Ein Tag im Leben einer Schwanenkönigin

Laurretta Summerscales tanzt seit der Spielzeit 2017/18 als Erste Solistin beim Bayerischen Staatsballett. Im Lauf ihrer Karriere verkörperte sie die Hauptrolle in Schwanensee schon in zahlreichen Versionen. Am 11. September 2020 wird sie in München nun in Ray Barras Fassung des Ballettklassikers debütieren. Folgen Sie der Ballerina an einem Probentag für die Rolle der Odette/Odile:

Über Schwanensee

Schwanensee ist für mich etwas ganz Besonderes, denn es war die erste Hauptrolle, die ich je getanzt habe. Es ist das erste Mal, dass ich die Version von Ray Barra tanze, aber die Choreographie ähnelt anderen Fassungen, sodass ich mich mit dem Ballett sehr wohl fühle.

Mein Lieblingsmoment

Ich liebe viele Momente dieses Balletts, zum Beispiel das Adagio des weißen Schwans im zweiten Bild, in dem sich Odette Siegfried vollkommen hingibt, oder das Pas de deux des schwarzen Schwans zusammen mit Rotbart, was ein zusätzliches Maß an Schauspielerei in die Handlung mit einbringt. Aber ich glaube, mein Lieblingsmoment ist in Bild 4: Odette fühlt sich verraten und verletzt, sie muss ihre Schwäne beschützen, aber gleichzeitig liebt sie Siegfried. Diese Szene ist viel tiefgreifender, es gibt viel mehr Schichten. Ich glaube, in einem Moment wie diesem, wenn man wirklich, wirklich verletzt ist, hat man nicht einmal mehr Tränen. Für mich ist Bild 4 – auch im Zusammenspiel mit der Musik – einfach perfekt.

Vorbereitung auf die Rolle

Geistig bereite ich mich nicht mehr so intensiv vor, da ich das Ballett schon so oft getanzt habe. Ich schaue mir aber immer noch Videos von anderen Tänzerinnen an. Unabhängig davon, ob es mir gefällt oder nicht, denke ich, dass es wichtig ist zu sehen, wie unterschiedlich man einen Schwan darstellen kann. Jede Tänzerin ist anders, manche sind zerbrechlich, manche animalisch. Deshalb finde ich es gut, andere Künstler anzuschauen und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Aus körperlicher Sicht weiß ich, dass der schwarze Schwan vor allem für die Ausdauer eine Herausforderung ist. Deshalb muss ich die Szene buchstäblich immer und immer wieder wiederholen, anstatt zum Beispiel zusätzlich im Fitnessstudio zu trainieren, da dies ein vollkommen anderes Muskeltraining ist.

Veränderungen durch Corona

Man spürt die Veränderungen, ich merke beispielsweise, dass ich nicht so warmherzig sein kann. Die Maske verdeckt die Mimik, deshalb bin ich zurückhaltender, ich bin nicht mehr so extrovertiert wie zuvor – obwohl wir uns in den Proben anfassen und die Masken abnehmen dürfen. Da während der Live-Übertragungen der Montagskonzerte eine so andere Atmosphäre herrschte, war ich wirklich nervös, dass ich mich auf der Bühne nicht mehr so sicher fühlen würde. Als ich aber meinen Durchlauf auf der Bühne hatte, war es wundervoll. Und obwohl mir die Schwäne nicht so nah sind: Die Tatsache, dass sie da sind, verströmt noch immer diese Essenz. Man hat wieder das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, man fühlt sich wie in einem Team, in einer Familie, und man erzählt eine Geschichte.

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