Appell zum Nüsse knacken

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 3. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu John Neumeiers Der Nussknacker am 18. Dezember 2018.

Appell zum Nüsse knacken

Von Luisa Reisinger

In der Welt der Spitzenschuhe und Tutus ist bekanntlich alles schön. Schöne Arme, schöne Beine, schöne Füße und ohne weiteres gehören dazu: Schöne Kostüme, schöne Ausstattung, schöne Musik. Hier wird gekämpft, um die Schönheit der Perfektion. Ununterbrochen. Seit langer Zeit schon begeistern die akrobatischen Tanzhöhenflüge der russischen Balletttechnik und verursachen bei Groß und Klein glasige Augen, bebendes Händegeklatsche und wilde Bravorufe. Vor allem vor Weihnachten. Besonders in Der Nussknacker. Doch was bleibt, wenn die brillanten Primaballerinen ihre Chasses gehüpft und ihre Fouettes gedreht haben? Eine Geschichte, die bei genauerem Hinsehen nur als Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit hinzunehmen ist. Rufen wir die uns Erzählung von E.T.A. Hoffmann noch einmal ins Gedächtnis: Die kleine Klara bekommt von ihrem strengen Onkel Drosselmeier einen Nussknacker zu Weihnachten geschenkt und fällt nach einem aufregenden Tag in einen noch aufregenderen Traum. Dabei wird sie zur Beobachterin eines Kampfes zwischen, dem zum Leben erweckten Nussknacker und dem bösen Mäusekönig. Ähnlichkeiten mit Drosselmeier sind kein Zufall. Das kleine Mädchen ist dabei von ihrer Nüsse knackenden Holzgestalt mehr als angetan, er ist nun mal ein Prinz, der sie nach dem Sieg über das Böse in eine Märchenwelt entführt. Dort treten ein paar lustige Gestalten unterschiedlicher Nationen auf, um in mehreren kurzen Tanznummern Klara die weite Welt zu zeigen. So kommt die Kleine, wenigstens im Traum, aus ihrer gewohnten Biedermeierheimat raus, lernt sich selbst kennen, erwacht am Ende und, so hoffen wir, ist zur Frau gereift. Diesen Ansatz verfolgten die ein oder anderen Choreographen seit der Uraufführung im dem Jahr 1892 und umgehen damit die sperrige Abfolge der sehr kurz gehaltenen tänzerischen Divertissements im zweiten Akt, indem Klaras Traumintervention als kleiner Erkenntnistrip gedeutet wird. Jene Interpretation der Geschichte ermöglicht es auch der jungen Klara mehr als nur tänzerische Höchstleistung abzuverlangen, indem ihrer Figur ein Charakter gegeben wird und man ihr eine Option der Entfaltung bietet. Doch der Choreograph des Abends, John Neumeier, verschließt sich vor dieser Lesart und zeigt in seiner Inszenierung aus dem Jahr 1973, dass ihn die Tumulte der 68er Bewegung und das Ringen um eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in seiner choreographischen Arbeit und auf der Ballettbühne nichts zu suchen haben. Denn über zwei Stunden erleben die Zuschauenden wie Drosselmeier als Ballettchef Marius Petipa, der Choreograph der Nussknacker-Uraufführung, seiner Nichte die Welt über den tänzerischen Weg zu erklären versucht. Und das Publikum wird in seiner vorweihnachtlichen Euphorie zu Beobachter*innen und muss dabei zusehen, wie unter seinem Blick ihre Körperbewegungen kritisiert, verbessert und perfektioniert werden. Hier muss Einhalt geboten werden, denn im Jahr 2018 kann auch im klassischen Ballett etwas so Dargestelltes nicht ohne einen inneren Aufschrei hingenommen werden. Man möchte Klara, die hier als unwissendes Kind, unterwürfig und wissbegierig (wenn man es gut mit ihr meint) dem großen Lehrmeister zu sieht, bei der Hand nehmen, ihr helfen um sie aus den Fängen zu befreien. Denn in Neumeiers Interpretation ist und bleibt sie machtlos, tänzelt nervös von der einen zur nächsten Stelle und versucht einzig und alleine und immerwährend zu gefallen. Schade, dass sie nach dem ganzen Aufwand nicht einmal das spektakulär-romantische Pax de Deux mit ihrem Nussknackerprinz selbst tanzen darf. Neumeiers Nussknacker spielt ganz deutlich mit den Erwartungen, die den Kanonenwerken des klassischen Ballettrepertoires anheften und versucht diese zu umgehen, indem er der Geschichte kaum Beachtung gibt (wo war der Mäusekönig?). Vielmehr stellt er zwar ohne weiteres die Schönheit des Balletts aus, setzt jedoch dem strengen Tanzmeister Petipa mit seiner Inszenierung ein Denkmal, wobei man sich fragt, ob dieses Pedant eine Hommage nötig hat. Akzeptieren wir, dass die Inszenierung mit seinem musealen Charakter für uns heute ein tanzhistorisches Relikt darstellt und eine Zeitreise in die Choreographiepraxis der 70er Jahre ermöglicht. Ist das alles, was wir von diesem Abend mitnehmen? Hat es sich im 21. Jahrhundert für den Nussknacker ausgeknackt? Welche sind die Nüsse, die heutzutage zu knacken sind? Und wie gehören sie zerlegt? Vor allem in Amerika, wo das Werk Kultstatus genießt, wird Der Nussknacker gerne mal dekonstruiert, um sich den problematischen Themenfeldern der Erzählung anzunähern. Das empfiehlt sich, denn auch die Welt der Spitzenschuhe und Tutus sollte sich nicht ausschließlich in verstaubte Gewänder einhüllen und verstecken, sondern sich von antiquierten Lesarten befreien, um sich selbst und dem Publikum eine differenziertere Perspektive zu bieten. Denn wer behauptet, dass an Weihnachten die ganze Welt in Zuckerwatte gehüllt ist, täuscht sich ebenso, wie diejenigen, die eine über 40 Jahre alte Inszenierung ohne kritischen Blick rezipieren. Wer dies jedoch tun will, der schließt besser die Augen und lauscht der Musik und sucht die Nüsse, die heute zu knacken sind.

 

Luisa Reisinger studiert im Master Theaterwissenschaft und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor hat sie ihren Bachelor im Fach Musiktheaterwissenschaft an der Universität Bayreuth absolviert. Ihre Abschlussarbeit widmete sie der ästhetischen Wirkung von Grenzzuständen und Tabubrüchen in der Performance Kunst am Beispiel der 24-h-Performance des belgischen Künstlers Jan Fabre. Seitdem liegt ihr Interesse vor allem im Ausdruck von Langzeitperformances sowie zeitgenössischen Tanz- und Performancepraktiken. Weitere Schwerpunkte sind die Erforschung von Arbeitsprozessen in Künstler*innenkollektiven sowie die Grenzziehung zwischen Ritual und Theater. Ihre Beobachtungen des Performativen erfolgen dabei immer aus einer theateranthropologischen Sichtweise, die einen soziologischen und medienkritischen Ansatz verfolgt. Neben dem Studium arbeitet sie seit mehreren Jahren als freie Mitarbeiterin beim Theatermagazin „Die deutsche Bühne“. 

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