Kampf zwischen Schuldgefühlen und Freiheitsdrang

Das Tagebuch eines Verschollenen von Leoš Janáček

Natur, Liebe, Einsamkeit, Schmerz – das sind die zentralen Themen, die den großen tschechische Komponisten Leoš Janáček zeitlebens immer wieder umtrieben und die in seinem bereits siebten Lebensjahrzehnt zu Werken vollendeter Humanität führten. Der halbstündige intime kammermusikalische Liederzyklus Zápisník zmizelého (Tagebuch eines Verschollenen) für Tenor, Alt und drei Frauenstimmen mit Klavier – uraufgeführt 1921 in Brünn –  ist eines davon. Die unendlich traurige und unsichere Liebe des wohlhabenden Bauernsohns Janíček zur Zigeunerin Zefka führt zu dessen Vereinsamung. Der Vater von Janíček will nicht, dass sein Sohn Zefka heiratet. Als Zefka jedoch schwanger wird, bricht Janíček mit der Tradition und löst sich von seiner Familie und der Gesellschaft, und sucht mit seiner Geliebten ein neues Leben. Kurze Zeit nach seinem Weggehen findet man in seinem Zimmer kleine Gedichte, die sein Geheimnis ans Tageslicht bringen.

Die Musik von Janáček nach der Sammlung von 22 Gedichten von Josef Ozef Kalda beschreibt die fragile Welt von Janíček. Hie und da lässt Janáček Volkslieder anklingen. Janáček entwickelt eine musikalische Sprache, die zwischen Realität und Fantasie oszilliert und somit die Gefühlswelt Janíčeks aufzeigt. Die Monologe und Dialoge sind durchtränkt von Naturbeschreibungen, was typisch für Janáček ist. In seinem Tagebuch eines Verschollenen hat er auch autobiografisches verarbeitet – so identifiziert er seine Freundin und spätere Muse, Kamila Stösslová, mit der Zigeunerin Zefka. In einem Brief an sie schrieb der Komponist: „Morgens taumle ich im Garten umher, am Nachmittag fallen mir regelmäßig einige Motive zu den schönen Verslein über diese Zigeunerliebe ein. Vielleicht wird daraus ein hübscher kleiner Musikroman, und ein Stück der Stimmung aus Luhacovice wäre darin.“

Die Regisseurin Frederike Blum hat zusammen mit Pavol Breslik (Tenor), Daria Proszek (Alt) und dem Pianisten Robert Pechanec eine minimalistische Spielweise entwickelt, die die Zerbrechlichkeit Janíčeks zeigt. Ist seine Erzählung Wahrheit oder nur Spiegel seiner Wunschvorstellung? Eine Atmosphäre für Gänsehaut-Feeling – doch dieser (Alb)traum, der Kampf zwischen Schuldgefühlen und Freiheitsdrang, wird nie enden, sondern macht ihn zum Verschollenen seines eigenen Lebens.

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