Der blaue Dunst und die Damenwelt

Heiko Pinkowski, Selene Zanetti © W. Hösl

 

Rauchen ist ungesund – so weit, so gut. Doch das trifft für Männer genauso zu, wie für Frauen. Trotzdem war der Genuss von Tabak über Jahrhunderte hinweg fast ausschließlich Männern vorbehalten. Auch in unserem Montagsstück Il segreto die Susanna, das im Jahr 1909 uraufgeführt wurde, muss Susannas Geheimnis, aka das Rauchen, noch immer vor ihrem Mann verborgen werden. Doch was genau macht hier den Unterschied zwischen Mann und Frau aus?

Vielleicht beginnen wir am Anfang: Die Tabakpflanze stammt ursprünglich aus der neuen Welt. Damit war Tabak (sowohl als Pflanze als auch als Genussmittel) sehr lange unbekannt in Europa und wurde erst im 16. Jahrhundert, als die bekannten Seefahrernationen begannen, die Welt zu besegeln, in Europa bekannt. Seefahrer und Matrosen waren es auch, die als Erste Tabak rauchten. Damals noch als Pfeifentabak. Ein weiterer Bereich, in dem bald sehr viel geraucht wurde, war bei Soldaten, z.B. im Dreißigjährigen Krieg. Das hatte vor allem pragmatische Gründe: Tabak hat eine beruhigende und hungerstillende Wirkung und gerade der Hunger war ein großes Problem im Dreißigjährigen Krieg. Außerdem konnte man ihn relativ bald auch in Europa anbauen und im Notfall auch mit Laub und anderen Pflanzen strecken.

Tabak wurde also zunächst ausschließlich von Menschen konsumiert, mit denen sich Damen des Bürgertums oder des Adels nur wenig identifizieren konnten. Dazu kamen noch weitere Gründe: Es stank (was man sich gerade bei dem Gemisch von Tabak mit heimischen Laubblättern sehr gut vorstellen kann), und war der Schönheit auf verschiedenste Art und Weise nicht gerade zuträglich. Die ungepflegten Seeleute und Soldaten mit gelben Zähnen und gelben Fingernägeln kann man sich sehr gut vorstellen. Gerade die Schönheit war aber das höchste Gut der Frauen, insbesondere von unverheirateten, auf der Suche nach einem geeigneten Ehemann. Auch wurde in der Schwangerschaft davon abgeraten, sich mit Rauchern zu umgeben, weil nach der medizinischen Lehre der „Imaginatio“, das Erschrecken vor einem stinkenden Raucher dazu führen könnte, dass das Kind das Aussehen eines typischen Rauchers annimmt.

Später, im 18. Jahrhundert änderte sich die Art und Weise des Tabakgenusses grundlegend. Schnupftabak in filigranen Tabakdosen wurde ausgehend vom französischen Adel Mode und das sowohl bei verheirateten Damen als auch bei Herren. Schnupftabak hatte verschiedene Vorteile, die ihn schnell beliebt machten: Man konnte ihn an vielen öffentlichen Orten nutzen, an denen Rauchen verboten war, es gab kein Risiko von Bränden, der störende Geruch nach Rauch war nicht vorhanden und für Frauen gab es zudem aromatisierte Varianten. Außerdem verfügte die Tabakindustrie schon damals über ein ausgefeiltes Marketing: So waren die Tabakdosen auf der Innenseite häufig mit Spiegeln für die Damen und pornografischen Darstellungen für die Herren versehen. Junge Damen im heiratsfähigen Alter schnupften hingegen nur selten, um sich ihre klare Stimme zu bewahren, die durch den Tabak in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Doch wie jede Mode, kam auch die Schnupftabakbewegung irgendwann zu einem Ende. Sie stand im Gegensatz zu neuen Entwicklungen aus dem Bereich der Hygiene, wie sie um 1800 verbreitet wurden. Da äußere Reinlichkeit hier mit innerer Reinheit gleichgesetzt wurde, war ab diesem Zeitpunkt das Schnupfen für Damen unattraktiv. Außerdem etablierte sich bald darauf die Zigarre für die Herren als Mittel der Wahl für den Tabakgenuss.

Frauen, die ab diesem Zeitpunkt noch rauchten, konnte man schon anhand dieser Tatsache bestimmten Gruppierungen zuordnen: Arbeiterinnen oder andere Frauen der Unterschicht, Frauenrechtlerinnen (aus Protest gegen das männliche Privileg) oder, was noch schlimmer war, dekadente „Frauenzimmer“ aller Art.

Das änderte sich geringfügig mit der Erfindung der Zigarette Mitte des 19. Jahrhunderts, die durch die schlanke Form eher attraktiv für Frauen war. Besonders der russische Hochadel machte sie bei seinen Kuraufenthalten in Deutschland, Österreich und der Schweiz salonfähig. Allerdings etablierte sie sich nie komplett, was unter anderem auch mit schweren Unfällen zusammenhing. Eines der bekanntesten Beispiele ist vermutlich das von Mathilde von Österreich-Teschen, einer Verwandten von Kaiserin Elisabeth. Sie starb bereits mit 18 Jahren an schweren Verbrennungen, verursacht durch eine Zigarette. Die Arme hatte heimlich geraucht, wurde kurz abgelenkt (zur Ursache gibt es verschiedene Versionen), ihr Kleid fing Feuer und brannte in Sekundenschnelle lichterloh. Die Ursache war hier wohl auch im Stoff Ihres Kleides zu suchen, denn Musselin wurde in der damaligen Zeit mit Glycerin imprägniert.

Dieses Image hatten Zigaretten in der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende nur noch zum Teil, als Ermanno Wolf-Ferrari Il segreto di Susanna schrieb. Es gab immer häufiger rauchende Frauen, die sich über die starren Regeln des 19. Jahrhunderts hinwegsetzen. Man kennt sie später aus diversen Darstellungen der 20er-Jahre als sogenannte „Flapper“.

Der Kern der Plots handelt deshalb vor allem von der Angst des Fremdgehens, eine rauchende Ehefrau ist im Vergleich das kleinere Problem. Insofern halten wir es mit Wolf-Ferrari, bei dem es am Ende des Librettos heißt:

Alles auf dieser Welt ist Rauch,
der sich im Winde verliert,
aber die aufrichtige und tiefe Liebe
raucht ohne Unterlaß.

Und zumindest diese Art des Rauchens können wir uneingeschränkt empfehlen!

 

Ein Beitrag von:
Sabine Eckmüller

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