Lab Uganda

Ein LKW voller Musik und Hoffnungen auf dem Weg nach Afrika

Verena-Maria Fitz ist eigentlich Geigerin im Bayerischen Staatsorchester. Aber in ihrer Freizeit engagiert sie sich ehrenamtlich für ein Musikprojekt mit Flüchtlingen in Uganda. Im Interview berichtet sie, wie es zu der Idee kam und was der Verein MUSIC CONNECTS in BidiBidi bewirken möchte.

© Geoffroy Schied

 

BSO: Liebe Verena, man kennt dich vor allem als Musikerin im Bayerischen Staatsorchester. In deiner Freizeit betreust du aber ein soziales Projekt in Uganda. Wie kam es dazu?

VMF: Ganz ursprünglich war das eine private Initiative von Kollegen aus dem Luzern Festival Orchester. Wir wollten in Flüchtlingslagern Konzerte geben und den Menschen dort eine Freude machen – Musik hat große Kraft, Menschen zu bewegen. Unsere erste Reise ging nach Jordanien, ein großes Gastgeberland für Flüchtlinge aus Syrien. Das hat mich sehr beeindruckt und so haben wir die Ursprungsidee schnell weiterentwickelt. Im Anschluss haben wir sofort den Verein MUSIC CONNECTS in München gegründet, um unser Projekt auf solide Beine zu stellen und daraus etwas Nachhaltiges zu schaffen. Wir wollten nicht nur einmalig an diese Orte fliegen und ein Zeichen von Solidarität setzen, sondern an einem Projekt arbeiten, mit dem wir vor Ort etwas bewirken können. Unsere Reisen sind wichtig, um herauszufinden, was zum Beispiel in Uganda los ist, und was man für die Menschen dort tun kann. Das ist eine Art musikalischer Austausch. Bei unserem ersten Besuch haben wir für sie gespielt, aber sie haben auch für uns musiziert, mit einer wahnsinnigen Leidenschaft.

BSO: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, nach Uganda zu fahren?

VMF: Uganda hat ca. 42 Millionen Einwohner und beherbergt ca. 1,5 Millionen Flüchtlinge derzeit. Es gehört damit zu den Ländern, die am meisten Flüchtlinge aufnehmen. BidiBidi im Norden Ugandas ist eine 250 km² große Flüchtlingssiedlung, eingeteilt in mehrere Zonen. Dort wird unser Projekt stattfinden. Die Bevölkerung in BidiBidi ist – wie in Uganda selbst - sehr jung (60% der Bewohner BidiBidis sind jünger als 17 Jahre). Es gibt viel Potential, viel Energie. Die Menschen dort wollen unbedingt etwas aus sich machen und gehört werden, obwohl sie dort sehr abgeschieden leben.  

© Geoffroy Schied
© Geoffroy Schied
© Geoffroy Schied
© Geoffroy Schied

 

BSO: Was ist die nächste Stadt in der Umgebung von BidiBidi?

VMF: Die nächstgelegene Stadt heißt Yumbe. Kampala, die Hauptstadt von Uganda, ist eine Tagesreise entfernt. Es ist wirklich weit, zumal die Straßen sehr schlecht sind, es manchmal Überschwemmungen gibt und man aus Sicherheitsgründen nur tagsüber reisen kann. Alles braucht deshalb lange. Geteerte Straßen gibt es im dünn besiedelten Norden kaum und in BidiBidi gar nicht. Wir waren jeweils mindestens zehn Stunden unterwegs, bis wir im Norden ankamen. Vor Ort gibt es kaum motorisierte Fahrzeuge, außer die der offiziellen Hilfsorganisationen. Es gibt keine privaten Autos, manchmal ein paar Mopeds, aber die meisten Leute gehen zu Fuß. Deshalb sind die Strecken umso länger.

Aus diesem Grund war uns klar, wenn wir hier helfen, muss eine mobile Lösung gefunden werden, damit man möglichst viele Menschen erreicht. Wir haben mit vielen jungen Leuten vor Ort gesprochen und am Ende träumen sie von den gleichen Dingen wie wir auch. Jeder will gehört oder gesehen werden und vielleicht eines Tages sogar berühmt sein. Dort schlummern echte Talente – tolle Stimmen, tolle Rapper, die unbedingt gehört werden sollten. Diese Infrastruktur möchten wir bieten, zumindest zu einem kleinen Teil.

BSO: Nun schickt ihr einen LKW nach BidiBidi. Was ist darin alles eingebaut und wie kommt er dorthin?

VMF: Der Truck wird am 5. August nach Bremerhaven gefahren, dort auf ein Schiff geladen und kommt ca. einen Monat später in Kenia an. Von Mombasa aus fährt er dann auf dem Landweg nach Kampala. Dort werden wir voraussichtlich im Oktober dazu stoßen und fahren mit ihm nach BidiBidi.

