Crossdressing ist sexy!

Ein Interview mit Regisseur Barrie Kosky zur Neuproduktion von Der Rosenkavalier.

 

BSO: Hosenrollen oder Crossdressing haben im Theater eine sehr lange Geschichte. Was ist das Markante daran?

BK: Travestie und Gender Fluidity stecken tief in der DNA des westlichen Theaters, das beginnt schon im antiken Griechenland. Aber auch in fast allen Theater- und Musiktheaterformen asiatischer Länder werden alle Rollen nur von Männern gespielt. Literatur und Theater im antiken Griechenland und Rom sind voll von Travestie, ein Beispiel sind Ovids Metamorphosen. Ovid schreibt ein unglaubliches Panoptikum von Geschichten mit Göttern und Menschen, wo man ständig in Berührung mit dem Thema Geschlecht beziehungsweise Gender kommt. Das hat einen großen Einfluss auf Bilder der Renaissance und Literatur des 17. bis 19. Jahrhunderts, und auf das Barocktheater, das diese Attitüde aufnimmt. Deshalb ist es kein Wunder, dass am Beginn der Barockoper ständig dieses Thema auftaucht, obwohl die Situation hier etwas anders ist. Zu Beginn wurden hier viele Männerrollen von Kastraten gesungen. In der Shakespeare-Zeit wurden alle Frauenrollen nur von 13- oder 14-jährigen Jungs gespielt. Shakespeare schreibt unglaublich ausgefeilte Verwirrspiele, in denen er seine männlichen Schauspieler als Frauen verkleidet, die sich wieder als Männer kostümieren. Später kommt die andere Tradition, in der Frauen Jungs spielen. Das berühmteste Beispiel ist Cherubino in Le nozze di Figaro – und Octavian steht in dieser Tradition.

BSO: Der Rosenkavalier wurde deutlich später geschrieben als Le nozze di Figaro. Was unterscheidet Octavian von Cherubino?

BK: Octavian ist eine Hommage an Cherubino, aber Cherubino ist ein bisschen älter, klüger und erfahrener. Hosenrollen funktionieren auf sehr unterschiedlichen Ebenen: Eine Mezzosopranistin ist als Mann gekleidet, aber die weibliche Stimme bleibt. Trotzdem macht sie auf der Bühne alles, was ein Mann macht. Der Witz ist: Wir akzeptieren das, weil es Emotionen bringt. Crossdressing ist sexy! Das ist Theater, es spielt immer mit Fantasie und Projektion. Ich sehe etwas und projiziere es auf das, was ich fühle.

BSO: Was ist im Rosenkavalier besonders?

BK: Im Rosenkavalier sind ein paar Aspekte sehr interessant: Wir wissen, Harry Graf Kessler [der mit Hofmannsthal das Szenario für den Rosenkavalier geschrieben hat, Anm.] war ein homosexueller Mann mit Liebhabern, die über ganz Europa verstreut waren. Natürlich nicht öffentlich, sonst wäre er im Gefängnis gelandet, aber es war bekannt. Ich glaube, Kessler sah sich selbst in der Marschallin. Octavian ist eine Wunschprojektion und spielt mit der Attraktivität von jugendlicher Schönheit, wie man sie schon aus der griechischen Antike kennt. Das war aber alles koscher, weil es von einer Frau gespielt wurde. Bei Hofmannsthal wissen wir nicht viel über sein Privatleben. Es gibt die Theorie, dass er bisexuell war, das aber nicht ausgelebt hat. Vielleicht hat auch Hofmannsthal etwas in diese Figur projiziert. Strauss war, glaube ich, the least queer artist of all time. Ich glaube, das ist der Grund, warum das Stück so erfolgreich war. Er hat für Octavian unglaublich schöne Musik geschrieben und hat ihm aber auch diese komische Mariandel-Maskerade gegeben, bei der wir das Shakespeare’sche Verkleidungsspiel sehen. Man hat einen Mann, aber dann kommt die Frauenstimme eines Mezzos, oft kombiniert mit einem Sopran im Duett oder Trio. Das ist ein absoluter Klangporno.

BSO: Was macht diesen Wechsel der Geschlechterrollen so interessant?

BK: Der Witz kommt nicht daher, dass die Mezzosopranistinnen den jungen Mann spielen, sondern dadurch, dass sie den jungen Mann spielen, der als junge Frau verkleidet ist, die etwas gegen einen Mann unternimmt. Die Heuchelei und die toxische Maskulinität eines Mannes mittleren Alters werden komplett gebrochen, wie im Rosenkavalier bei Baron Ochs auf Lerchenau, das ist ein klassisches Beispiel. Man bekommt dadurch diese wunderbare Mischung aus Komödie und Erotik. Erotik muss nicht immer Tristan und Isolde oder ein großes Liebesduett zwischen einem Mann und einer Frau sein.

BSO: Was war Ihnen wichtig in der Anlage des Octavians als Figur für unsere neue Inszenierung des Rosenkavaliers

BK: Ich habe zu Samantha Hankey von Anfang an gesagt: Ich glaube, du solltest dich nicht wie ein Mann bewegen. Das Kostüm und die Perücke wird eine gewisse Ambivalenz beinhalten, aber wir machen keine Koteletten oder einen falschen Schnurrbart. Spiele einfach, was du fühlst, und es wird etwas dabei herauskommen. Aber ich möchte auf keinen Fall, dass du denkst, wenn du die Marschallin in den Arm nimmst, musst du das machen wie ein Mann. Es ist viel interessanter, wenn du normal spielst. Man sieht oft in Produktionen, dass der Octavian versucht, sich männlich zu bewegen, das ist uninteressant. Wenn Octavian dann als Mariandel verkleidet ist, ist sie in den meisten Inszenierungen sehr angstvoll und passiv und Ochs ist in der aktiven Rolle. Deshalb habe ich zu Samantha gesagt: Wir spielen Mariandel ganz anders. Ich möchte, dass es fast keinen körperlichen Kontakt zwischen Ochs und Mariandel im ersten Akt gibt und Octavian die komplette Kontrolle über die Situation hat. Stell dir vor, du bist eine Domina und verkleidest dich als französisches Zimmermädchen und setzt deinen Körper bewusst als Lustobjekt ein. Die Perspektive hat sich damit komplett verändert. Wir sehen die Situation nicht durch die Augen von Ochs, sondern durch die von Octavian. Eigentlich kann man diese Szene im 21. Jahrhundert nur so auf die Bühne bringen. Es ist witziger, sexier und macht Ochs kleiner.


Das Interview führte

Sabine Eckmüller

Kommentare

  • Am 06.04.2021 um 19:39 Uhr schrieb Momixou

    Lear, die Tragödie einer echten Liebe zum Vater

    Als ich entdeckte, dass Sie entschieden hatten, Aribert Reimanns Komposition, die Tragödie Lear auszuführen, erfreute ich mich an Ihrer ausgezeichneten Initiative für Musiker, Sänger und Publikum. Vielen Dank an die ganze Crew der Staatsoper.

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