Die Spielzeit 2020-21 des Staatsballetts im Corona-Wandel

Die Spielzeit ist inzwischen einen guten Monat jung, der Theatervorhang hat sich bereits viele Male erfolgreich für Schwanensee und Giselle gehoben. Nun laufen die Planungen für die kommenden Monate. Vieles muss Pandemie-bedingt kurzfristig geändert werden. Ein Gespräch der Pressesprecherin Annette Baumann (AB) mit Bettina Kräutler (BK), Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros beim Bayerischen Staatsballett, und Inka Albrecht (IA), Leiterin der Ballettverwaltung, über Herausforderungen und Chancen des neuen Alltags.

AB: Die künstlerischen Betriebsbüros aller Theater stehen derzeit vor immensen Herausforderungen. Dispositionen, die über längere Zeit entstanden sind, werden gerade über den Haufen geworfen. Wie hat sich der Arbeitsalltag geändert?

BK: Es ist in der Tat normalerweise so, dass wir jetzt die nächste und übernächste Spielzeit planen würden, also 2021/22 und 2022/23 – im Moment denken wir aber eher in Wochen. Das bedeutet eine völlig neue Form des Planens. Wir stehen gerade vor zwei Herausforderungen: Zum einen müssen wir klären, ob Stücke, die disponiert waren, eventuell in einer angepassten Form aufgeführt werden können; und zeitgleich prüfen, ob wir unter Einhaltung all unserer Regeln sowohl kommende Produktionen als auch die laufenden Repertoirevorstellungen parallel proben können.  Zum anderen müssen wir, wenn dies nicht möglich ist, Alternativen suchen und dann einen Ersatz finden. Da sind wir derzeit alle sehr kreativ …

AB: Soeben wurde die Cinderella abgesagt. Was sind die Gründe dafür?

IA: Wir haben Cinderella für diese Spielzeit abgesagt, weil wir trotz vieler Überlegungen keine Möglichkeit sahen, diese sehr aufwendige Produktion an die aktuell geltenden Bestimmungen anzupassen – zumindest nicht, ohne gravierende choreographische und szenische Änderungen vorzunehmen. Die Mitwirkenden in den einzelnen Szenen zu reduzieren, wie uns das in Schwanensee oder Giselle gelungen ist, das wäre hier nicht möglich gewesen. Die Absage ist natürlich sehr schade, weil  wir uns alle sehr auf diese Premiere gefreut haben; aber wir suchen mit dem Choreographen Christopher Wheeldon und seinem künstlerischen Team schon nach einem Ersatztermin in einer der kommenden Spielzeiten. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

AB: Welche Folgen ergeben sich aus einer solchen Entscheidung?

BK: Als die Absage definitiv war, ging es sofort los: Welcher Choreograph ist kurzfristig verfügbar? Welche Stücke passen zu unserer Compagnie? Gibt es Werke aus dem bestehenden Repertoire, die unter den geltenden Bestimmungen aufführbar sind? Passt das mit der Bühnendisposition der Oper zusammen? Stücke mit kleinerer Besetzung sind natürlich in der gegenwärtigen Situation sehr viel leichter umzusetzen und an die geltenden Bestimmungen anzupassen als ein großes Handlungsballett. Das hat insbesondere mit der Gruppeneinteilung der Tänzer zu tun. Diese speziellen Einteilungen in Gruppen gibt es im Normalbetrieb nicht, die haben wir vorgenommen, um Ansteckungsrisiken zu verringern.

AB: Was bedeutet diese Gruppeneinteilung für den Probenbetrieb?

IA: Die Gruppeneinteilungen sind tatsächlich eine Herausforderung für die Planung und Organisation von Proben und Trainings. Unsere Ballettmeister denken das täglich bei der Erstellung der Probenpläne mit. Das ist wie ein großes, kompliziertes Puzzle-Spiel mit unzähligen Teilchen, die sich noch dazu zu verschiedenen Bildern zusammenfügen lassen müssen.

