Lies, fühle und zeig mir, was es mit Dir macht.

Das Mädchen Und Der MesserwerferBallettProben

I
Ich bin noch nicht einmal jung.
Der Wanderzirkus, mit dem ich reise,
ist mir gleichgültig. Ich kenne die Orte
nicht, wo ich hinkomme, kleine Dörfer
am Meer und in den Bergen. Weit entfernt
liegen sie nie voneinander. Dann halten wir.
Auf einer Wiese oder einem Parkplatz,
eine freie Ecke findet sich immer. Sicher,
wir werden angekündigt. Die Plakate sind
schön, aber es interessiert keinen.
Wir sind unwichtig, das gefällt mir.

III
Ich bin, wenn du mich suchst,
das Mädchen, das barfuß geht.
Ich habe keinen Namen. Angekündigt
werde ich mit einem Trommelwirbel
vom Tonband. Wir sind wenige.
Ein Zirkus ohne Tier und Zelt.
Die Stühle drumherum sind schnell aufgestellt.
Gestern zahlten fünfzehn Zuschauer,
mich zu sehen. Ich kann dies und das
gut genug, um nicht zu verhungern.
Ich bin schwindelfrei und elastisch.
Mein Leben interessiert mich nicht.
Ich rede nicht, mit wem auch.
Wenn schon, würde ich telefonieren,
aber mit wem?

XVIII
Sie sind Todfeinde, die beiden, und das
vom ersten Tag an. Für den Messerwerfer
ist ein Clown kein Mann. Er ist, was er ist,
ein Clown. Wenn er ihn einen Dummkopf nennt,
bedankt sich der Clown für das Kompliment.
Wenn er nach ihm tritt, singt er ein Lied
gegen die Schmerzen. Schon nach der ersten
Woche war sein Körper bunt wie ein Kostüm.
Daß die Frauen Verständnis für ihn zeigen,
dafür bekommt er hin und wieder Ohrfeigen.
Aber es nützt nichts. Und nicht jede tut weh.
Der einen oder anderen verdankt er,
wie er versichert, die schönste Idee.

XXIV
Ich bin, was er will: eine unbewegliche
Linie, ein Körper ohne mein Herz, ein Kind
ganz ohne Gedanken. Alles ist jetzt leichter
als eine Blume zu halten. So stehe ich ihm
gegenüber. Es sind nur zehn Meter von einem
Ende der Welt zum andern, aber da bin ich,
wenn er aufgehört hat zu denken.

XXIX
Die Vorstellung ist aus. Ich sammle,
was noch herumliegt, zusammen, drehe den Strom
ab wie jede Nacht und verkrieche mich.
Die Frauen haben auch genug. Sie sind müde.
Nur der Messerwerfer sitzt noch am Tisch
und will reden, und sei’s mit der Katze.
Sie erzählen sich Witze über die Liebe,
die besten, die ihnen einfallen. Dann ist
auch er, traurig vom Reden, eingeschlafen.

Zitiert aus
Wolf Wondratschek: Das Mädchen und der Messerwerfer. In: Wolf Wondratschek: Tabori in Fuschel. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Mai 2006.

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