Mein FSJ-Kultur am Bayerischen Staatsballett

Obwohl es mittlerweile schon fast anderthalb Jahre her ist, kann ich mich noch ganz genau daran erinnern: mein Vorstellungsgespräch beim Bayerischen Staatsballett. 

Damals steckte ich noch mitten in meinen Abiturprüfungen, als ich mich in den ICE nach München gesetzt habe. Nach ungefähr sechs Stunden war ich am Hauptbahnhof angekommen, allein und in einer mir völlig fremden Stadt. Das kann sich jetzt einschüchternd anhören, aber ich fühlte mich damals eher frei und voller Vorfreude. Ich fand den Weg zum Marienplatz und dann zum Platzl mit Hilfe von meinem Handy und war sogar etwas früh dran (sonst eher nicht so meine Art…). Ich habe mich noch ein bisschen umgeguckt und versucht mir vorzustellen, wie es wäre ein Jahr lang an diesem hübschen und sehr touristischen Platz neben dem Hofbräuhaus zu arbeiten. Irgendwann habe ich mich dann getraut zu klingeln und wurde auch direkt nach oben zu den Büros geführt. Meine Kolleginnen, denen ich kurze Zeit später gegenüber saß, waren natürlich alle sehr nett zu mir, aber ich war trotzdem sehr nervös und aufgeregt. Es war mein allererstes Vorstellungsgespräch und ich wollte ja schließlich einen guten Eindruck machen.

Hinterher habe ich sogar noch eine kurze Führung durch die Probenräume und das Nationaltheater bekommen. Und obwohl mich natürlich der Prunk im Königsaal und im Zuschauerraum beeindruckt haben, ist mir am meisten der kurze Einblick in den großen Ballettsaal in Erinnerung geblieben. Der Raum ist mindestens zehn Mal so groß wie das Studio meiner Ballettschule zu Hause und das gesamte Ensemble von ungefähr 60 Tänzerinnen und Tänzern war gerade beim Training. Alles war voller tanzender Menschen und es roch nach dieser typischen Ballett-Bühnen-Geruchsmischung aus Deo, Schweiß und Haarspray. Ich war einfach begeistert von dieser Atmosphäre und der Spannung, die in der Luft lag. Nach diesem Tag wollte ich noch viel mehr als vorher nach München und genau dort mein FSJ machen.

Entsprechend groß war dann natürlich auch meine Freude, als ich die Zusage per E-Mail bekam. Nach zwölf Jahren Schule, in denen man doch eher relativ begrenzt frei darin ist, wie man seine Zeit verbringt, hatte ich nun die Möglichkeit mich vollständig etwas zu widmen, dass mir Spaß machte und dass nur ich allein mir ausgesucht hatte.

Elsa (links) mit Kolleginnen beim Oktoberfest 2019

Ein bestandenes Abitur und einen sehr entspannten Sommer später war es dann auch endlich soweit: Ich hatte meinen ersten Arbeitstag. Alles war neu und ich musste mich erstmal an den ganz ungewohnten Alltag und das Umfeld gewöhnen. Acht Stunden Büroarbeit am Tag war am Anfang ziemlich anstrengend, vor allem, da ich jeden Tag so viele neue Dinge lernte und erlebte. Aber nach ein paar Wochen hatte ich mich ganz gut eingelebt und wurde nicht mehr ganz so oft mit völlig neuen Situationen konfrontiert.

ANNA KARENINA © Serghei Gherciu

Anfang Oktober, also einen Monat nach Beginn meines Freiwilligendienstes, sah ich zum ersten Mal Anna Karenina von Christian Spuck im Nationaltheater. Ich kannte das Stück bis dahin nicht, hatte nur kurze Einblicke bei den Proben vorher bekommen. Das Zusammenspiel der wunderschönen Musik mit Gesang, der dramatischen Handlung und der eleganten Kostüme  haben mich sehr beeindruckt.

COPPÉLIA © Serghei Gherciu

Ein paar Wochen später stand dann auch schon die erste geplante Premiere für die Spielzeit an: Coppélia. Es ist unglaublich, wie viel Arbeit in die Vorbereitung so einer Vorstellung fließt. Gastballettmeister, die von weit her anreisen; Kostüme, die geschneidert und angepasst werden; Kulissen, die gebaut werden und dann natürlich Proben. Proben mit Kostüm, Proben mit Requisiten, Proben auf der Bühne, Proben mit Orchester, Generalprobe. Solange, bis die Bewegungen den Tänzerinnen und Tänzern vollständig in Fleisch und Blut übergegangen sind. Dagegen wirkt die zweite oder dritte Vorstellung dann schon wie die Routine eines eingespielten Teams.

DER NUSSKNACKER © Serghei Gherciu

Im Dezember durfte ich dann den Nussknacker miterleben. Ich kannte die Musik und die Handlung schon von meiner Ballettschule und war daher sehr gespannt, wie die Inszenierung auf der riesigen Bühne wirken würde. Ich denke, dass fast niemand sich der Wirkung der aufwendigen Kulissen und Kostümen zusammen mit der wunderschönen Musik entziehen kann. Ich zumindest fühlte mich irgendwie in meine Kindheit zurückversetzt, während Marie die Welt des Balletts entdeckte. Der Nussknacker ist schon so lange im Repertoire des Bayerisches Staatsballett wie fast kein anderes Stück und ich finde, man spürt diese Tradition auf der Bühne.

