50 Jahre Kammermusik

KammermusikOrchesterJubiläum

Für die kommenden drei bis vier Jahre, sagt Stefan Rauh, seien die Konzerttermine schon ausgebucht. Immer mehr Musiker des Bayerischen Staatsorchesters wollen in der Reihe spielen, die heute ihren fünfzigsten Geburtstag feiert. Stefan Rauh leitet sie gegenwärtig zusammen mit Vera Becker. Wie es seit 1976 Tradition ist: ein Streicher, ein Bläser.

Angefangen hat alles mit einem Klarinettisten: mit Gerd Starke. 1956 stieß Starke von der Sächsischen Staatskapelle Dresden zum Bayerischen Staatsorchester. An der Semperoper hatte Starke erlebt, wie sehr Kammermusik Orchestermusiker formen kann. „Man ist ständig auf Feinheiten angewiesen und darauf, eine eigene Klangvorstellung zu entwickeln. Das tut auch dem Orchesterklang gut“, ist Starke, der bald seinen achtzigsten Geburtstag feiert, noch heute überzeugt. Also trommelte er, fand Unterstützung vor allem bei Generalmusikdirektor Joseph Keilberth und bei Chefdramaturg Hermann Frieß. Nach zwei Serenaden 1959 im Brunnenhof der Residenz erlebte München am 17. Januar 1960 das erste Kammermusikkonzert des Staatsopernorchesters. Als Starke 1966 zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wechselte, übernahm der Flötist Walter Theurer, schon zuvor für Starke ein wichtiger Berater. „Ich hätte noch zehn Jahre wirken können“, sagt Starke, „die Vorschläge kamen stapelweise.“

Von „einem Überangebot an Programmen und an Leuten“ berichtet auch Hans Schöneberger, ein weiterer Soloklarinettist, der ab 1976 mit dem Solobratscher Fritz Ruf die erste Doppelspitze bildete. Die Initiative jedoch, meint er, sei seinerzeit hauptsächlich von den Jungen ausgegangen. Oft seien es immer dieselben Musiker gewesen, die Kammermusik hätten machen wollen. Das erkannte auch Peter Blaumer, von 1980 bis 1991 neben Wolfgang Haag für die Reihe verantwortlich. Und wollte es ändern. „Mein Ziel war“, sagt der ehemalige Bratschist, „möglichst viele Kollegen zu ermutigen, Kammermusik zu machen“. Beim silbernen Jubiläum vor 25 Jahren standen schließlich 38 Mitglieder des Staatsorchesters in einem einzigen Konzert auf der Bühne, zum 50jährigen heute werden es in vier Konzerten noch mehr sein. Kammermusik schafft so ein Band zwischen dem Staatsorchester und der Öffentlichkeit weit über die Staatsoper hinaus. Der einzelne Musiker taucht nicht nur anonym im Orchestergraben auf, sondern bekommt einen Namen, ein Gesicht.

Blaumers Erfolg gründete auch auf prominenter Unterstützung seitens des Hauses. Wolfgang Sawallisch, selbst ein Pianist von Gnaden, liebt Kammermusik. Noch heute schwärmen ehemalige Orchestermusiker von der Bescheidenheit des Generalmusikdirektors, Intendanten, Operndirektors als Kammermusikpartner. „Man konnte ihn immer fragen“, erzählt Friedrich Kleinknecht, bis 2007 Cellist im Staatsorchester, „er war ein so reizender Kammermusiker, wie man ihn sich nicht besser wünschen konnte“. Richtig stolz sei Sawallisch gewesen, auch wenn er bloß als Zuhörer zum Konzert gekommen sei, habe oft in Proben die Konzerte vom Vortag gelobt. „Selbstlos auf höchstem Niveau“, so Peter Blaumer, habe er völlig unabhängig von Hierarchien mit wirklich jedem Orchestermusiker zusammengearbeitet, der dies wünschte. Gleich zu Beginn der Ära Sawallisch an der Bayerischen Staatsoper, im Jahre 1972, wurde die Kammermusikreihe denn auch von vier auf sechs Matineen pro Spielzeit erweitert. Seit 1984 werden sie zudem ein weiteres Mal als Abendprogramm wiederholt. Für einen einzigen Auftritt sei das Einstudieren der Programme manchmal schon unverhältnismäßig gewesen, berichtet Hans Schöneberger. Viel schöner, sie zweimal zu spielen. Schließlich arbeiten die Musiker an komplexeren Stücken teilweise bis zu einem halben Jahr, da die Proben außerhalb des regulären Staatsopernbetriebes stattfinden müssen. Manchmal, erzählt Kleinknecht, müsse man schlicht auch mehrere Stücke ausprobieren, bevor man den Leitern der Kammermusik ein endgültiges Programm vorschlage.

