Der Neidinge Magen – Wagners wunderliche Wortwelt

„Tolle Musik – aber diese Texte …“ Wer kennt den Stoßseufzer nicht, mit dem viele, auch überzeugte Opernfreunde auf Richard Wagners Musikdramen reagieren. Besonders beim Ring des Nibelungen. Denn da bevölkern ja nicht nur Germanen und nordische Gottheiten, Zwerge und andere Fabelwesen die Handlung, sie reden oft auch arg altertümlich miteinander. Nicht nur, dass sie sich, statt des üblichen Endreims, in einem fort des Stabreims bedienen und dauernd Wörter benutzen, die mit denselben Buchstaben beginnen. Sie verwenden auch Begriffe, die längst außer Gebrauch gekommen sind, und gelegentlich Ausdrücke, die Wagner sich selbst ausgedacht hat. Der österreichische Linguist und Opernexperte Oswald Panagl, emeritierter Professor der Paris London Universität Salzburg, hat Licht ins vermeintliche Dunkel einiger dieser Wendungen gebracht; mit seiner freundlichen Genehmigung bringen wir einige Auszüge aus seinen Ring-Worterklärungen.

 

Magen „Vermählen wollte der Magen Sippe dem Mann ohne Minne die Maid.“
Der im doppelten Sinne merkwürdige, durch den Stabreim geprägte Satz leitet den letzten Teil von Siegmunds Lebensbericht im 1. Aufzug der Walküre ein, in dem der Verwundete den Verlust seiner Waffe und die Zuflucht in Hundings Haus begründet. Schlüssel zur Interpretation dieser Passage ist das eigentümliche Wort Magen, das mit dem Verdauungsorgan nur die äußere Form gemeinsam hat. Zugrunde liegt vielmehr das Wort Mage, das seit dem 9. Jahrhundert in der Bedeutung „Verwandter“ in allen germanischen Sprachen bezeugt ist. Die unfreiwillig komische Aussage Siegmunds meint also, dass der Verband männlicher Anverwandter eine junge Frau ungefragt und rücksichtslos zur Ehe mit einem ungeliebten Mann zwingen will.

Schächer Sieglinde erzählt ihrem – noch nicht erkannten – Zwillingsbruder von ihrer erzwungenen Hochzeit mit Hunding: „Er freite ein Weib, das ungefragt Schächer ihm schenkten zur Frau.“ (Die Walküre, I/3). Der Ausdruck ist nach unserem Sprachgefühl biblisch besetzt, da die beiden mit Jesus Christus gekreuzigten Verbrecher in der vorlutherischen Übersetzung des Neuen Testaments Schächer hießen. Mit diesen Schächern sind Räuber gemeint. Diese aus dem Mittelhochdeutschen stammende Wort nutzt Wagner auch an weiteren Stellen der Ring-Dichtung

Misswende „Misswende folgt mir, wohin ich fliehe; / Misswende naht mir, wo ich mich neige“ (Siegmund) Mit diesen konstruiert klingenden Worten rechtfertigt Siegmund am Beginn der Walküre seinen Wunsch nach raschen Aufbruch. Der Verdacht einer altertümelnden Neubildung erweist sich jedoch als voreilig: Die Zusammensetzung begegnet uns schon bei Walther von der Vogelweide sowie in Wolfgram von Eschenbachs Titurel und offenbart sich so als echter wiederbelebter Archaismus.

Traun! „Weit her, traun! kamst du des Wegs.“ (Hunding) Veraltete Form, mit der auf einen Vorgang besonders aufmerksam gemacht wird: = In der Tat, tatsächlich.

Harst „von hetze und Harst kehrten wir heim“ – „bis Speer und Schild im Harst mir zerhau’n“ (Siegmund) Altertümlicher Ausdruck für Kampfgruppe, der auf die Wurzel von Heer (heri) zurückgeht.

Wagner behält nicht bloß zahlreiche alte Formen bei, sondern bildet dazu ein altertümlich empfundenes Berge = „(Ort der) Bewahrung“: „Tief in des Busens Berge glimmt nur noch lichtlose Glut“ (Walküre, I/3). Wenn diese Neubildung wirklich aus Herberge gewonnen ist, so bestätigt sich damit eine andere Neigung Wagners, einerseits archaische Wortlaute zu wählen und auch aktiv altertümlich klingende Worte zu schaffen: ein Ersatz von Wortzusammensetzung durch ihre – im Neuhochdeutschen oft schon verschollenen – Grundwörter: So setzt er wiederholt sehren für versehren („die mit süßem Zauber mich sehrt“, Walküre, I/3) und verwendet das etymologisch passende, aber ganz unübliche gehren für begehren: »gehrt ich nach Wonne, weckt’ ich nur Weh« (Walküre, I/2).

Wortbildung in Wagners Ring-Dichtung schließt freilich auch die zahlreichen neugebildeten, aber altertümlich nachempfundenen Eigennamen ein. Da sind zunächst die spontanen Wortschöpfungen, mit denen ein Held seinen Namen selbst eine Bedeutung zuschreibt: „Friedmund darf ich nicht heißen; Frohwalt möcht ich wohl sein: doch Wehwalt – muss ich mich nennen.“ (Walküre, I/2). Da dürfen weiters die altertümlich kolorierten Ableitungen auf -ing oder -ung nicht übersehen werden.

 

Wer so gerüstet in den ersten Aufzug der Walküre zieht, darf sich fürs erste wohl gewappnet wähnen. Und wenn auch der Magen Sippe nichts mit Essen zu tun hat: Ein operngerechtes Häppchen zur Stärkung vorab zuhause wohlgemerkt, da die Theatergastronomie noch geschlossen ist, wird man sich aber gönnen dürfen – um dann für die stimmliche Kunst und Kraft von Lise Davidsen, Jonas Kaufmann und Georg Zeppenfeld ganz Ohr zu sein. Viel Freude beim Schauen und Hören!

 

Autoren: Oswald Panagl und Malte Krasting

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