„The rest is noise“

13.11.2017

Kammerkonzerte bieten sowohl für die Musiker als auch für das Publikum eine ganz besondere Form der musikalischen Auseinandersetzung. Ähnlich wie bei Liederabenden ist der Rahmen viel kleiner und intimer. Die Instrumente entfalten abseits vom großen Orchesterklang ihre Wirkung, und man ist ganz einfach physisch „näher dran“. Die Musiker können das Programm selbst auswählen, untereinander die musikalischen Vorgaben diskutieren und auch selbst entscheiden, was sie dem Publikum vermitteln möchten.

Andreas Schablas (Foto: Wilfried Hösl)
Jakob Spahn (Foto: Wilfried Hösl)
Aleksandar Madzar
 

In zwei Wochen spielen Andreas Schablas (Klarinette), Jakob Spahn (Violoncello), Maria Stange (Harfe) und Alexandar  Madzar (Klavier) da nächste Kammerkonzert in der Allerheiligen Hofkirche. Höchste Zeit, sich genauer anzusehen, was gespielt wird:

Das 2. Kammerkonzert ist ein besonders abwechslungsreiches Kammerkonzert-Programm in dieser Saison. Zwischen zwei „klassischeren“ Werken von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms erwarten Sie zwei Komponisten der neueren Zeit: Iannis Xenakis und Isang Yun. Anders als bei den bekannteren älteren Werken ist bei modernen Komponisten oftmals eine detaillierte Einführung hilfreich. Denn wenn wir ehrlich sind: Zum Sonntagsfrühstück, so nebenbei, hört man sich das eher selten an.

Wir haben uns daher diese beiden Komponisten mal etwas näher angeschaut:

Isang Yun

Isang Yun (Foto: Isang Yun Gesellschaft)

Man fragt sich, warum eigentlich noch niemand einen Roman über die Lebensgeschichte von Isang Yun geschrieben hat. Am 17. September diesen Jahres wäre er 100 Jahre alt geworden. Im heutigen Südkorea geboren (damals noch eine japanische Provinz), erreichte er erste musikalische Bekanntheit mit seinen Schulkompositionen und konnte dank mehrerer Preisgelder in den 1950er Jahren für ein Kompositionsstudium nach Paris gehen. Schon wenige Monate nach seiner Ankunft in der Pariser Hauptstadt erhielt er die Möglichkeit, in Berlin bei Boris Blacher Komposition zu studieren. Sein Interesse galt vor allem der Zwölfton-Technik. Schönbergs Lehre über die Gleichwertigkeit der Töne faszinierte ihn. Boris Blacher bestärkte ihn, seine ganz eigene kompositorische Sprache zu entwickeln. Yun bezog die musikalischen Einflüsse aus dem asiatischen Kulturkreis in die Zwölfton-Technik ein. In seinen Kompositionen konzentrierte er sich dabei stets auf den Einzelton selbst und die daraus entstehende Klanggestaltung. Also weg von einer vertikal gedachten Musikstruktur (Akkorde) und hin zu einer Horizontalen (Fokus auf einen Ton). 1967 ereignete sich etwas, was niemand für möglich gehalten hätte und das Yuns Leben radikal veränderte. Noch heute kann man es kaum glauben: Yun wurde vom koreanischen Geheimdienst in Berlin entführt, zurück nach Seoul gebracht und zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Vorwurf: Landesverrat. Unzählige bekannte Künstler setzten sich daraufhin für seine Freilassung ein: u. a. und Herbert von Karajan, Bernd Alois Zimmermann, Györgi Liegti und Karlheinz Stockhausen. Erst 1971 konnte er nach Berlin zurückkehren, wo er dann auch sofort die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Hier findet er auch künstlerische seine Heimat.

Zu Yuns Stück Recontre, das bei dem Kammerkonzert aufgeführt hat, gibt es einen Artikel der Isang Yun Gesellschaft, den Sie hier Externer Linknachlesen können.

Iannis Xenakis

Iannis Xenakis 1975 (Credit: Friends of Xenakis)

Von der Zwölftonmusik zur Stochastik. Klingt mathematisch und kompliziert, ist es auch.

Iannis Xenakis wäre prädestiniert für den Fortsetzungsroman „Unglaubliche Lebensgeschichten moderner Komponisten“. Der am 29. Mai 1922 geborene Grieche brachte sich sein musikalisches Wissen zunächst autodidaktisch bei. Sein politischer Kampf gegen den Nationalsozialismus und seine Haltung im anschließenden griechischen Bürgerkrieg brachten ihn in Konflikt mit den damals geltenden Gesetzen; er wurde gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Er konnte jedoch nach Paris fliehen und begann dann seinen Kompositionsunterricht bei Arthur Honegger, Darius Milhaud und Oliver Messiaen. 

Seine zweite Leidenschaft, die Architektur, wurde durch eine Begegnung mit Le Corbusier geweckt. Zwölf Jahre lang arbeitet er als dessen Assistent und widmete sich damit neben der Komposition dem nicht weniger komplexen Bereich der Architektur. Ein Mann, dessen unterschiedliche Interessen seinen Kompositionsstil beeinflussten: Mathematik, geometrische Formen, Philosophie und Architektur. Das knapp vierminütige Stück Charisma für Violoncello und Klarinette zeigt auf beeindruckende Art die Klangmöglichkeiten der beiden Instrumente zwischen Melodie und Mathematik.

Den Rahmen der sonntäglichen Matinee bilden wohlbekannte Geschichten und Stücke:

Beethovens Gassenhauertrio, das er vermutlichen für den Klarinettisten Joseph Beer schrieb, liegt ein Thema von Joseph Weigl zu Grunde, einem der bekanntesten Opernkomponisten Wiens um 1800. Dessen Oper L’amore marinaro (der Korsar) erfreute sich damals großer Beliebtheit. Es ist anzunehmen, dass Joseph Beer Beethoven explizit um eine Variation über das Thema des Terzetts Pria ch’io l’impegno aus der Oper gebeten hatte. Beim Publikum war das Stück nicht nur aufgrund des Bezugs auf das aktuell beliebte Werk ein großer Erfolg, sondern auch, weil die Klarinette als eigenständiges Soloinstrument noch als neuartig galt: der Trend zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Der Vormittag endet mit Johannes Brahmsʼ a-moll-Trio. Ein weiteres bedeutendes Werk für den Klarinettisten dieses Konzerts: Andreas Schablas. Brahms, der eigentlich schon mit dem Komponieren abgeschlossen hatte, fühlte sich im Umfeld des Meininger Orchesters mit dem Ausnahmeklarinettisten Richard Mühlfeld noch einmal dazu beflügelt, ein Werk für Klarinette, Violoncello und Klavier zu schreiben. Das a-moll-Klarinettentrio ist eines der letzten kammermusikalischen Werke Brahms und in seinem Ausdruck bezeichnend für sein Spätwerk.

Ein Vormittag zwischen Tradition und Moderne. Wer Angst hat, es könnte zu modern werden: Die Stücke von Isang Yun und Iannis Xenakis dauern insgesamt nur eine Viertelstunde. Beethoven und Brahms hingegen 50 Minuten ;) Es ist also für Ausgleich gesorgt!


2. Kammerkonzert

So, 26. November 2017, 11.00 Uhr KartenExterner Link

Allerheiligen Hofkirche

 

 

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