Im Gespräch mit den Choreograph:innen von HEUTE IST MORGEN

Die Reihe Heute ist morgen ist ein Format um zeitgenössischen Positionen im Tanz zu zeigen sowie aufstrebenden Choreograph:innen eine attraktive Plattform zu bieten. In der Spielzeit 2020-21 sind dies die Arbeiten von Charlotte Edmonds, Özkan Ayik und Emil Faski. In Gesprächen mit unserem Dramaturgen Serge Honegger erzählen sie von ihren Kreationen, hier fsind einige Auszüge. Die kompletten Gespräche und Texte gibt es im Programmheft.


Charlotte bei den Proben © Katja Lotter

SH Am Beginn deiner Arbeit an Generation Goldfish stand eine intensive Beschäftigung mit dem Thema Aufmerksamkeit. Woher rührt dieses Interesse?

CE Bei Generation Goldfish wollte ich wissen, wie sich die Aufmerksamkeit auf das Denken und die Wahrnehmung auswirkt. Aufmerksamkeit ist ja der Ursprung von allen wichtigen Entscheidungen, von jeder Bewegung, die einen Fokus hat. Durch Artikel bin ich auf einen Vergleich zwischen den unterschiedlichen Aufmerksamkeitsspannen von Menschen und Goldfischen gestoßen. Das hat mich total fasziniert.

SH Woraus besteht in Generation Goldfish das Bewegungsmaterial?

CE Im Ballettstudio haben wir zuerst improvisiert. Wir haben das Verhalten von Fischen angeschaut: die Füße als Flossen, Zittern der Hände, Luftblasen, Schlängelbewegungen, rasche Richtungswechsel, von der Arabeske in eine Tauchbewegung, das Schwebende des Körpers mittels Demi Pointe und so weiter. Auf diese Weise näherten wir uns dem, was ein Goldfisch für uns ist und bedeutet.

SH Wie hat sich das Aufmerksamkeits-Thema im Verlauf der Arbeit mit den Tänzern noch in die Choreographie eingeschrieben?

CE Wenn wir den Goldfisch-Tänzern folgen, schauen wir gewissermaßen auf ein lebendiges Netzwerk. Manchmal ist es sehr beschäftigt, manchmal etwas schläfrig. Das Netzwerk und die verschiedenen Aufmerksamkeitsgrade sind immer präsent, deshalb geht niemand von der Bühne ab. Die einzelnen Orte sind miteinander vernetzt und interagieren.

SH Du hast immer wieder erwähnt, dass wir in einer Zeit leben, in der die Aufmerksamkeit besonders herausgefordert wird. Was meinst du genau damit?

CE Die Digitalisierung hat ein völlig neues Umfeld geschaffen. Denken wir an einen Feed eines Social-Media-Kanals. Was bleibt eigentlich in meiner Erinnerung hängen, nachdem ich mich durchgeklickt habe? Im Gegensatz zu anderen Erfahrungen eher wenig, wenn ich ehrlich bin. All das beeinflusst auch die Art, wie wir eine Theatervorstellung besuchen oder unseren Medienkonsum organisieren. Wir sind alle Teil der Goldfisch-Generation, weil wir uns in dieser Welt heute bewegen und Wege finden müssen, wie wir damit zurechtkommen.

Interview von Serge Honegger mit Charlotte Edmonds vom 15. Juni 2021.


Özkan bei den Proben © Katja Lotter

SH Was ist bei Deinem Schaffensprozess wichtig, wie kreierst Du eine Choreographie?

ÖA Mir ist die Blickrichtung der Tänzer wichtig, wohin sie in der Choreographie schauen. Ich achte darauf, was ihre Hände tun. Viele Bewegungen fangen damit an, dass die Hände eine Richtung vorgeben. Alltagsgesten, drücken Emotionen aus und transportieren das, was nicht gesagt wird oder nicht gesagt werden kann. Es geht mir nicht um eine bestimmte Ästhetik, sondern ich möchte mit diesem gestischen Vokabular eine innere Bewegung nach außen vermitteln. SH Arbeitest Du mit bestimmten Methoden?

