Achtung Lebensgefahr! Auf der Bühne wird geschossen

26.05.2017

Über 700 Pfeile jagen in den ersten 15 Minuten von Tannhäuser über die Bühne des Nationaltheaters. Die Oper startet zu den Klängen des Venusberges mit einem duchchoreographierten Bogenschützen-Ballett. Insgesamt 29 Tänzerinnen und Tänzer, vier Bogentrainer, eine Choreographin, ein Waffenmeister und nicht zuletzt sieben Türsteher stecken hinter dieser spektakulären Visualisierung der Ouvertüre. Wir verraten Euch, wie das funktionert.


Seit Beginn der Proben zu Tannhäuser hängen an allen sieben Türen, die auf die Bühne des Nationaltheaters führen, Zettel mit der Aufschrift „ACHTUNG LEBENSGEFAHR!!! Pfeil und Bogen Aktion“.  Bühnenarbeiter, die sich Türstehern gleich aufbauen, bewachen die Eingänge zusätzlich während der Proben und Vorstellungen, um sicherzugehen, dass sich nicht doch ein unachtsamer Techniker oder ein verspätetes Chormitglied in den Pfeilhagel verirren. Tödlich, wie die Warnhinweise an den Türen andeuten, wäre das wohl nur im unglücklichsten Fall, aber ausreichend für ernsthafte Verletzungen schon. Da die Geschosse in der Wand im hinteren Teil der Bühne auch stecken bleiben sollen, haben die Pfeile eine Spitze aus Metall und die Bögen besitzen eine Zugkraft von 16 bis 20 Pfund - das bedeutet, um die Bogensehne zu spannen, benötigen die Schützen in etwa dieselbe Kraft wie beim Heben von vier Mass Bier! Die Pfeile prallen so mit einem hörbaren „Fump“ auf die Wand auf und dringen bis zu zwölf cm in sie ein. Oft kommt es nicht vor, dass auf der Bühne des Nationaltheaters mit echten Projektilen geschossen wird und obwohl Pfeil und Bogen offiziell nicht als Waffe, sondern als Sportgerät gelten, ist der Waffenmeister der Bayerischen Staatsoper bei den Proben und Aufführungen immer vor Ort, um sicherzustellen, dass hinterher auch alle Bögen wieder heil in seiner Rüstkammer ankommen.

Die spektakuläre Choreographie ist auch für die Bogenschützen selbst riskant. Bei der kleinsten Unachtsamkeit, kann die zurückschnellende Bogensehne gegen ihren ausgestreckte Arm schnellen – eine schmerzhafte Erfahrung, die keiner von ihnen auf der Bühne machen will. Der Großteil der Schützen sind freiberufliche Tänzer, die vor den Tannhäuser-Proben noch nie einen Bogen in der Hand gehalten haben. Deshalb trainierten vier Mitglieder des traditionellen Feldbogensportvereins München Anfang April eine Woche lang täglich zwei Stunden mit den Tänzern. Danach studierte die Choreographin Cindy Van Acker in zwei bis drei Proben pro Woche die einzelnen Figuren und Bewegungsabläufe auf die Musik mit den Tänzern ein.

Tänzer bei den Proben zu Tannhäuser
Tänzer bei den Proben zu Tannhäuser
Mitglieder eines Feldbogensportvereins instruierten die Tänzer
Mitglieder eines Feldbogensportvereins instruierten die Tänzer
Explizite Warnhinweise auf allen Bühneneingängen
Explizite Warnhinweise auf allen Bühneneingängen
Formation während der Probe der Ouvertüre
Formation während der Probe der Ouvertüre

Van Ackers Choreographie der Bogenschützen führt in den ersten Minuten von Tannhäuser Pfeil und Bogen als eines von Castelluccis Leitmotiven ein. Während der Ouvertüre schießen die Pfeile mal einzeln, mal in Salven im Rhythmus der Musik auf ein projiziertes Auge. Die Schützen selbst wirken dabei wie die Anhängerschaft der römischen Jagdgöttin Diana. Sie evozieren aber auch die in Wagners Regieanweisung beschriebenen Amoretten, die im Venusberg „wie in Schlachtordnung […] einen unaufhörlichen Hagel an Pfeilen auf das Getümmel in der Tiefe [schießen]“. Pfeil und Bogen sind in der Ouvertüre akustisches, visuelles und symbolisches Instrument gleichzeitig: Das rythmische Schnalzen der Bogensehnen und das Aufprallen der Pfeile in die Wand verbinden sich in reizvoller Weise mit der Musik Wagners. Dazu ergibt sich ein faszinierendes Bild aus hunderten von fliegenden Pfeilen, die sich an der Wand immer mehr verdichten. Zur symbolische Bedeutung von Pfeil und Bogen berichtet Castellucci hier persönlich.

Nach dem Verklingen der Ouvertüre verschwindet die 2,7 Tonnen schwere, mit Pfeilen gespickte Wand in der Oberbühne. In der Pause ziehen dann vier Bühnenarbeiter in etwa 20 Minuten alle Pfeile wieder heraus. Die Einschusslöcher verschließen sich, dank dem besonderen Material der Wand, sogenanntem Ethafoam, von selbst wieder. So ist die Wand wieder bereit, um bei der nächsten Vorstellung aufs neue wie wild beschossen zu werden.

Falls Sie keine Karten für Tannhäuser erhalten haben, können Sie das Spektakel kostenlos am 9. Juli 2017 über den Stream via STAATSOPER.TV oder auf großer Leinwand auf dem Max Joseph Platz bei Oper für alle verfolgen.

von

Alena Grimbs

Zurück

Kommentare

Neuer Kommentar