Ermanno Wolf-Ferrari WER?

„Man soll gute Opern schreiben. Das ist alles! Wie man das macht? Das kann ich nicht sagen: denn das „Wie“ ist jedes Mal die einzelne Oper selber, …“ antwortete der Komponist Ermanno Wolf-Ferrari auf eine Umfrage zur Gegenwart und Zukunft der Oper.

Nur selten gab es einen Fall in der Musikgeschichte, bei welchem sich im Schaffen eines Künstlers gleichzeitig der Geist zweier Nationen widerspiegelt und noch viel seltener ist daraus eine neue Kunstsprache entstanden. Frédéric Chopin, der „französische Pole“ ist sicherlich das prominenteste Beispiel für ein solches Phänomen. Heutzutage bereits fast in Vergessenheit geraten, ist jedoch auch der weniger bekannte Ermanno Wolf-Ferrari ein weiteres Beispiel hierfür.Mit dem Namen Hermann Friedrich Wolf kam dieser am 12. Januar 1876 in Venedig zur Welt. Seine Mutter, Emilia Ferrari, war gebürtige Venezianerin, deren Geburtsnamen er später seinem Nachnamen zufügte. Sein Vater, August Wolf aus dem Baden-Wüttenbergischen Weinheim an der Bergstraße, war Kunstmaler. Seine Kopien von Gemälden bekannter italienischer Meister des 15. und 16. Jahrhunderts gehören heute zum Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und werden in der Sammlung Schack ausgestellt.
Wolf-Ferrari erhielt schon früh Klavierunterricht. Er zeigte aber auch große zeichnerische Begabung, weshalb er zunächst in die Fußstapfen seines Vaters trat und ein Studium in den Bildenden Künsten an der „Accademia di Belle Arti“ in Rom antrat. Ein Jahr später setzte er seine Ausbildung an einer privaten Malschule in München fort.

Als 16-Jähriger drängte es ihn jedoch, inspiriert durch die Kompositionen Johann Sebastian Bachs, zur Musik woraufhin er die Aufnahmeprüfung an der „Königlichen Akademie der Tonkunst“ bestritt, bestand und fortan bei dem bekannten Kontrapunktlehrer Joseph Rheinberger studierte.
Zwei Jahre später dirigierte er die Uraufführung seiner Serenade für Streichorchester erstmals unter dem Namen Ermanno Wolf-Ferrari. 1895 kehrte er zunächst nach Venedig zurück. Durch seine Verbindung zu dem Komponisten und Schriftsteller Arrigo Boito kommt es zu einem einmaligen Treffen mit Giuseppe Verdi. 1897 leitete Wolf-Ferrari den in Mailand ansässigen Deutschen Chor. Im selben Jahr heiratete er die Sopranistin Clara Kilian. Ihr einziger Sohn Federico erblickte ein Jahr später das Licht der Welt.
Nachdem seine erste Oper La Cenerentola 1900 am Teatro La Fenice durchfiel kehrt er nach München zurück. Mit der dortigen Uraufführung seines Chor-Orchesterwerks La Vita Nuova op.9 (nach Dante Alighieri) schaffte er den Durchbruch.
Die Oper Le donne curiose („Die neugierigen Frauen“) wurde mit sensationellem Erfolg am Münchner Cuvilliés-Theater in deutscher Sprache uraufgeführt. Damit wurden nicht nur Werke des venezianischen Lustspielautors des 18 Jahrhunderts Carlo Goldoni künstlerisch wiederbelebt, sondern auch eine grundlegende Erneuerung der Opera buffa eingeleitet, mit welcher Wolf-Ferraris Weltruhm begründet wurde: Das Werk trat unmittelbar von dort seinen Siegeszug um die Welt an.

Mit 26 Jahren wird Wolf-Ferrari auf Lebenszeit zum Direktor des Konservatoriums “Liceo Musicale Benedetto Marcello” in Venedig ernannt.
 

