8 Fragen an den Chor der Bayerischen Staatsoper

20.12.2016

Über 100 Stimmen stark ist unser Chor. Über 100 Mitglieder, die täglich zum Proben und zu Aufführungen ins Nationaltheater kommen. Aber wie arbeitet eigentlich ein Chor? Wie ist das, mit so vielen Kollegen tagtäglich zusammen zu sein? Und was machen Sänger bei Halsschmerzen? Stellvertretend für den Chor der Bayerischen Staatsoper beantwortet Chorvorstand Thomas Briesemeister Eure Fragen:

Thomas Briesemeister (Foto: Wilfried Hösl)
Thomas Briesemeister (Foto: Wilfried Hösl)
Chorkonzert im Herculessaal 2015

1) Man kann ja vermutlich nicht den ganzen Tag lang singen bzw. proben und das fünf oder sogar sieben Tage in der Woche. Was macht ihr in der Zwischenzeit? Wie sieht ein normaler Tag im Leben eines/r Chorsängers/in aus?

Die menschliche Stimme ist ja nicht unendlich belastbar, so sind Singpausen nötig. Unser Arbeitstag ist geteilt und gliedert sich in Proben und Aufführungen, wir nennen das Dienste. Der Vormittagsdienst besteht fast nur aus Proben und am Abend finden entweder Proben oder Aufführungen statt. Daher dient der Nachmittag der Stimmerholung. Der normale Tag eines Opernchorsängers ist im Grunde geprägt davon, den geteilten Arbeitstag zu organisieren. Es gibt da einige Vorteile: Man kann tagsüber zum Amt oder Arzt gehen, oder Dinge erledigen, die viele sonst nur am Wochenende tun können. Der Vormittagsdienst beginnt frühestens um 10 Uhr, so ist man auch nicht zu den Stoßzeiten im Nahverkehr unterwegs. Idealerweise möchte man sich am Nachmittag noch etwas ausruhen, weil der Abenddienst ja recht spät endet, so gegen 22:30 Uhr bei Aufführungen. Wenn man das nicht schafft, ist so ein normaler Tag recht lang und kann dann auch für die Familie etwas belastend sein. Aber dieser Job ist etwas ganz Besonderes. Viele haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und das entschädigt so Einiges!

2) Man hört den Chor nie gehen, selbst wenn sie hüpfen oder mit 50 Mann auf der Bühne rumrennen. Ich möchte gerne wissen, ob sie üben, leise zu gehen?

Das freut uns zu hören! Wir können das selbst nicht nachempfinden, wie laut die Besucher uns im Zuschauerraum gehen hören. Oft ist es eher sogar so, dass wir von den  Verantwortlichen an der Bühnenseite kurz darauf hingewiesen werden müssen, leise zu sein. Also nein, speziell üben wir das nicht.

Carmen: Chor und Statisterie
Mefistofele

3) Ist es anstrengend, im Beruf ständig so viele Leute um sich zu haben?

Das wird sicher sehr individuell wahrgenommen. Aber wir sind schon eine gute Gemeinschaft, wir machen ja alle das Gleiche und wir kennen uns oft über viele Jahre. Bedingt durch die szenische Arbeit kommen wir uns auch oft näher als in anderen Berufen. Im Opernchor herrscht allgemein auch ein starker Zusammenhalt und kleinere „Raufereien“ können wir gut unter uns klären. Viele betrachten den Chor fast schon als ihre zweite Familie.

4) Wie viele Sprachen muss man beherrschen, um im Chor zu singen zu dürfen?

Sprachen beherrschen müssen wir eigentlich keine. Chormitglieder anderer Nationen sollten einigermaßen Deutsch sprechen und verstehen können. Um in den verschiedensten Sprachen, wie Italienisch, Französisch, Russisch und auch Tschechisch singen zu können, sollte man gewisse Kenntnisse der Lautschrift haben. Es ist auch immer ein Sprachcoach für uns da. Eine Voraussetzung an Sprachkenntnissen gibt es aber nicht.

5) Der Chor ist das Beste an der Oper! Nichts ist großartiger, als wenn ein Chor in kompletter Mannstärke die Bühne stürmt und einen so krassen Einsatz hinlegt, dass einem die Ohren wegfliegen. Ich würde gern wissen, was das für ein Gefühl ist, wenn man weiß, dass gleich das Publikum weggepustet wird.

Wir wissen schon welche „Schlagkraft“ unser Opernchor hat, das konnte bestimmt jeder von uns auch einmal aus dem Zuschauerraum wahrnehmen. Aber dieses Feedback ist natürlich toll! Denn je nach den akustischen Verhältnissen des Bühnenbildes können wir das selbst nicht gut beurteilen. Manche Besucher erzählen auch, dass sie Gänsehaut bekommen, wenn der Chor singt. In unserem Bewusstsein ist das schon verankert, dass wir einer der größten Chöre Europas sind und das macht uns stolz! Aber wir hören solche Komplimente natürlich auch gerne.

Boris Godunow
La Favorite

6) Einen ganzen Chor auf der Bühne zu choreografieren ist sicher nicht einfach. Was war bisher die schwierigste Szene, die ihr einstudieren musstet und warum?

Es ist für jedes Regieteam eine besondere Herausforderung mit einem Opernchor zu arbeiten, gerade weil wir so viele sind und es ein gehöriges Maß an Organisation erfordert, uns zu leiten. Choreografien im klassischen Sinne, wie bei Musicals oder Operetten gibt es bei uns weniger. Eine anspruchsvolle Choreografie für die Männer des Opernchores ist der Soldatenauftritt in Il barbiere di Siviglia. Das ist immer etwas aufregend, weil eben jeder kleine Fehler sofort auffällt. Wohl die schwierigste Choreografie gab es in der alten Boris Godunow-Inszenierung, das so genannte Polenbild. Dafür wurde extra ein Choreograf engagiert. Diese Szene ist in der aktuellen Fassung von Boris gestrichen. Szenen sind dann oft schwierig, wenn wir entweder tanzende Ballgäste oder marschierende Soldaten darstellen sollen. Da geht es oft nicht ohne Choreografie.

7) Tipps von den Profis: Was ist das beste Mittel gegen Halsschmerzen und Heiserkeit?

Vor Halsschmerzen haben wir besonders viel Respekt. Es hat auch bei uns jeder so sein eigenes Mittelchen, ich möchte aber keine Werbung machen. Viel trinken und fast ständig zuckerfreie Lutschtabletten helfen ganz gut. Mit dem Singen sollte man sich dann allerdings zurückhalten.

8) Was war das unbequemste Kostüm, das ihr jemals anziehen musstet?

Die meisten Kostüme sind angenehm. In der Produktionsphase und in den Kostümanproben nehmen die Kollegen aus der Schneiderei viel Rücksicht auf einzelne Bedürfnisse der Chormitglieder. Unangenehm sind eigentlich vor allem Kostüme, die man nur im Winter tragen würde. Es ist sehr warm auf der Bühne, das Singen ist auch körperlich sehr anstrengend und so sind dicke Mäntel und Schals, Winterstiefel, teils Perücken mit Mützen eine zusätzliche Belastung. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Nur in Unterwäsche auftreten ist für viele schon an sich unangenehm und dann wird es auch mal schnell zu kühl.

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