Die Verschmelzung von Film und Oper

Schon zum 18. Mal heißt es zum Wochenbeginn an der Bayerischen Staatsoper: Premiere für ein neues Montagsstück, also eine eigens für den Live-Stream eingerichtete oder sogar meist ganz neu produzierte Aufführung, sei es ein Konzert, ein Liederabend oder eine ganze Musiktheaterinszenierung. Die pandemiebedingten Einschränkungen zwingen uns, immer wieder neu zu planen und dabei viel schneller zu handeln als sonst. Nun gilt es der selten gespielten komischen Oper Il Signor Bruschino von Gioachino Rossini. In diesem Fall lagen vom Entschluss bis zur Premiere gerade mal drei Wochen, zwei für die inhaltliche Vorbereitung und eine für die Proben. Worum geht’s im Montagsstück XVIII?

Es ist immer wieder dasselbe: Da vereinbaren zwei ältere Herren die Heirat ihrer Kinder, ohne es für nötig zu halten, die jungen Leute vorher nach ihrer Meinung zu fragen. Das geht regelmäßig schief. Denn Sofia möchte nicht den ihr unbekannten Sohn des Herrn Bruschino zum Mann, sondern Florville; den nämlich kennt sie nicht nur, sie liebt ihn auch. Dummerweise hält ihr Vormund Gaudenzio Florvilles Vater für seinen Erzfeind und würde einer Verbindung nie zustimmen. Aber nun hat Florville senior das Zeitliche gesegnet, und der Junior hofft, dass man damit auch die alte Fehde begraben kann. Doch zu spät! Siehe oben: Gaudenzio hat in der Zwischenzeit sein Mündel dem Bruschino-Spross versprochen. Im letzten Moment tut sich eine Hoffnung auf. Weil der vorgesehene Bräutigam im Gasthaus derart Schulden angehäuft hat, dass der Wirt ihn im Zimmer einsperrt, wittert Florville seine Chance: Weder er noch der junge Bruschino sind Gaudenzio von Angesicht bekannt. Vielleicht kann er sich einfach als sein eigener Rivale ausgeben und die Alten damit austricksen?

In seiner frühen Oper Il signor Bruschino, die er 1813 fürs Teatro San Moisè in Venedig komponiert hat, spielt Rossini mit Typen der Commedia dell’arte und schreibt ein witziges Stück über den kreativen Umgang mit der Realität und der Suche junger Menschen nach ihrem Platz in der Welt. Oder, wie Gaudenzio es ausdrückt: „Im großen Welttheater sucht jeder nach seinem Glück. Und mag es ihm noch so gut gehen, der Mensch ist nie zufrieden. Seien wir also frohgemut und genießen wir das, was kommt. Und mögen unsere Herzen in Freude und Vergnügen erstrahlen.“

Marcus H. Rosenmüller, als Regisseur von Kinofilmen, Fernsehdokumentationen und Nockherberg-Singspielen eine Instanz, hat 2015 an der Bayerischen Staatsoper erstmals eine Oper inszeniert, ebenfalls eine Rossini-Komödie (Le comte Ory), und nun seine zweite Musiktheaterproduktion erarbeitet – mit einem bestechenden Belcanto-Gesangsensemble und unter der musikalischen Leitung des Rossini-Kenners Antonino Fogliani. Sein Blick sucht naturgemäß immer auch nach der Kameraperspektive
Unterstützt wird er unter anderem von zwei Christophs: Christoph Koch, Projektleitung STAATSOPER.TV, und Christoph Engel, der – wie schon bei vielen Live-Streams auf STAATSOPER.TV – die Videoregie übernimmt. Wir haben mit den dreien vor der Generalprobe gesprochen.

Herr Rosenmüller, Sie führen Regie für Filme und Serien, aber auch für Live-Produktionen. Wie verbinden Sie Aspekte der Filmregie mit denen des Live-Mediums Oper?

Marcus H. Rosenmüller: Mein wichtigstes Ziel ist es eigentlich immer, die Leute zu fesseln. Ich versuche also mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, die Geschichte attraktiv zu machen, ob in der Oper oder im Film. Und die Mittel sind eigentlich ganz ähnlich: Wir haben in der Oper wie im Film die Protagonisten und ihr Spiel, wir haben ein Bühnenbild, die Musik, Kostüm, Maske und Licht. Es gibt wie im Film ein Drehbuch. Der große Unterschied ist der Schnitt. Während wir im Film nach dem Dreh den Rhythmus und die Melodie herstellen, geschieht dies in der Oper live durch den Dirigenten. Weitaus schwieriger – muss ich als Opernanfänger gestehen – ist es, die Zuschauer in die Geschichte zu ziehen, sie die Geschichte miterleben zu lassen. Darin liegt die große Kunst. In der Oper zieht einen die Musik ins Geschehen hinein, aber zum Spiel ist man als Zuschauer distanzierter, man betrachtet es objektiver.

Herr Koch, was kann der Mehrwert eines Live-Streams für das Publikum sein?

