Ein Werk vom Abschied

„… Ich glaube, dass es wohl das Persönlichste ist, was ich bis jetzt gemacht habe“, schreibt Gustav Mahler an seinen Freund, den Dirigenten Bruno Walter. Das Thema Abschied scheint allgegenwärtig in Mahlers Leben gewesen zu sein, als der das Lied von der Erde schrieb – das, aus seiner Perspektive, auch Ausdruck eines Wendepunktes sein könnte.

Es war eine Zeit, die von privaten Schicksalsschlägen geprägt war. Obwohl er bereits zehn Jahre zuvor zum Katholizismus konvertiert war, führten eine antisemitische Pressekampagne gegen ihn und Streitigkeiten mit seinen Vorgesetzten bei Hof dazu, dass Mahler vom Amt als Direktor der Wiener Hofoper 1907 zurücktrat. Doch während sich diese Tür für ihn schloss, öffnete sich eine neue: Als abzusehen war, dass seine Zeit in Wien zu Ende gehen würde, unterschrieb er einen Vertrag, um von 1908 an als Gastdirigent an der Metropolitan Opera und des Philharmonic Orchestra in New York zu wirken . Zuvor verstarb seine Tochter Anna Maria im Alter von nur vier Jahren an Diphterie. Kurz darauf wurde bei ihm selbst eine schwere Herzkrankheit diagnostiziert, die den bis dahin energiegeladenen, sportlichen Mann zu einer rigorosen Umstellung seiner Lebens- und Arbeitsgewohnheiten zwang und an der er schließlich einige Jahre später starb.

Trotz dieser schwerwiegenden Diagnose und des Todes seiner Tochter trat er im Dezember desselben Jahres die Reise nach New York an. Seine Abreise von Wien wurde zum triumphalen Ereignis. Etwa zweihundert Menschen hatten sich zum Abschied am Westbahnhof eingefunden, darunter illustre Persönlichkeiten der Wiener Kulturszene wie  Arnold Schönberg, Alban Berg, Anton Webern, Gustav Klimt und Bruno Walter. Alma Mahler erinnerte sich: „Sie standen, als wir ankamen, alle schon da, die Hände voll Blumen, die Augen voll Tränen, stiegen in unser Coupé, bekränzten es, die Sitze, den Boden, alles. Als sich der Zug in Bewegung setzte, sprach Gustav Klimt aus, was viele dachten: ‚Vorbei!‘“

Im Lied von der Erde, diesem symphonischen Liederzyklus, verbindet Mahler – wie schon in früheren Werken – gegensätzliche Themen wie Tod und Leben, Diesseits und Jenseits, Werden und Vergehen. Er besteht aus sechs Teilen, in denen Mahler sieben chinesische Gedichte der Tang-Dynastie aus der deutschen Nachdichtung Die chinesische Flöte von Hans Bethge vertont hat. An manchen Stellen nahm er kleine Änderungen am Text vor, zum Beispiel ersetze er den Titel Am Ufer von Bethge durch Von der Schönheit.

1. Satz: Das Trinklied vom Jammer der Erde. Allegro pesante
2. Satz: Der Einsame im Herbst. Etwas schleichend. Ermüdet
3. Satz: Von der Jugend. Behaglich heiter
4. Satz: Von der Schönheit. Comodo. Dolcissimo
5. Satz: Der Trunkene im Frühling. Allegro. Keck aber nicht zu schnell
6. Satz: Der Abschied. Schwer

Die Solisten, Tenor- und Alt- oder Baritonsolo, singen abwechselnd; der Tenor beginnt, es endet die Altistin oder der Bariton. Sind die ersten Sätze noch mit Melancholie und den Themen Tod und Vergänglichkeit durchdrungen, so kontrastieren die folgenden Sätze damit: Sie besingen in heiterer Stimmung Jugend und Schönheit. Der fünfte Satz spannt den Bogen vom Frühling zu dem finalen Schlusssatz Der Abschied. Dieser setzt sich aus zwei Gedichten zusammen und erhält durch seine Länge besonderes Gewicht, denn er ist etwa so lang wie alle vorangegangenen Sätze zusammen. Auch hier, am Ende des Werkes, treffen zwei gegensätzliche Themen aufeinander: Abschiedstrauer und Ewigkeitsnähe.

