Abstraktion statt Konkretion

Pavillon 21KinderUndankbare Biester

Vor ein paar Jahren habe ich einen Dokumentarfilm über Erwachsene gesehen, die (aus finanziellen oder künstlerischen Gründen) in ihrer Kindheit oder Pubertät in einem Film mitgespielt haben. Die Mehrheit von ihnen hatte das flotte Arbeitstempo, die mitunter aggressive Themenwahl und die für ein Kind unübersichtlichen Beziehungsstrukturen der Erwachsenenwelt als traumatisch empfunden. Bei unserer Arbeit mit den Kindern für Undankbare Biester kamen in mir oft die erwachsenen Kindergesichter dieses Dokumentarfilms hoch.

Eine unserer Absichten war es, den Kindern in der Zusammenarbeit ihren eigenen Willen zu lassen. Wir wollten mit der Gewohnheit brechen, Kinder darstellerisch in die zweite Reihe zu stellen und ihrer Zwangsinfantilisierung vor dem Publikum ein Ende setzen. Die Geschichten, die wir für das Sujet gesammelt haben (wahre Misshandlungsgeschichten), sind für uns nicht ausschließlich in der Welt der Kinder verhaftet. Sie haben vielmehr das allgemeine Wissen in uns allen verstärkt: Der Mensch ist ein zerbrechliches Wesen, und seine Zerbrechlichkeit zeigt sich in ihrer vollen Tiefe nicht unbedingt durch physische Misshandlungen. Als wir mit den Kindern an unserem Libretto gearbeitet haben, war der wichtigste Aspekt vielleicht, dass nicht die Einzigartigkeit der Fälle, sondern deren Grausamkeit ausgesprochen wird – jedoch immer dem Alter des Kindes entsprechend. Sie konnten mit eigenen Worten formulieren, dass der Mensch ein natürliches, aber auch ein gesellschaftliches Wesen ist. Ich denke, wenn jemand das weiß, und mit diesem Wissen sein Leben einrichtet, wird er sich selbst und seinen Mitmenschen später weniger ausgeliefert sein.

Doch egal wie nobel unser zu erreichendes Ziel war, hat uns eine Frage immer begleitet: Dürfen wir das den Kindern antun? Die Fachleute unserer Gruppe (Schauspiellehrer, ein Musikpädagoge, ein Psychologe usw.) sind davon ausgegangen, dass Kinder im Grunde alles wissen, dass jedoch die Erwachsenen nur darauf achten müssen, dieses Wissen nicht zu missbrauchen. Ich habe während meiner Arbeit als Regisseur versucht, Situationen zu vermeiden, in denen die Mitwirkenden sich schämen mussten. Sie mussten ihre Erfahrungen, Gedanken, Regungen nicht mit formalen Lösungen ausdrücken, die ihrem jeweiligen Lebensalter fern wären.

Wir wollten auf der Bühne für den Rezipienten etwas schaffen, das sich weniger visuell als vielmehr durchs Hören deuten lässt. Deswegen ist die Gattung der Oper als Ausdrucksmittel auch so geeignet: Das Musiktheater als Genre macht vom ersten Augenblick an deutlich, dass das Darstellerische einer Abstraktion unterliegt.

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