Drei Wegbereiter für eine Große Symphonie

„Ich glaube schon, es könnte etwas aus mir werden … Aber wer vermag nach Beethoven etwas zu machen?“, soll Schubert gesagt haben. Nach der Uraufführung von Ludwig van Beethovens „Neunter“ 1824 war die Messlatte für die Komposition einer Symphonie schier unerreichbar hochgehängt. Spätere Komponisten waren so eingeschüchtert, dass sie sich nicht nur wie der Ochs vorm Berg, sondern eher wie das Kaninchen vor der Schlange fühlten: ein falsches Seitenthema, und schon schnappt sie zu. Ähnlich ging es auch dem kleinen großen Beethoven-Bewunderer Franz Schubert. Aber die Gewaltigkeit der Aufgabe lässt ihn nicht den Mut verlieren, im Gegenteil; er will dem Löwen geradezu ins Maul greifen, oder sagen wir: nach den Sternen. Wie sein Briefwechsel belegt, hat er nichts Geringeres vor, als ein Werk vergleichbarer Größe zu komponieren, und nicht nur das: Er will sie in einem Konzert der Öffentlichkeit darbieten, dessen übriges Programm genauso aufgebaut ist wie jenes, in dem Beethovens „Ode an die Freude“ erstmals erklungen ist. Seine Symphonie in C-Dur, die (zur Unterscheidung von einer früheren in derselben Tonart) auch „Die Große“ genannt wird, bekommt er selbst aber gar nicht mehr zu hören. Sie verschwindet bei seinem frühen Tod zunächst im Nachlass, wird dort vergessen, schlummert – zum Glück gut behütet – im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Es bedarf zwei weiterer Komponistenkollegen, um den Schatz zu heben: Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy.

Das große Vorbild

Obwohl Beethoven als Symphonie-Komponist nicht zu überbieten schien, war die Entdeckung von Franz Schuberts Symphonie in C-Dur für viele Komponisten ein Befreiungsschlag. Die Ideen, die Schubert darin verwirklicht, schufen etwas Neues – er stellt sich der Konkurrenz, indem er zum Beispiel im dritten Satz, dem Scherzo, Anspielungen an das „Freuden“-Thema aus Beethovens Neunter einbaut, aber er geht gleichzeitig einen ganz anderen Weg als das berühmte Vorbild. Insgesamt vier Sätze umfasst das Werk, das je nach der Häufigkeit der Wiederholungen bis zu einer Stunde dauert: ein wahrhaft großes Werk. Und daher trägt sie ihren Beinamen auch aus einem wesentlicheren Grund als den der Abgrenzung von Schuberts „kleiner“ C-Dur-Symphonie, die bis zur postumen Uraufführung der größeren vermeintlich die einzige gewesen war.

Die posthumen Helfer

Die Entstehungsgeschichte von Franz Schuberts Symphonie in C-Dur war lange nicht völlig geklärt. Heute gilt als gesichert, dass er die ersten Entwürfe bereits 1824 notiert hat, also noch vor der Uraufführung von Beethovens „Neunter“ (über deren Proben er dank befreundeter Musiker, die im Orchester mitspielten, bestens informiert war). Zwei Jahre später war das Werk fertig, Schubert hatte jedoch nicht die Mittel, es selbst aufführen zu lassen. Und so kam es, dass er seine Große Symphonie nie selbst hören konnte. Er starb 1828. Einem Besuch von Robert Schumann in Wien und Schuberts Bruder Ferdinand verdanken wir es, dass die letzte Symphonie zehn Jahre nach seinem Tod wiederentdeckt wurde. Schumann war begeistert, sprach später in einem Artikel von „himmlischer Länge“, und in einem Brief an seine Verlobte Clara Wieck formulierte er seine Bewunderung wie folgt: „Clara, heut war ich selig. In der Probe wurde eine Sinfonie von Franz Schubert gespielt. Wärst Du da gewesen. Die ist nicht zu beschreiben. Das sind Menschenstimmen … wie ein Roman in vier Bänden … Ich war ganz glücklich und wünschte nichts, als Du wärest meine Frau und ich könnte auch solche Sinfonien schreiben.“

Er ließ das Manuskript Felix Mendelssohn Bartholdy zukommen, der zu dieser Zeit bereits ein bekannter Komponist, aber auch bedeutender Dirigent war. Noch im selben Jahr kam es zur Uraufführung mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Das Werk wurde gefeiert, und eine weitere Aufführung postwendend gefordert und ermöglicht.

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