Über Mahlers Haltung zu seiner Komposition berichtet Bruno Walter: „Als ich [das Autograph] ihm zurückbrachte, fast unfähig, ein Wort darüber zu sprechen, schlug er den ‚Abschied‘ auf und sagte: ‚Was glauben Sie? Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht darnach umbringen?‘ “. Wie in seiner Komposition wechselt er auch hier kurz darauf in eine konträre, heitere Stimmung: „Dann wies er auf die rhythmischen Schwierigkeiten und fragte scherzend: ‚Haben Sie eine Ahnung, wie man das dirigieren soll? Ich nicht!‘.“

Offensichtlich hat Bruno Walter einen Weg gefunden; er dirigierte die Uraufführung ein halbes Jahr nach Mahlers Tod am 20. November 1911 in der Münchner Tonhalle. Walter blieb für viele Jahre einer der wichtigsten Interpreten des Werkes, das er wiederholt dirigierte und auf Schallplatte aufzeichnete, womit er wesentlich zur Verbreitung der Komposition beitrug. Neben der Originalfassung mit Orchester gibt es auch eine von Arnold Schönberg als Fragment hinterlassene und von Rainer Riehn vollendete Instrumentierung für Kammerorchester. Eine Fassung mit Klavierbegleitung anstelle des Orchesters, die Mahler selbst erstellte, können Sie am Montag, dem 8. März, im Montagsstück XVII: Das Lied von der Erde, mit Bariton Christian Gerhaher, Tenor Klaus Florian Vogt und Gerold Huber am Klavier im Live-Stream auf STAATSOPER.TV erleben.

Ein Beitrag von: Tatjana Seltsam


Gustav Mahler (1860-1911)

Das Lied von der Erde

Das Trinklied vom Jammer der Erde
Schon winkt der Wein im gold’nen Pokale,
Doch trinkt noch nicht, erst sing’ ich euch ein Lied!
Das Lied vom Kummer
Soll auflachend in die Seele euch klingen.
Wenn der Kummer naht,
Liegen wüst die Gärten der Seele,
Welkt hin und stirbt die Freude, der Gesang.
Dunkel ist das Leben, ist der Tod.

Herr dieses Hauses!
Dein Keller birgt die Fülle des goldenen Weins!
Hier, diese Laute nenn’ ich mein!
Die Laute schlagen und die Gläser leeren,
Das sind die Dinge, die zusammenpassen.
Ein voller Becher Weins zur rechten Zeit
Ist mehr wert, als alle Reiche dieser Erde!
Dunkel ist das Leben, ist der Tod!

Das Firmament blaut ewig, und die Erde
Wird lange fest steh’n und aufblüh’n im Lenz.
Du aber, Mensch, wie lang lebst denn du?
Nicht hundert Jahre darfst du dich ergötzen
An all dem morschen Tande dieser Erde!

Seht dort hinab! Im Mondschein auf den Gräbern
Hockt eine wild-gespenstische Gestalt –
Ein Aff’ ist’s! Hört ihr, wie sein Heulen
Hinausgellt in den süßen Duft des Lebens!
Jetzt nehmt den Wein! Jetzt ist es Zeit, Genossen!
Leert eure gold’nen Becher zu Grund!
Dunkel ist das Leben, ist der Tod!

 

Der Einsame im Herbst
Herbstnebel wallen bläulich überm See;
Vom Reif bezogen stehen alle Gräser;
Man meint, ein Künstler habe Staub vom Jade
Über die feinen Blüten ausgestreut.

Der süße Duft der Blumen ist verflogen;
Ein kalter Wind beugt ihre Stengel nieder.
Bald werden die verwelkten, gold’nen Blätter
Der Lotosblüten auf dem Wasser zieh’n.


Mein Herz ist müde. Meine kleine Lampe
Erlosch mit Knistern, es gemahnt mich an den Schlaf.
Ich komm’ zu dir, traute Ruhestätte!
Ja, gib mir Ruh, ich hab’ Erquickung not!

Ich weine viel in meinen Einsamkeiten.
Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange.
Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen,
Um meine bittern Tränen mild aufzutrocknen?

 

Von der Jugend
Mitten in dem kleinen Teiche
Steht ein Pavillon aus grünem
Und aus weißem Porzellan.

Wie der Rücken eines Tigers
Wölbt die Brücke sich aus Jade
Zu dem Pavillon hinüber.

In dem Häuschen sitzen Freunde,
Schön gekleidet, trinken, plaudern,
Manche schreiben Verse nieder.

Ihre seidnen Ärmel gleiten
Rückwärts, ihre seidnen Mützen
Hocken lustig tief im Nacken.

Auf des kleinen Teiches stiller
Wasserfläche zeigt sich alles
Wunderlich im Spiegelbilde.

