Johannes Martin Kränzle feiert sein 50-jähriges Bühnenjubiläum

Bariton Johannes Martin Kränzle erzählt uns von seinem ersten Mal auf der großen Opernbühne, warum DER ROSENKAVALIER für ihn ein „Juwel“ ist und von Barrie Koskys Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper die am 21. März auf STAATSOPER.TV Premiere feiert.

Johannes Martin Kränzle als Mohammed in DER ROSENKAVALIER am Stadttheater 1971 mit Sena Jurinac als Feldmarschallin.

BSO: Herr Kränzle. Sie feiern dieses Jahr ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Wie kamen Sie zur Oper?

K: Ja, genau. Das erste Mal auf der Opernbühne war ich als Junge im Rosenkavalier 1971 im Stadttheater Augsburg, in einer ganz klassischen Inszenierung des damaligen Intendanten Peter Ebert. Ich bin da eher zufällig reingeraten. Ich habe im Kinderballett mitgewirkt und da gab es nur zwei Jungs, mich und einen anderen. Der andere wollte nicht, also hab ich‘s gemacht. Für meine Rolle als Diener Mohamed musste ich dann stundenlang „trippeln“ üben, während ich ein Serviertablett balancierte. Im ersten Akt muss der Diener ja das Frühstück servieren und ganz am Schluss musste ich dann noch, wie im Libretto beschrieben, ein Taschentuch, das die Marschallin verloren hat, finden und aufheben.

BSO: In der Inszenierung wurde der Diener Mohammed ja als „Mohr“ inszeniert, so wie im Libretto gefordert wird. Ihr Gesicht wurde damals komplett braun geschminkt. Dieses sogenannte „Blackfacing“ ist heutzutage sehr umstritten und wird in vielen Theatern nicht mehr gemacht.

K: 1971 war das noch gar kein Thema. Heute hat sich da Gott sei Dank einiges geändert und die Sensibilität zu dem Thema hat sich erhöht. Damals habe ich aber sogar eine Mark extra Schminkgeld dafür bekommen; pro Abend gab es 7 Mark, eine davon war Schminkgeld-Zulage. Ich wusste zuerst gar nicht, dass ich überhaupt etwas verdiene und irgendwann meinte der Statistenführer ich bekäme jetzt noch Geld. Das war für mich damals sehr viel, wir haben den Rosenkavalier ja um die 12 Mal gespielt.

BSO: Haben Sie seitdem noch einmal in einer Produktion von Der Rosenkavalier mitgewirkt?

K: Es kamen ein paar Mal Anfragen, die jetzige Rolle (Faninal) zu machen, aber es hat dann nie geklappt. Dadurch ist das jetzt mein Rollendebüt und die nächste Wiederbegegnung mit dem Rosenkavalier auf der Bühne nach 50 Jahren Pause.

BSO: Was bedeutet Ihnen die Oper Der Rosenkavalier?

K: Die Oper ist ein Juwel und wenn ich die 10 schönsten Opern nennen müsste, dann wäre Der Rosenkavalier auf jeden Fall dabei. Für mich ist die Oper nahezu perfekt in jeglicher Hinsicht. Alleine dieser tolle und sehr gehaltvolle Text. Das Opernlibretto könnte man von der Qualität her auch als Theaterstück aufführen und das ist nicht bei jedem Opernlibretto so. Außerdem könnte man sagen, es ist die letzte große komische Oper. Was nach dem Krieg kam war eher schwerer von der Thematik.

BSO: Auch noch zu den komischen Opern zählt Ariadne auf Naxos wo Sie ja die Rolle des Musiklehrers gesungen haben

K: Ja stimmt und früher auch mal den Harlekin.

BSO: Die jetzige Fassung von Eberhard Kloke von Der Rosenkavalier ist ja an die Orchestrierung der Partitur von Ariadne auf Naxos angelegt. Wie finden Sie diese Fassung?

K: In meinen Stellen fallen mir die Unterschiede zu der Originalpartitur schon auf. Die Version von Herrn Kloke scheint mir sehr klug gewählt, wenn man situationsbedingt schon auf eine reduzierte Fassung zurückgreifen muss. Ich denke aber, dass wir, wenn es wieder möglich ist, zur Originalpartitur zurückkehren werden, weil sie einfach eine reichhaltigere Bandbreite bietet.

BSO: In dieser Produktion des Rosenkavaliers singen sie Herrn Faninal, den Vater von Sophie. Was ist das für eine Person?

K: Ich komme bei neuen Rollen ganz unvoreingenommen in die Proben und denke: Mal schauen was wir daraus entstehen lassen. Zuerst ist er sehr stolz, dass er seine Tochter in höhere Kreise verheiraten kann, kommt dann aber schnell an seine Belastungsgrenze. Wenn etwas nicht so gelingt, wie er sich das vorstellt, oder etwas schiefgeht, wirkt er kurzzeitig etwas wirr oder fast verrückt und steht kurz vorm Herzinfarkt Er fängt sich aber immer wieder.

BSO: Wird thematisiert, dass Faninal unter hohem gesellschaftlichen Druck steht in seiner neuen Stellung als Adliger?

K: Ja schon. Da gibt es die Szene, wo er mit der Einrichtung seines Palais und seinem Reichtum angibt. Er will vor den höher gestellten Adligen gut dastehen. Er denkt, dass er es durch die Heirat seiner Tochter mit dem Baron jetzt wirklich in deren Kreise geschafft hat. Aber man merkt an seiner Attitüde und in seiner Wortwahl, dass er nur dazu gehören möchte, es aber nicht tut.

BSO: Welche Rolle finden Sie im Rosenkavalier am Spannendsten?

K: Damals als Kind fand ich die Liebesgeschichte nicht so aufregend, da war der Ochs für mich die Wahnsinnsrolle. Der Sänger damals war auch beindruckend für mich. Leider ist diese Rolle von der Stimmlage etwas zu tief für mich.

BSO: Wie finden Sie die Neuinszenierung von Barrie Kosky?

K: Ich war sehr verblüfft, wie man mit einer ganz anderen Ästhetik dieses Stück neu erzählen kann. Was bei Barrie Kosky immer besonders ist, ist dass er das Stück nicht in kleine Teile zerlegt und es neu zusammenfügt, sondern er vertraut auf die Stärke des Werkes, des Textes, der Musik, der Geschichte. Er inkludiert trotzdem viele eigene, fantasievolle Ideen, die es aber nicht abstrahieren. So wird die Poesie gewahrt, was oftmals bei modernen Inszenierungen nicht selbstverständlich ist, wenn das Stück auseinandergenommen aber dann eben nicht mehr richtig zusammengebaut wird. Da kann dann viel verloren gehen.

BSO: Was kann man Ihrer Meinung nach durch Barrie Koskys Inszenierung neues im Rosenkavalier entdecken?

K: Wenn Regisseure Stücke, die in einem historischen Kontext spielen, aktualisieren, gehen sie zwangsläufig Kompromisse ein. Oft wird die Grundstimmung kühler und distanzierter. Gerade bei der Musik vom Rosenkavalier ist die Diskrepanz zur Inszenierung dann sehr groß, weil die zuweilen süßlich ist. Barrie Kosky zeigt, dass das Stück nicht an das Rokoko gebunden ist. Es kann auch im Heute gezeigt werden, ohne seine Sinnlichkeit zu verlieren.

Das Gespräch führte Tatjana Seltsam.

Johannes Martin Kränzle als Faninal in DER ROSENKAVALIER 2021 an der Bayerischen Staatsoper mit Katharina Konradi als Sophie.

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