All the World’s a Mirror

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Mit „All the world’s a stage. And all the men and women merely players“ ist die Installation von Hubertus Hamm im Nationaltheater überschrieben. Es stimmt: Nirgendwo sind ganz gewöhnliche Menschen eitlere Schauspieler und kokettere Selbstdarsteller als im Theater – in den Foyers, auf den Treppen, in den Gängen, in den Restaurants, an den Bars, die vor sehr langer Zeit einmal Erfrischungsräume hießen: They have their exits and their entrances. Die Prachttheater des 19. Jahrhunderts – das Garnier in Paris, die Wiener Staatsoper, das Wiener Burgtheater, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das Münchner Nationaltheater, sogar das Münchner Kleinod Cuvilliés-Theater – sind Orte zum Schaulaufen, Schauflanieren, Schauinnehalten.

Hier ereignet sich das, was Ovid beschrieben und kritisiert hat: Manch einer gehe ins Theater, nicht um sich zu delektieren an der Kunst, sondern weil er sehen und, das vor allem, gesehen werden will. „Spectatum veniunt, veniunt, spectentur ut ipsae“, also: „Um zu schauen kommen sie, sie kommen (aber auch), um selbst gesehen zu werden!“ Dies finden wir in Ovids „Ars amatori“. Der Dichter und Philosoph wollte das Verhalten von Mädchen oder jungen Frauen bei Menschenansammlungen kritisieren, besonders im Theater. Es gibt die Überlieferung, Sokrates habe mit diesen Worten seine Frau Xanthippe zurechtgewiesen, die einer Prozession nicht in ihrem alten Mantel zusehen wollte – sie wollte schick sein und: auffallen. Wir wissen längst, dass Posing keine weibliche Eitelkeit ist. Und wer allein in eine Vorstellung geht, hofft insgeheim, das Theater in Begleitung zu verlassen – und das gilt nur für Langeweiler nicht und nicht für Spießer.

Manche Foyers sind wirkliche crusing aereas. Wer an solchen Orten Menschen fischen oder fangen will, wer auf so verwegene Spiele wie die Flirts, vulgo: die Anmachereien Lust hat und nicht leer ausgehen will, muss den bestmöglichen Eindruck machen. Die Spiegel in den Prachttheatern des 19. Jahrhunderts sind also zuerst einmal dazu da, nochmals an den Haaren zu zupfen oder am Einstecktuch, die Fliege zu richten oder die Stola – das ist ihr praktischer Nutzen. Wer sie beobachtet hat, die Frauen und Männer, die die Treppen aus der großen Halle des Bayerischen Nationaltheaters hinaufsteigen, weiß, dass niemand von ihnen sich nicht beäugt, kritisch oder selbstsicher, selbstverliebt oder eher furchtsam. Dass sie alle den Mann, die Frau an der Seite – und alle hinter sich sondieren, taxieren, werten – abschätzig, bewundernd, manchmal boshaft.

Weit wichtiger und weit öfter werden die Spiegel aber als Kommunikationsmittel genutzt. Während man im Gespräch mit Menschen ist, die nicht merken, dass man ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit schenkt, kann man sein Begehren über den Spiegel schönen Unbekannten signalisieren. Elias Canetti hat in seiner „Komödie der Eitelkeit“, 1933 publiziert, beschrieben, wie eine Gesellschaft sich entwickelt, wird ihr von den Machthabern ein Spiegel- und Bilderverbot verordnet. Gibt es keine Spiegel, so versuchen Menschen sich in Fenstern zu spiegeln oder in Flüssen – so machen es die eitlen Mädchen und Jungen in Marivaux’ bösen Komödien. Sie wollen ihr Bild! Und die Bilder der anderen!

Hubertus Hamm hat nun in den Ionischen Sälen die Spiegel, die zeigen, was ist, die zurückwerfen, was ihnen entgegentritt, verschwinden lassen und ersetzt durch sechs Spiegel-Bilder, die die Realität transformieren. Zum einen die sie umgebende Architektur. Dann die Außenwelt, die durch die Fenster dringt: den Himmel und die Häuser der Residenzstraße. Und schließlich: die Menschen, die sich diesen geformten, hochspiegelnden Edelstahlplatten nähern. Da diese verformten, mit Dellen versehenen Flächen auch noch drei verschiedene matte Farbigkeiten haben – sie glänzen champagner-, anthrazit-, silberfarben –, werden nicht nur die Formen gebrochen, verzerrt, entstellt, gespiegelt, sondern auch die Farben, die sich darin reflektieren, werden auf diese artifizielle Weise verändert. Die Ionischen Säle werden durch diese Installation zu einem bizarren Spiegelkabinett. Aus schönen Gesichtern werden Fratzen. Körper lösen sich auf. Da das Licht eine bedeutende Rolle spielt bei diesen Transformationsspielen, wird keiner dieser Molded Mirrors jemals dasselbe spiegeln.

Wir kennen wenige Kunstwerke, die auf diese Weise Räume, Gegenstände, Menschen immer wieder aufs Neue verwandeln. Obwohl nichts mit ihnen und an ihnen geschieht. Sie verändern sich allein, weil sich ihr Gegenüber, das sie umgebende Außen, das Bild eben, das sie abgeben und zugleich aufnehmen, nie wieder das gleiche sein kann. Spannender kann ein Bild nicht sein! Zumal der Betrachter – der zugleich Bestandteil des Bildes sein muss, denn er kann sich nicht entziehen – aufgefordert wird zu interpretieren, was er sieht, was er wahrnimmt, wohl wissend, dass es nicht die Wirklichkeit ist, nicht sein kann. Sondern ein manipuliertes, sich ständig erneuerndes Trugbild.

Hubertus Hamms Bildwerke sind theatralische Erfindungen, denn sie werden lebendig erst durch den Betrachter. Sie sind Behauptungen wie alle Bühnenfiguren: All the World’s a Mirror. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die Zuschauer vor diesen Kunstwerken verhalten oder benehmen werden. Man kann ängstlich vorbeihuschen – nur nicht hinsehen! – man kann kasperln mit ihnen – bin ich nicht cool! – oder auch nicht. Man kann experimentieren, sich betrachten in Mulden oder auf den gehämmerten Höhen. Man kann nach Flächen suchen, die Details der Realität (noch) spiegeln, oder aber jene Stahlgebirge suchen, die alles verschieben, zerstören – die eigene Physiognomie vernichten. Man kann Schönheit suchen oder Hässlichkeit. Gewiss wird man manchmal erblicken, entdecken, was man nicht zu entdecken wünschte. Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der oder die Schönste im ganzen Land? – Dieses Spiel funktioniert mit Hubertus Hamms Molded Mirrors nicht!

Aber wie in Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“ werden die aufmerksamen Beobachter der sich selbst Beobachtenden bemerken, wer sich vor Silber, Champagner oder Anthrazit stellt. Das heißt: Die Kunstspiegel von Hubertus Hamm ändern nichts am Spiel der Eitelkeiten. Nur das Flirten funktioniert nicht mehr mit ihnen. Das muss jetzt direkter angegangen werden. Aber ich bin sicher, es wird funktionieren – auch mit Dellen.

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