Die Kammermusikreihe des Staatsorchesters war schließlich schon immer höchst demokratisch. Kammermusik, sagt Blaumer, sei „etwas sehr Familiäres“. Da könne man nicht von außen Konstellationen und Programme diktieren, allenfalls einmal Hinweise auf weitere mögliche Stücke und Spielpartner geben. Seine Nachfolger halten es bis heute ebenso: Die Musiker selbst schlagen vor. Eine Eigenverantwortung, die anspornt: Die Selbstverpflichtung zu Proben scheint nach allen Berichten nie problematisch geworden zu sein. Notfalls, erzählt Hans Schöneberger, habe man sich eben auch einmal in der Früh um acht, noch vor der Vormittagsprobe der Oper getroffen. Denn als einzige Regel gilt: Auswärtige Musiker kommen dem Staatsorchester nicht ins Haus. Außer natürlich bei orchesterfremden Instrumenten wie dem Klavier. Aber selbst hier helfen wie bei den heutigen Festkonzerten oft die sowieso schon vielbeschäftigten Korrepetitoren der Oper aus. Er habe über die strenge Regel, erzählt Peter Blaumer, immer wieder einmal große Konflikte aushalten müssen, aber letztlich sei sie „ein ungeschriebenes Gesetz“ geworden. Gezielt förderte Blaumer auch, dass sich die neuen Musiker in Führungspositionen des Orchesters innerhalb der Kammermusikreihe als Solisten vorstellten. Wie aber einen einzelnen Musiker herausheben, ohne das Gemeinschaftliche, Spezifikum gerade der Kammermusik, zu zerbrechen? In den institutionalisierten Duo-Recitals als Sonderprogramme, in denen Solisten des Orchesters nur vom Klavier begleitet auftreten, hat sich gegenwärtig auch dafür die perfekte Lösung gefunden.

Denn die besondere Stärke der Familie Orchester ist natürlich, dass immer wieder auch Stücke in größeren Besetzungen gespielt werden können, die private Veranstalter wegen der hohen Kosten sonst scheuen. Gerade zu Beginn der 60er Jahre sowie der 80er Jahre standen immer wieder ganze Kammerorchester auf der Bühne des Cuvilliés-Theaters, das bis zur Renovierung im Jahre 2004 die Reihe beheimatete. Besonders Generalmusikdirektor Zubin Mehta stellte sich für größere Besetzungen immer wieder als Dirigent zur Verfügung, sein Nachfolger Kent Nagano hält es ebenso. Daneben waren aufgrund der Orchesterstruktur auch ungewöhnliche Besetzungen immer gut möglich, Kammermusikstücke etwa mit Harfe von E.T.A. Hoffmann oder André Jolivet. Über die Kammermusikreihe, erzählt Friedrich Kleinknecht, hätten sich die Musiker untereinander immer besser kennengelernt. „So bilden sich im Orchester Freundschaften.“ Die Reihe der festen Ensembles, die aus der Kammermusikreihe hervorgegangen sind und auch außerhalb derer gemeinsame Konzerte geben, ist denn auch lang. In erster Linie natürlich die Quartette als wichtigste Standardformation der Kammermusik: das Endres-Quartett, das Sinnhofer-Quartett, das Leopolder-Quartett oder aktuell das Schumann-Quartett. Aber auch das Münchner Klaviertrio wäre zu erwähnen. Unter den reinen Bläserensembles bestritten vor allem die Bläservereinigung Friedrich Sertl in den 60er Jahren und heute das Holzbläser-Quintett KKISS und OperaBrass gleich mehrere Abende innerhalb und außerhalb der Reihe. Nur dass ihnen das Cuvilliés-Theater seit der Renovierung nicht mehr als regelmäßiger Spielort zur Verfügung steht, ist für viele Musiker ein Wermutstropfen. Die Allerheiligen Hofkirche hat inzwischen freilich als Ort der Kammermusik einen hervorragenden Ruf in der Öffentlichkeit gewonnen, obwohl akustisch einige Wünsche offen bleiben.