Natürlich sah ich noch viele weitere tolle Stücke in der letzten Spielzeit (unter anderem Alice im Wunderland, Spartacus, Die Kameliendame, …) und ich könnte zu jedem einzelnen schreiben, wie sehr es mich begeistert hat, aber ich möchte mich hier nicht allzu viel wiederholen. Auf jeden Fall hatte jedes Stück für mich seinen eigenen Reiz und ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte, sie alle zu sehen.

Nach Weihnachten hatte ich mich gut an meinen neuen Alltag gewöhnt und die „Oh mein Gott, ich arbeite wirklich hier“-Momente sind etwas seltener geworden. Was aber nicht heißt, dass mir die Arbeit dadurch weniger Spaß gemacht hätte, eher im Gegenteil.

Wir wissen leider alle, was dann Anfang März kam: Corona. Ich habe damals die vorerst letzte Vorstellung im Nationaltheater am 10.03. noch live gesehen. Es war eine ganz komische Stimmung im Zuschauerraum: viele Plätze waren leer, weil einige Zuschauer ihre Karten zurückgegeben hatten und niemand wusste, was am nächsten Tag oder in der nächsten Woche sein würde. Mittlerweile kennt man die Bilder von fast leeren Sälen und abgesperrten Sitzplätzen aber damals war der riesige, durchlöchert besetze Zuschauerraum eine Neuheit für uns alle.

Ich bin dann kurz danach nach Hause zu meinen Eltern gefahren, die ihre Tochter in diesen ungewissen Zeiten verständlicherweise lieber sicher bei sich wissen wollten. Den richtigen Lockdown habe ich deshalb in München nicht miterlebt. Ich weiß aber, dass mit dem Übergang ins Homeoffice eher mehr Arbeit für meine Kollegen entstand als weniger. Vor allem durch diese Unsicherheit, weil niemand wusste, was jetzt abgesagt oder verschoben werden musste und wie man neu planen oder organisieren konnte. Dafür habe ich natürlich die Montagskonzerte von zu Hause aus verfolgt und mich gefreut, wenn ich bei den wöchentlichen Videokonferenzen ein bisschen was mitbekommen habe.

Nach Ostern bin ich dann zurück nach München gekommen. Während das öffentliche Leben langsam wieder hochgefahren wurde, bin ich am Anfang nur einen oder zwei Tage die Woche ins Büro gekommen, aber dann relativ schnell wieder jeden Tag. Genug zu tun gab es auf jeden Fall. Allerdings muss ich sagen, dass die Arbeit doch sehr anders war im fast leeren Haus ohne Probenalltag. Diese angenehme Betriebsamkeit fehlte einfach und vor allem die Vorstellungsbesuche habe ich sehr vermisst. Ich möchte mich hier deshalb aber überhaupt nicht beschweren, vor allem, weil es so viele gibt, die es viel härter getroffen hat als mich. Ich bin hauptsächlich einfach froh und dankbar, dass ich die „Vor-Corona“-Zeit am Bayerischen Staatsballett noch etwas miterlebt habe.

Elsa bei einer Ballettaufführung

Ich habe mal nachgezählt: in der letzten Spielzeit habe ich insgesamt 22 Vorstellungen des Bayerischen Staatsballetts besucht, Livestreams und Video-on-Demands nicht mitgezählt. Das ist ziemlich sicher mehr, als ich in meinem gesamten Leben davor und wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren sehen werde.

Ballett ist für mich vorher immer nur ein Hobby gewesen. Ja, zwar mein Lieblings-Hobby und auch dasjenige, dass ich schon am längsten mache, aber trotzdem nur eine Freizeitbeschäftigung. Ich wollte nie professionelle Tänzerin werden und will es auch nach wie vor nicht, aber mein FSJ hat meine Sichtweise auf das Ballett doch sehr stark verändert. Vorher habe ich mir nie darüber Gedanken gemacht, wie viele Menschen es gibt, deren ganzes Leben sich nur um diese eine wunderschöne Kunstform dreht. Und damit meine ich nicht nur die Tänzerinnen und Tänzer. Es gibt daneben noch so viele andere, die mit ihrer Arbeit dafür sorgen, dass „am Abend der Vorhang aufgehen kann“, wie meine Kollegin einmal so schön gesagt hat. Und das letzte Jahr über durfte ich diesen riesigen, mir vorher sehr unbekannten Kosmos kennenlernen und meinen eigenen kleinen Teil beitragen.

Ich glaube fest daran, dass wir zu einer Normalität zurückkehren werden, in der die Dinge, die wir vorher für selbstverständlich gehalten haben, wieder möglich sind: abends ausgehen, spontane Besuche bei Freunden und der Familie, Kurzurlaub und lange Reisen und natürlich Kulturveranstaltungen ohne Abstand mit ausverkauften Sälen.

Bis das möglich ist, wünsche ich uns allen viel Geduld und Durchhaltevermögen, um die jetzigen Zeiten sicher und gesund zu überstehen.

 

Elsa Zimmermann (Jahrgang 2001) kam nach ihrem Abitur im September 2019 von Bonn nach München ans Bayerische Staatsballett, wo sie bis Juni 2020 als Freiwillige im Sozialen Jahr – Kultur tätig war. Inzwischen studiert sie Jura in Leipzig.

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