Christoph Koch: Ein Stream kann natürlich nie das Live-Erlebnis eines Theaterbesuchs ersetzen. Gerade die Einschränkungen der vergangenen Monate habe uns vor Augen geführt, wie wichtig es ist, eine Vorstellung kollektiv in einer Gemeinschaft aus Zuschauern im selben Raum zu genießen. Die Einschränkungen haben aber auch einen guten Effekt: Wir sind flexibler, vielleicht auch kreativer geworden und die Live-Streams, die schon seit 2011 Teil unseres Programms sind, sind das ideale Medium, um den Kontakt zum Publikum aufrecht zu erhalten, ein Signal aus der Oper zu senden: Wir sind noch da, wir spielen für Euch – und das für Opernliebhaber auf der ganzen Welt. Ich wage zu behaupten, dass wir trotz Theaterschließung per Stream mehr Zuschauer erreicht haben als in einer regulären Theatersaison.
Wir versuchen, unserem Publikum durch die Kameralinse ein ganz anderes, nicht minder spannendes Theatererlebnis zu ermöglichen. Die Kameralinse kann zum Beispiel Details in Schauspiel zeigen, die aus dem 3. Rang eventuell verloren gehen.

Christoph Engel: Die Live-Streams an der Bayerischen Staatsoper haben sich aus meiner Sicht als Bildregisseur fortlaufend weiterentwickelt und sich mit den Montagskonzerten und Montagsstücken selber neu erfunden. Die Staatsoper war meines Wissens nach übrigens das erste Haus, das im ersten Lockdown nicht gezögert hat, Konzerte zu streamen; das fand ich extrem couragiert und vorausschauend. Vor allem innerhalb der letzten Monate hat sich im Rahmen der Montagsstücke ein ungeheurer Facettenreichtum an Formaten entwickelt, und alle Gewerke arbeiten daran mit spürbarer Freude mit. Dabei werden zusehends die Möglichkeiten ausgelotet, die sich durch Kameras und Schnitt und das Licht ergeben. Das hat mir immer interessantere, ungeahnte Möglichkeiten und Freiheiten in der Bildgestaltung gegeben, vor allem im Umgang mit dem faszinierenden Raum des Nationaltheaters, der um Zuschauerraum, Bühne und Hinterbühne erweitert wurde.

Welche positiven Aspekte kann eine solche Übertragung für das Publikum haben?

MHR: Ich denke auch, dass man das gemeinsame Live-Erlebnis in einem Opernsaal nicht ersetzen kann. Was aber der Livestream ermöglicht, ist eine leichtere Fokussierung auf die Handlung. Und man kann den Sängerinnen und Sängern näher sein als je zuvor. Der Hut des Vordermanns stört nicht – und das Bonbonschmatzen der Nebenfrau ist auch nicht so laut. Und man kann im Schlafanzug dasitzen. Ich fände es aber im Abendkleid schöner!

Was hat sich in den letzten Monaten an den Live-Streams der Bayerischen Staatsoper verändert?

CK: Bisher waren die Live-Streams unserer Premieren ein zusätzlicher Weg, unserer Vorstellungen einem größeren, internationaleren Publikum zu öffnen. Dabei haben die Kameras frontal eine bestehende Neuinszenierung abgefilmt. Das Erlebnis des Publikums im Saal durfte auf keinen Fall gestört werden. In den letzten Monaten seit dem Lockdown sind die Zuschauer hinter der Linse allerdings das einzige Publikum. Daher haben wir in unserer Serie der Montagsstücke versucht, das Medium Film und alle damit einhergehenden Möglichkeiten, wie zum Beispiel Zoom, schnelle Schnitte, verschiedene Perspektiven, bewusster zu benutzen. Der Stream-Regisseur ist schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt bei der Konzeption der Montagsstücke involviert und entwickelt parallel zur Entstehung der Bühnen-Performance ein individuelles, auf Stück und Inszenierung abgestimmtes Konzept.

CE: Bei den Opern-und Ballett-Livestreams, die ich bisher von 2012 bis Ende 2019 umsetzen durfte, hat man sich die bestehende Inszenierung angeschaut und anhand von einem Video und den Noten das Drehbuch vorbereitet, und dann ging es live durch. Nun aber überlegen die inszenierenden Kollegen und die Mitarbeiter am Haus gemeinsam mit uns „Fernsehleuten“, wie man ein Werk so inszenieren und interpretieren kann, dass es für das Video-Bild funktioniert und packend ist. Wir probieren gemeinsam und modellieren so das endgültige Gesicht der Inszenierung.

CK: Bei 8 Songs for a Mad King haben wir angefangen, mobile Kameras für eine bewusst „wackelige“ Optik einzusetzen, und bei Schön ist die Welt erstmals eine Steadicam.

CE: Das wurde dann auch bei Produktionen wie dem Abend des Bayerischen Juniorballetts, der Geschichte vom Soldaten und Der gestirnte Himmel weitergeführt. Wir haben auch schon vergangenen März begonnen, die Blickachse zu drehen und in einen immer faszinierender illuminierten Zuschauerraum zu blicken. Damit waren dann schon mal Kameras auf der Bühne, was zuvor nicht möglich gewesen ist. Und die Kameras bekamen und bekommen ein Eigenleben, spielen und tanzen mit.

CK: Beim Montagsstück XVIII wollen wir wiederum einen neuen Weg beschreiten: Mit dem Engagement des Filmemachers Marcus H. Rosenmüller werden die Grenzen zwischen Live-Darstellung und Film verschwimmen …

Was wird das Besondere an Ihrer Inszenierung von „Il Signor Bruschino“ sein?

MHR: Ich will gar nicht so sehr behaupten, dass die Inszenierung besonders ist, aber sie versucht ganz schlicht, das Lebensfrohe in Rossinis Musik zu unterstützen. Ach ja, dafür haben wir uns eine besonders frohe Farbgebung ausgesucht: Schwarzweiß …

Kommentare

  • Am 22.03.2021 um 21:55 Uhr schrieb

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