Münchner Nationaltheater um 1900

Die Uraufführung seiner Oper Quatro Rusteghi („Die vier Grobiane“) am Nationaltheater München unter Felix Mottl untermalte den Ruhm des jungen Komponisten Ferarri. 1909 fand die Uraufführung des Operneinakters Il segreto di Susanna („Susannens Geheimnis”), ebenfalls unter Felix Mottl, in München statt. Aus Zeitgründen löste Ferarri den Vertrag mit dem Konservatorium in Venedig auf und übersiedelte abermals nach Deutschland. 1911 feierte seine Oper I gioielli della Madonna („Der Schmuck der Madonna”) an der Kurfürstenoper in Berlin Premiere. '
Ein Jahr später fand die amerikanische Erstaufführung der Donne Curiose unter Arturo Toscanini an der Metropolitan Opera New York, im Beisein des Komponisten, statt.
Nach Beginn des 1. Weltkriegs lebte Wolf-Ferrari bis 1921 bei Freunden in Zürich, dann in Zollikon, einem Dorf am Zürichsee. Depressionen durch das Kriegsgeschehen und das Gefühl der “Wurzellosigkeit” als Deutschitaliener führten in eine Schaffenskrise. Es folgte die Scheidung von Clara Kilian. Für einige Zeit wandte er sich wieder bildnerischen Tätigkeiten zu und fertigte rund 130 Aktzeichnungen an. Es folgte die Heirat mit seiner zweiten Frau Wilhelmine Funck.
Im zweiten Weltkrieg litt Wolf-Ferrari psychisch unter dem Nationalsozialismus in Deutschland, dem Faschismus in Italien – er selbst blieb jedoch von den Politsystemen unbehelligt. Wieder floh er in die Schweiz. Zu seinem späteren Schaffen zählen vor allem Instrumentalwerke, darunter auch ein Violin- und ein Cellokonzert.
Nach dem Krieg kehrt der Komponist in seine Geburtsstadt Venedig zurück, wo er am 21. Januar 1948 im Palazzo Malipiero starb. Sein Grab liegt auf der Friedhofsinsel San Michele nördlich von Venedig.


„Es ist sehr leicht, unverständlich zu schreiben! Sehr schwer hingegen: leicht zu schreiben ohne Dummheiten zu sagen! Den Jungen würde ich raten, so zu schreiben, wie man ein Telegramm nach Amerika aufsetzt: Kurz, weil die Worte teuer sind, und klar, weil man verstanden sein will!“
Ermanno Wolf-Ferrari hat mit seinen Werken gekonnt eine Verschmelzung italienischen und deutschen Musikstils und Temperaments gemeistert.Bereits zu Beginn seiner frühen Schaffensphase erlangte die Arbeit des 25-Jährigen zwar in kürzester Zeit zu Weltruhm, nahm aber bereits nach dem 1.Weltkrieg eine eher unstete Präsenz auf den Spielplänen und in den letzten Jahrzehnten ein und, abgesehen von einigen Ausnahmen, verschwand letztlich völlig von der Bühne. Aus zahllosen Beispielen der Vergangenheit wie etwa Johann Nepomuk Hummel und Wolf-Ferraris Lehrer Joseph Reihnberger wird klar, dass solche Entwicklungen oft nicht mit „minderer Qualität“ des Geschaffenen zu tun haben, sondern dass es vielmehr die Umstände der Zeit, der jeweilige Zeitgeist und dessen Auswirkung auf die Menschen ist, der bestimmte kulturelle Phänomene ins Rampenlicht stellt und andere, wie im Falle Ferraris, in den Hintergrund drängt.

Die Oper Il segreto di Susanna (Susannens Geheimnis), ein „Intermezzo in einem Akt“, wie Wolf-Ferrari dieses Werk selbst betitelt, wurde am 4. Dezember 1909 im Hoftheater München in deutscher Sprache uraufgeführt. Felix Mottl dirigierte diese durchaus erfolgreiche Premiere in der Inszenierung von Willy Wirk. Ella Torek und Friedrich Brodersen sangen die Hauptpartien. Das Werk war bis zum zweiten Weltkrieg ein Kassenschlager, fand schnell Verbreitung, sowohl auf deutschen als auch auf ausländischen Bühnen. Die italienische Erstaufführung fand zwei Jahre später in Rom statt und wurde im selben Jahr auch an der Metropolitan Opera in New York gezeigt. Bis zum zweiten Weltkrieg blieb das Stück populär und auch danach gab es immer wieder Einstudierungen auch an großen Häusern.

 

Dirigent Felix Mottl
Regisseur Willy Wirk
Sopranistin Ella Tordek
Friedrich Brodersen

Kommentare

  • Am 27.04.2021 um 19:38 Uhr schrieb

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