Auch dass von Anfang an beide Konzerte, die Sonntagsmatinee wie der nachfolgende Dienstagabend, Abonnementreihen bildeten, ermöglichte immer wieder Stücke, die man außerhalb der Reihe fast nie zu hören bekommt. Gerade Blaumer liebte es, „seine“ Musiker auf Randständiges hinzuweisen, auf die Kammermusik etwa von Joseph Eybler oder von Johann Nepomuk Hummel. Beim 30-jährigen Jubiläum stellte er ein Programm ganz aus Kompositionen von bayerischen Generalmusikdirektoren zusammen. Neben Werken von Franz Lachner, Bruno Walter, Hans Knappertsbusch und Ferenc Friscay konnte man da auch ein Streichquartett hören, das Wolfgang Sawallisch während seiner Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg komponiert hatte. Man habe Sawallisch erst im privaten Rahmen mit der Aufführung eines Satzes überraschen müssen, erzählt Blaumer, bevor der sein Placet für die Aufführung des „alten Zeugs“ gegeben habe. Die Kammermusikreihe, sagt Hans Schöneberger, sei einfach etwas, „wo man Sachen spielen kann, die man sonst nirgends unterkriegt“. Und bemerkt: „Die modernen Sachen waren oft die, die beim Publikum am besten ankamen.“

Seit Mitte der 90er Jahre hat denn auch die Kammermusik des 20. Jahrhunderts eine eigene feste Heimat beim Staatsorchester gefunden. Nachdem zunächst die Münchener Biennale in den „Klangspuren“ mit dem Staatsorchester zusammengearbeitet hatte, entstand vor allem auf Initiative des ehemaligen Chefdramaturgen Hanspeter Krellmann eine eigene weitere Reihe. „XX/XXI“ kombiniert programmatisch Werke des 20. Jahrhunderts, die damit als ganz normaler historischer Bestandteil des Repertoires gelten dürfen, mit Uraufführungen jüngerer Komponisten, deren Wirken schon vollständig dem 21. Jahrhundert angehört. Auf Initiative von Kent Nagano kam zudem 2006 das „OktoberMusikFest“ hinzu. Seit dem vergangenen Jahr besteht für diese sechs bis acht weiteren Konzerte eine Kooperation mit dem Max-Planck-Institut, die so systematisch wie spielerisch Brücken zwischen Kunst und Naturwissenschaft schlägt.

Fünfzig Jahre nach ihrer Gründung steht die Kammermusik innerhalb der Bayerischen Staatsoper also besser da denn je. Auch die Festspielkonzerte, entstanden aus den Brunnenhofserenaden als Vorläufern der ganzen Reihe, werden schließlich weitergepflegt und von diesem Jahr an auch thematisch enger als zuvor an die Festspiele gekoppelt. Zählt man alle Konzerte zusammen, so sind aus den anfänglichen – inklusive Brunnenhof-Serenaden – sechs inzwischen über zwanzig Kammermusikprogramme pro Spielzeit geworden. Die älteren Musiker, die das solistische Musizieren außerhalb des Orchesterverbands vorangetrieben haben, beobachten mit Freude, dass ihre Idee derart umfangreich aufgegriffen wird. Die Idee von Peter Blaumer, dass möglichst viele Musiker Kammermusik machen, hat sich durchgesetzt, auch entstehen derzeit wieder neue feste Ensembles wie das LazArt-Quartett, das Odeon-Quartett oder die „Hornisten des Bayerischen Staatsorchesters“. Orchestermusiker belegen mit jedem Programm aufs Neue, dass sie alles andere als bloße Tuttispieler sind. „Das Niveau ist gestiegen“, anerkennt Blaumer, „heute haben die Kollegen mehr Selbstbewusstsein und können oft auch mehr, da muss ich ehrlich sein. Die Leistung überzeugt mich einfach.“

Kommentare

  • Am 12.04.2017 um 16:46 Uhr schrieb Smithb951

    John

    The principle isn't to artificially turn out to be effective, fdagfcdgdeeafdeb

Neuer Kommentar