Alles auf dem Kopfe stehend
In dem Pavillon aus grünem
Und aus weißem Porzellan;

Wie ein Halbmond steht die Brücke,
Umgekehrt der Bogen. Freunde,
Schön gekleidet, trinken, plaudern.

 

Von der Schönheit
Junge Mädchen pflücken Blumen,
Pflücken Lotosblumen an dem Uferrande.
Zwischen Büschen und Blättern sitzen sie, und
Sammeln Blüten, Blüten in den Schoß und rufen
Sich einander Neckereien zu.

Gold’ne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.
Sonne spiegelt ihre schlanken Glieder,
Ihre Kleider, Ihre süßen Augen wider,
Und der Zephir hebt mit Schmeichelkosen
Das Gewebe ihrer Ärmel auf, und
Führt den Zauber
Ihrer Wohlgerüche durch die Luft.

O sieh, was tummeln sich für schöne Knaben
Dort an dem Uferrand auf mut’gen Rossen,
Weithin glänzend wie die Sonnenstrahlen;
Schon zwischen dem Geäst der grünen Weiden
Trabt das jungfrische Volk einher!

Das Roß des einen wiehert fröhlich auf
Und scheut und saust dahin,
Über Blumen, Gräser wanken hin die Hufe,
Sie zerstampfen jäh im Sturm
die hingesunk’nen Blüten,
Hei! Wie flattern im Taumel seine Mähnen,
Dampfen heiß die Nüstern!

Gold’ne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.
Und die schönste von den Jungfrau’n sendet
Lange Blicke ihm der Sehnsucht nach.
Ihre stolze Haltung ist nur Verstellung.
In dem Funkeln ihrer großen Augen,
In dem Dunkel ihres heißen Blicks
Schwingt klagend noch die Erregung
Ihres Herzens nach.

 

Der Trunkene im Frühling
Wenn nur ein Traum das Leben ist,
Warum denn Müh’ und Plag’!?
Ich trinke, bis ich nicht mehr kann,
Den ganzen, lieben Tag!

Und wenn ich nicht mehr trinken kann,
Weil Kehl’ und Seele voll,
So tauml’ ich bis zu meiner Tür
Und schlafe wundervoll!

Was hör ich beim Erwachen? Horch!
Ein Vogel singt im Baum.
Ich frag’ ihn, ob schon Frühling sei,
Mir ist als wie im Traum.

Der Vogel zwitschert: Ja! Der Lenz
Ist da, sei kommen über Nacht!
Aus tiefstem Schauen lauscht’ ich auf,
Der Vogel singt und lacht!

Ich fülle mir den Becher neu
Und leer’ ihn bis zum Grund
Und singe, bis der Mond erglänzt
Am schwarzen Firmament!
Und wenn ich nicht mehr singen kann,
So schlaf’ ich wieder ein.
Was geht mich denn der Frühling an!?
Laßt mich betrunken sein!

 

Der Abschied
Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge.
In alle Täler steigt der Abend nieder
Mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind.
O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt
Der Mond am blauen Himmelssee herauf.
Ich spüre eines feinen Windes Weh’n
Hinter den dunklen Fichten!

Der Bach singt voller Wohllaut durch das Dunkel.
Die Blumen blassen im Dämmerschein.
Die Erde atmet voll von Ruh’ und Schlaf,
Alle Sehnsucht will nun träumen,
Die müden Menschen geh’n heimwärts,
Um im Schlaf vergess’nes Glück
Und Jugend neu zu lernen!
Die Vögel hocken still in ihren Zweigen.
Die Welt schläft ein!

Es wehet kühl im Schatten meiner Fichten.
Ich stehe hier und harre meines Freundes;
Ich harre sein zum letzten Lebewohl.

Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite
Die Schönheit dieses Abends zu genießen.
Wo bleibst du? Du läßt mich lang allein!
Ich wandle auf und nieder mit meiner Laute
Auf Wegen, die von weichem Grase schwellen.
O Schönheit! O ewigen Liebens – Lebens trunk’ne Welt!

Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk
Des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin
Er führe und auch warum es müßte sein.
Er sprach, seine Stimme war umflort: Du, mein Freund,
Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!
Wohin ich geh’? Ich geh’, ich wand’re in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz!

Ich wandle nach der Heimat! Meiner Stätte!
Ich werde niemals in die Ferne schweifen.
Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!

Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!
Allüberall und ewig
Blauen licht die Fernen!
Ewig… ewig…

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