Jeanette Kakareka: meine Stationen mit SCHWANENSEE

© Laurent Liotardo

Der erste Schwanensee ist für eine weibliche Profi-Tänzerin ein Schritt zum Erwachsenwerden. Schwanensee gilt als der Inbegriff des Balletts und ist wahrscheinlich das erste Ballett, das jemandem auf der Straße in den Sinn kommt, neben Der Nussknacker vielleicht noch. Meinen ersten Schwanensee erlebte ich als junger Teenager, als das Royal Ballet auf Tour war in Philadelphia, wohin ich zu meiner Ballettschule pendelte. Ich spielte eines der zwei kleinen tanzenden Mädchen im I. Akt und erinnere mich, dass ich ganz fasziniert war von jedem Moment, den das Ensemble tanzte. Angefangen vom Walzer im I. Akt, zog mich die Handlung mit der inspirierenden Musik und dem verzauberten Lächeln des Corps de ballet in ihren Bann. Ich schlich mich während der Proben und Aufführungen ins Publikum um jede wundervolle Minute der geschmeidigen Schwäne in den Akten II und IV zu sehen. Ich wusste gleich: Das muss ich unbedingt auch irgendwann einmal tanzen! Bevor es soweit sein sollte, war noch einiges an „Schwan-Werdung“ nötig. Zunächst hatte ich ein paar Aufführungen an meiner Schule, der Rock School in Philadelphia. Sie wählten mich aus um die klassische Variation Der sterbende Schwan einzustudieren und zu tanzen, choreographiert für die einzigartige Anna Pavlova und 1905 uraufgeführt. Ich brachte Stunden damit zu, meine menschlichen Arme in die zarten Schwanenflügel/-arme zu verwandeln, die dieses Stück verlangte. Ich stand lange Zeit vor meinem Spiegel im Kinderzimmer, hörte meine „Karneval der Tiere“-CD (eine Suite von Camille Saint-Saëns, die für Der sterbende Schwan verwendet wurde) und brachte meine beste Schwanen-Interpretation dar. Dies war der Beginn meiner absoluten „Schwanen-Obsession“.

Die Chance den bedeutendsten Ballerina pas/ Schritt zu tanzen – den weißen Schwan pas de deux aus dem II. Akt – bekam ich dann als Volontärin beim San Francisco Ballet. Patrick Armand, mein Trainer, wählte mich aus, um mit den Proben zu beginnen. Sogar Sofiane Sylve, Erste Solistin am SFB, kam in unser Studio um uns zu trainieren. Leider tanzte ich nur eine Vorstellung auf der Bühne, da mein Tanzpartner sich kurz darauf bei einem Unfall verletzte. Die Live-Musik jedoch, das versammelte Publikum im Tate Modern Museum und mein federverziertes Kostüm beflügelten meine Fantasie, was sich in meiner Karriere fortsetzen sollte.

© Alexander Renoff Olsen

Meine erste Spielzeit als Ensemblemitglied am English National Ballet war dann passenderweise auch das Jahr in dem ich den ersten kompletten Schwanensee tanzte. In den Wochen vor dem Eröffnungsabend, war ich damit beschäftigt von den älteren Tänzerinnen zu lernen, die das Stück bereits mehrere hundert Male getanzt hatten. Wir verbrachten die Zeit damit, unsere Arm- und Kopfhaltung aufeinander abzustimmen und einzelne Sequenzen wieder und wieder zu probieren. Nach den Proben waren wir so durstig, dass wir quasi jeden See ausgetrunken hätten, um im Schwanensee-Bild zu bleiben. Unsere Arme und der Rücken schmerzten sehr von den Anstrengungen. Schließlich kam der Eröffnungsabend und es sollten mehr als 100 Vorstellungen über die nächsten Jahre folgen. Ich erinnere mich daran, wie stolz wir alle waren, als wir in einer einzigen Saison 60 Mal Schwanensee tanzten.
Ich denke jeder Profi-Tänzer hat seine ganz persönliche Geschichte zu Schwanensee. Ich selbst verbinde damit einige meiner schönsten und lustigsten Erinnerungen, zum Beispiel in Zusammenhang mit Proben und Aufführungen dieses Stückes. Neben Der Nussknacker, ist Schwanensee sicherlich das Ballett, das ich in meiner Karriere am häufigsten getanzt habe. Ich erinnere mich daran, als ich zum ersten Mal die Großen Schwäne im II. Akt in Barcelona tanzte: Jinhao Zhang (Solist hier in München) wusste genau, dass ich nach der Vorstellung vor Hunger umfallen würde und schaffte es im Restaurant die Bestellung genau so zu timen, dass das Essen nach dem 4. Akt perfekt für mich auf dem Tisch stand. Da wir inzwischen verlobt sind, ist mir diese liebevolle Geste natürlich in Erinnerung geblieben.

© Dasa Wharton

Ich erinnere mich an meinen Auftritt als schwarzen Schwan bei dem Emerging Dancer Wettbewerb und das Adrenalin-Hoch nach den geglückten, berühmt-berüchtigten fouettes. Eine weitere besonders anspruchsvolle Version von Schwanensee ist Derek Deanes „in the round“, die ich in meiner dritten Spielzeit beim ENB in der Royal Albert Hall tanzte. Diese Fassung lehrte mich ein ganz neues Niveau an Durchhaltevermögen und Ausdauer. Die Version des Bayerischen Staatsballetts von Ray Barra ist nun eine weitere in meiner Schwanensee-Reihe. Ich freue mich sehr darauf, eine weitere Version dieses wunderschönen Werks zu lernen und bin gespannt, welche neuen Erinnerungen entstehen werden. Schwanensee handelt von Vertrauen, Liebe, Betrug – für viele von uns auch von Kraft: von den Ersten SolistIinnen bis zu den schönen Corps de ballet-Schwänen, die das absolute Herzstück von Schwanensee sind. Es hat einen Grund, warum dieses Ballett in unserem Repertoire weiterlebt und beim Publikum Nachhall findet. Es ist eine Verantwortung dieses aufzuführen und eine wahre Kostbarkeit beim Ansehen.

Jeanette Kakareka ist seit der Spielzeit 2017/18 in unserem Ensemble und wurde im September 2019 zur Demi-Solistin befördert. Sie schreibt selbst auf ihrem Blog Ballerina and Home und betreibt einen YouTube-Channel und einen Instagram-Account.

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