AB: Neben den Gruppeneinteilungen spielen bestimmt noch viele andere Faktoren eine Rolle, oder?

BK: Eine ganze Menge! Wir, das heißt vor allem unsere Ballettmeister, müssen zuerst schauen, ob ein Stück überhaupt mit den Vorgaben kompatibel ist oder gegebenenfalls angepasst werden kann. Dann klären wir ab, ob ein Choreograph mit den Änderungen einverstanden ist. Im Falle von Coppélia und Jewels haben wir zum Beispiel vom Choreographen oder dem Trust, der die Rechte verwaltet, leider keine Erlaubnis bekommen, Anpassungen vorzunehmen. Wenn wir aber die Rechte bekommen, dann müssen die Choreographen oder von ihnen entsandte Ballettmeister die Zeit und auch die Möglichkeit haben, das Werk mit uns einzustudieren. Mit Möglichkeiten meine ich zum einen, dass sie nicht in dem gefragten Zeitraum bei anderen Compagnien engagiert sind, und zum anderen die Reisebestimmungen. Diese stellen momentan eine unglaubliche Herausforderung dar: Gibt es bereits Reisewarnungen, Quarantäneauflagen oder Beherbergungsverbote? Oder lässt die Nachrichtenlage darauf schließen, dass es bald dazu kommen könnte? Neben Ballettmeistern reisen ja auch Produktionsteams und Dirigenten an. Kurzfristige Veränderungen der Gesamtlage können uns also schnell wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Und nicht zu vergessen: Wir sind ja Teil der Bayerischen Staatsoper, und Abteilungen wie Technik, Maske, Kostüm, Orchester arbeiten spartenübergreifend. Auf deren Planungen müssen wir natürlich Rücksicht nehmen, damit die sehr detailliert abgestimmte Gesamtdisposition nicht in sich zusammenfällt.

AB: Was heißt das konkret für die Arbeit des Betriebsbüros?

BK: Wenn wir eine aufwändige Produktion, die ursprünglich für diese Saison nicht geplant war, zeigen wollen, müssen die Kollegen aus der Bühnentechnik über entsprechende zeitliche und räumliche Kapazitäten verfügen. Das fängt bei Auf- und Abbauzeiten an und hört bei den Lagerkapazitäten für das Bühnenbild auf. Dazu kommen eventuell notwendige Beleuchtungs- und Bühnenproben. Denn natürlich sollten unsere Tänzerinnen und Tänzer nach Möglichkeit eine Choreographie nach einer längeren Pause vor der ersten Vorstellung auf der großen Bühne proben können. Das muss alles sehr genau mit dem ganzen Haus abgestimmt werden. Wir spielen ja in einem Repertoirebetrieb, in dem drei bis vier Produktionen parallel laufen, die entsprechend koordiniert werden müssen. Kostüme sind in der Regel einfacher zu organisieren, aber auch da müssen wir prüfen, ob die in kurzer Zeit spielbereit wären. Und wenn all das geklärt und möglich ist, machen wir uns auf die Suche: nach einer geeigneten, reduzierten Orchesterfassung, nach musikalischen Probenzeiten, nach einem passenden Dirigenten … (lacht)

BROKEN FALL von R. Maliphant aus PASSAGEN

AB: Das klingt kompliziert, aber ergeben sich daraus auch Chancen?

BK: Es ist eine herausfordernde Situation für alle, aber wir nutzen die neuen Gestaltungsmöglichkeiten auf kreative Weise. Mit Passagen und Paradigma haben wir zwei Premieren angesetzt, von denen wir vor einigen Wochen noch gar nicht wussten, dass wir das so programmieren würden. Stücke, die wir letzte Spielzeit wegen Corona absagen mussten, können wir jetzt in einem neuen Rahmen präsentieren. Die Tänzer sind happy, nun endlich mit den neuen Choreographen zusammenarbeiten zu können. Und wir haben jetzt eine Premiere mehr, als ursprünglich geplant.

 

Danke für das Gespräch!

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