ÖA Ein wiederkehrendes Motiv meiner Tanzstücke findet sich in einer gewissen Form der „Geworfenheit“: Ich stelle den Tänzer in einen leeren Raum oder lasse ihn quasi aus dem Nichts auf der Bühne auftreten. Mein Wunsch ist, dass die Tänzer, die meine Choreographie umsetzen, eigene Entdeckungen machen und etwas Persönliches von sich zeigen können. Das Inspirierende kann aus den unterschiedlichsten Richtungen zu mir gelangen, weshalb man das Choreographieren nicht auf eine einzige Methode runterbrechen kann. Es hat viel mit Instinkt, mit Emotion zu tun

SH Worum geht es in Tag Zwei?

ÖA Der Titel, Tag Zwei, bezieht sich auf das Element des Kontinuierlichen, der Tag, der auf einen anderen folgt. Unser Dasein ist ja insgesamt vom Wechsel zwischen Schlafen und Wachen geprägt. Dass das Leben am nächsten Morgen weitergeht, überrascht mich manchmal, weil ich weiß, dass es eines Tages keinen Tag Zwei geben wird. Von daher drückt der Titel auch Hoffnung und Zuversicht aus, allerdings mit einer reflektierten Komponente, da man keine Ahnung hat, was einen in der Zukunft erwartet. Wir müssen uns die Zeit geben, unsere eigenen Entdeckungen zu machen. Es gibt kein Scheitern, es gibt nur das Versuchen, das kontinuierliche Fließen, fortlaufend, immer wieder, Tag Zwei.

Gespräch mit Özkan Ayik vom 8. Juni 2021, aufgezeichnet von Serge Honegger


Ksenia Ryzhkova und Emilio Pavan bei Proben zu OTHELLO © Katja Lotter

SH Du erzählst in deiner Kreation für Heute ist morgen die Geschichte aus der Perspektive der Titelfigur Othello, wieso?

EF Wenn ich dieses Meisterwerk aus dem 17. Jahrhundert choreographisch nachbuchstabieren würde, wäre das völlig uninteressant, es wäre eine Aneinanderreihung von Schritten. Dazu kommt, dass ein Großteil des Publikums die Geschichte kennt. Darum fand ich es angebracht, den Fokus zu wechseln und die Frage zu stellen, wie Othello auf das Erlebte zurückblicken würde.

SH Wie die Menschen vergangene Ereignisse in ihrem Kopf durchgehen, in der Zeit zurückzureisen, um sich mit einmal getroffenen Entscheidungen auseinanderzusetzen, war das der Grund, warum Du eine retrospektive Erzählstruktur gewählt hast?

EF Ich denke, dass die Menschen immer nach Begründungen suchen, um Fehler zu rechtfertigen, das ist ein ganz normaler Vorgang. Es handelt sich bei der Rückschau auf vergangene Ereignisse um einen psychologischen Mechanismus, der es einem ermöglicht, in die Vergangenheit zu reisen, um die Ursache für Fehler zu finden.

SH Was ist beim Kreieren eines Balletts, während dem Prozess des Choreographierens in der jetzigen Zeit wichtig?

EF Geschichten auf der Bühne zu erzählen, empfinde ich auch immer noch als eine sehr wichtige Aufgabe des Theaters. Heutzutage stellt jedoch der mediale Wandel dem Ballett verstärkt die Aufgabe, über die Funktion der künstlerischen Ausdrucksform des Tanzes zu reflektieren. Die Auseinandersetzung mit Änderungen in der Rezeptionshaltung des Publikums steht im Vordergrund, insgesamt lässt sich eine Verschiebung der Konzentrationsfähigkeit feststellen.

Gespräch von Serge Honegger mit Emil Faski vom 10. Juni 2021

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