Kevin Conners: Ein Tag während Covid-19

Ensemblemitglied Kevin Conners beschreibt einen Tag in seinem Leben während Covid-19: den 27. Oktober 2020.

Ensemble member Kevin Conners

27. Oktober 2020

Als ich heute Morgen aufwachte und merkte, dass ich unseren Hochzeitstag wieder vergessen hatte (er war gestern), wusste ich, dass es kein guter Tag werden würde. Wie sich herausstellte, würde ich Recht behalten.

Jeder an der Bayerischen Staatsoper nimmt Covid-19 sehr ernst. Die Oper hat etwa 950 Mitarbeiter, die zum Teil in regelmäßigen Abständen auf das Corona-Virus getestet werden. Es gibt ein ausgefeiltes Hygienekonzept, und das Universitätsklinikum Rechts der Isar berät die Staatsoper dabei kontinuierlich. Mein Testtermin war um 9.40 Uhr. Als ich die Testhalle betrat, verhielt sich ein Freund von mir, ebenfalls Sänger, sehr merkwürdig. Nach einigen Minuten war klar, dass er einen Schlaganfall hatte und sofort ärztliche Hilfe brauchte. Diejenigen von uns, die in der Nähe waren, schlossen sich zusammen, um sich um ihn zu kümmern, und es war ein Glück, dass die Ärztin der Klinik, die die Tests durchführte, vor Ort war und sofort helfen konnte. Er ist inzwischen stabil und ruht sich in einem städtischen Krankenhaus aus.

Infolge dieses Vorfalls kam ich zu meiner ersten Probe des Tages zu spät. Es war eine musikalische Probe für unsere neue Produktion von Falstaff. Michele Mariotti, unser Dirigent, zeigte Verständnis für meine Verspätung und leitete daraufhin eine produktive Probe, bei der er sich Zeit nahm, um die Schönheit der italienischen Sprache im Zusammenhang mit der Musik zu erklären. Die Falstaff-Besetzung wechselte in die Probenkostüme und begann die szenische Probe mit der Regisseurin Mateja Koležnik. Die Energie, die sie dabei zeigt, ist erstaunlich. Ihre Vision von Falstaff ist höchst interessant und farbenfroh, ebenso wie ihre Sprache. Im Allgemeinen hatten wir einen sehr produktiven Tag am Set von Falstaff. Wir haben musikalische und szenische Fortschritte gemacht, und der zweite Akt nimmt Gestalt an.

Zwischen den Proben war ich mit E-Mails beschäftigt und dem Vorschlag der Schauspieler des Residenztheaters bezüglich eines Briefes an die Regierungschefs über unsere Zukunft. Der Brief bringt den Aufruf zum Dialog gut zum Ausdruck. Alle Solisten der Bayerischen Staatsoper haben dem Inhalt des Briefes, der morgen veröffentlicht wird, zugestimmt.

Meine letzte Probe des Tages endete um 19.40 Uhr. Im Nationaltheater lief Macbeth auf der Bühne mit 50 Zuschauern im Saal. Ich bin seit dem 1. Mai 1988 Mitglied der Bayerischen Staatsoper. Während meiner Zeit hier am Theater habe ich so etwas noch nie erlebt. Es war in der Tat ein trauriger Moment für mich. Wenn ich über die Ereignisse des Tages nachdenke, hängt mir ein Dialog besonders im Gedächtnis:
Mateja Koležnik: "Können wir proben?" Michele Mariotti antwortete mit "Können wir auftreten?

Ist es das, womit wir als Künstler konfrontiert sind? Die Frage nach unserer bloßen Existenz?

Wie ich eingangs zu demonstrieren versuchte, sorgen wir an der Bayerischen Staatsoper füreinander. Wir kümmern uns um einander. Wir wollen nicht, dass jemand krank wird. Wir halten uns an alle Vorgaben des Gesundheitsgesetzes. Ich habe fünf Stunden lang mit einer Maske gesungen!

Als ich heute Abend den Kollegen bei ihren Auftritten zusah, wurde ich aus erster Hand Zeuge der Demontage unserer geliebten Kunstform. Wenn das so weitergeht, wird es der Untergang des Theaters sein und zu einer Leere in der Gesellschaft führen. Die Künste nähren die Menschheit. Wird es mir nicht mehr erlaubt sein, das zu tun, wozu ich geboren wurde, zu singen, aufzutreten und Hoffnung zu geben, indem ich mein Talent mit anderen teile?

Heute war kein guter Tag.


Ein Text von Kevin Conners

Kommentare

  • Am 30.10.2020 um 17:47 Uhr schrieb Prof. Dr. Joachim P. Knoche

    Bewegend

    Der Text hat mich sehr berührt. Die Bayerische Staatsoper ist ein ungeheuer wichtiger Bestandteil meines Lebens. Werden wir alle uns jemals wieder so zwanglos sehen und hören können wie vor diesem blöden Virus? Bleibt alle gesund!

  • Am 30.10.2020 um 22:14 Uhr schrieb Lucie Reisner

    Es tut mir in der Seele weh, wie unsere kreativen Kulturschaffenden verzweifeln unter diesen unsäglichen Bedingungen und dennoch so viel Leidenschaft und Herzblut aufbringen, um ihre Projekte „coronakonform“ zu veröffentlichen.
    Dir, lieber Kevin, vielen Dank für deinen unglaublichen Einsatz und diese eindringlichen Worte.
    Warum sind Baumärkte und Fluggesellschaften „systemrelevant“ und unsere Kulturszene nicht? Kultur ist es in diesen Zeiten mehr denn je!
    Aber es spricht leider auch für sich, wenn so viele Deutsche eher von ihrer Sorge um Klopapierengpässe eingenommen werden anstatt von der Sorge um die Bedrohung unserer Kulturszene...
    Liebe Künstler, erhebt weiter eure Stimmen. Wir brauchen euer Talent und werden es immer brauchen!

  • Am 30.10.2020 um 22:39 Uhr schrieb

  • Am 31.10.2020 um 10:40 Uhr schrieb

  • Am 01.11.2020 um 09:56 Uhr schrieb

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