Der LKW ist ein gebrauchtes Fahrzeug, das wir vom BR erworben haben. Alles ist speziell für das Projekt hineingebaut worden. Er lässt sich an der langen Seitenwand aufklappen, dann hat man eine mobile Bühne. Darin befindet sich Tontechnik für Veranstaltungen, ein Tonstudio, zwei weitere Computerplätze, um Tutorials zu sehen oder Videos zu schneiden und Instrumente für eine kleine Pop-Band (keyboard, drum set, e-Gitarren). In der Mitte gibt es einen Tageslicht-Beamer (nachts passiert ja nichts) und eine Leinwand, die man vorne an der Rampe aufbauen kann. Es gibt auch direkten Internetzugang, damit man die Aufnahmen auf unseren YouTube-Kanal hochladen kann. Der Strom wird von Generatoren erzeugt.

BSO: Wie kam die Idee zum Truck und wie habt ihr die Idee finanziert?

VMF: Die Überlegung mit dem mobilen Musiklabor entstand aus dem Bauch heraus, als wir nach unserer Reise überlegt haben, wie wir in Uganda helfen können. Ich bin per Zufall auf eine Ausschreibung des Auswärtigen Amtes gestoßen zur Förderung der Kreativwirtschaft mit einem afrikanischen Projekt. Wir haben uns beworben und tatsächlich den Zuschlag zur Förderung für unser Projekt erhalten. Dann mussten wir einfach loslegen! Wir haben mit Helmut Schranner jemanden gefunden, der ein fahrbares Tonstudio betreibt und es auch selbst gebaut hatte. Mit seiner Hilfe wurde unser LAB UGANDA maßgeschneidert auf den LKW gebaut.

Fotos © Geoffroy Schied

 

BSO: Wie geht es dann vor Ort weiter, wenn der Truck in BidiBidi angekommen ist?

VMF: Wir haben einen idealen Partner vor Ort gefunden: Brass for Africa. Diese Organisation ist bereits seit 10 Jahren erfolgreich in Uganda tätig und gibt Musikunterricht auf höchstem Niveau. Ihnen werden wir den Truck übergeben und sie werden sich um den Musikunterricht kümmern. Das können wir vor Ort nicht leisten. Sie waren in der Vergangenheit schon sehr erfolgreich und kümmern sich auch darum, dass neben dem Musikunterricht sogenannte life-skills vermittelt werden. Viele der ehemaligen Schüler und Schülerinnen unterrichten mittlerweile selbst. In Yumbe wird Brass for Africa ein Basislager einrichten, wo auch der LKW stehen wird. In den fünf Zonen der Flüchtlingssiedlung werden Instrumente deponiert, damit die Musiklehrer auch mit kleineren Autos dorthin kommen und wöchentlich vor Ort proben können. Der Truck muss dann nicht täglich von Ort zu Ort, sondern wird eingesetzt, wenn eine Aufführung stattfindet, oder etwas aufgenommen wird. Brass for Africa schickt uns engmaschig Rückmeldungen, wie das Projekt läuft. Gerade Mädchen fehlen oft im Unterricht, scheiden zu schnell aus der Schule aus. Darauf haben sie ein spezielles Auge. Wir hoffen, dass der LKW langfristig eine Art Mini-Konzerthaus für die Menschen dort wird und sich die Talentiertesten mit dem Tonstudio auch Gehör verschaffen können.

BSO: Der Truck steht jetzt gerade am Gasteig. Was kann man da erleben?

VMF: Wir arbeiten hier zusammen mit Bellevue di Monaco, einer Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmert, die in München leben oder hier angekommen sind. Das hat inhaltlich gut gepasst. Max Wagner vom Gasteig fand unser Projekt einzigartig und Unterstützens wert. Er hatte die Verbindung zu Bellevue, die auch sofort begeistert waren. Bellevue hat ein buntes Kulturprogramm für das LAB UGANDA am Gasteig auf die Beine gestellt.

Am 18. Juli zeigen wir auf der Kinoleinwand unseres LKWs den Film „Topowa – Never give up!“, den ich wärmstens empfehlen möchte! Es ist die berührende Dokumentation über Brass for Africa, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Der Film zeigt, mit welcher Qualität Brass for Africa in Uganda tätig ist und Kindern in den slums von Kampala hilft, mit Hilfe der musikalischen Ausbildung ihre Träume zu verwirklichen. Da kriegt man Gänsehaut!

Hier gibt es das komplette Programm: https://labuganda.musicconnects.world/

BSO: Wo kann man das Projekt weiterverfolgen?

VMF: Es gibt eine Website vom Verein Music Connects, eine eigene für das Lab Uganda und einen Instagram-Account. Außerdem haben wir einen YouTube-Channel, der sich hoffentlich bald mit Musik aus BidiBidi füllen wird!

BSO: Wie kann man euch unterstützen?

VMF: Wir suchen aktuell noch Blechblasinstrumente oder auch Percussion Instrumente für den Musikunterricht vor Ort  – alles, was man in einer Marching Band braucht. Also insbesondere: Tuben, Posaunen, Euphonien, Tenorhörner, Trompeten, Bass Drums, Snare Drums, Tenor Drums und Becken. Blechblasinstrumente funktionieren im feucht heißen Klima Ugandas sehr gut. Man kann uns unter only@musicconnects.world oder 0172 420 30 13 kontaktieren. Spenden sind aber natürlich auch immer willkommen!

 

Das Interview führte Sabine Eckmüller.

Kommentare

Neuer Kommentar