Künstler war das Totenhaus die größte Herausforderung. Ich hatte die kleinste Rolle, ich sang 13 Noten, aber Castorf bat mich konstant, noch einen Schritt weiterzugehen. Jedes Mal, wenn ich beim Improvisieren von der Bühne ging, sagte er: „Komm auf der Seite wieder rein.“ Eine tolle Erfahrung! Ich musste auch einen spanischen Bibeltext aufsagen. Nie zuvor wurde ich gebeten, solche Dinge zu tun. Gesanglich am anspruchsvollsten war die Rolle des Rinuccio.

Drei Worte, die den 23. Dezember 2017 beschreiben, als Du für Pavol Breslik als Rinuccio in Gianni Schicchi eingesprungen bist:

WAS ’N TAG!
Zweieinhalb Stunden vor Vorstellungsbeginn wurde ich informiert. Das Einspringen war ein hundertprozentig kreativer und zugleich chaotischer Moment. Um mich herum ging’s total verrückt zu und ich musste trotzdem abliefern. Ich würde diese Erfahrung gegen absolut nichts eintauschen. Die Verbundenheit, die sich zwischen Pavol Breslik und mir entwickelte, war etwas ganz Besonderes. Gleichzeitig wollten Verwandte über Weihnachten zu mir nach München kommen. Die hatten sich verfahren und riefen mich während der Vorstellung an!

Letzte Frage: Welche Zugabe würdest Du nie bei einem Liederabend geben?

Nessun dorma wäre vermutlich kein geeignetes Ende für einen Liederabend. Aber ich kann natürlich nicht garantieren, dass ich es nie tun werde. Vielleicht blicke ich einer sehr langen Karriere entgegen ... und vielleicht bittet mich mal jemand darum. Lacht.



Der Liederabend von Gaelano Salas findet am Montag, den 9. Dezember 2019, um 19 Uhr im Wernicke-Saal statt.


 

Das Gespräch führte

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