Der Beziehung einen Sinn geben

Tom Seligman ist seit der Spielzeit 2018/19 als Dirigent der Bayerischen Staatsoper und des Bayerischen Staatsballetts engagiert. Er arbeitete bereits weltweit mit namhaften Ensembles wie dem Royal Ballet in London, dem New York City Ballet oder dem National Ballet of Canada zusammen. Sein Debüt beim Bayerischen Staatsballett gab er mit dem Dirigat von Alice im Wunderland, nun dirigierte er die Wiederaufnahme von Schwanensee.
Das Interview wurde Anfang 2020 vor der geplanten Wiederaufnahme von Schwanensee im März 2020 geführt. Aufgrund der aktuellen Umstände wurde die Wiederaufnahme am 9. September 2020 nachgeholt.

 

Wiederaufnahme von SCHWANENSEE am 9. September 2020

 

Sie werden die Wiederaufnahme von Schwanensee dirigieren – ist das nur Routine oder immer wieder etwas Besonderes?

Tom Seligman:  Natürlich ist Schwanensee ein Ballett, das immer wieder auf der ganzen Welt gespielt wird. Für mich persönlich ist es besonders, weil es schon etwas her ist, dass ich das Werk das letzte Mal dirigiert habe. Und, ich glaube, es ist auch schon etwas her, dass diese klassische Version von Schwanensee hier beim Bayerischen Staatsballett aufgeführt wurde? Es fühlt sich gut an, dass es ein bisschen anders ist, dass wir wieder zu diesem Werk zurückkommen, obwohl es ein so symbolträchtiges Ballett ist. Für die Tänzer ist es sicherlich spannend wieder in die Welt von Schwanensee einzutauchen: für jeden Tänzer ist es eine Chance, sich zu beweisen. Das Stück ist extrem anspruchsvoll und jeder kennt es so unglaublich gut. Es ist ein richtiger Test und gleichzeitig sehr motivierend für alle Beteiligten.

Was ist Ihr Lieblingsmoment in Schwanensee?

TS: Musikalisch gesehen ist das für mich der Moment des ersten Treffens von Odette und dem Prinzen, dann wenn sie ihm ihre Geschichte erzählt. Die Musik ist voller Dringlichkeit und Energie. Tschaikowsky kreiert diesen langen Abschnitt des Erzählens. In der Tat tanzt Odette kaum. Sie benutzt Pantomimik um zu erklären, was ihr wiederfahren ist und warum sie in dieser Situation ist. Aber die Musik hat diesen unglaublichen Schwung und es ist großartig zu sehen, wie die Tänzer auf dieses Erzählelement in Tschaikowskys Musik reagieren. Man darf nicht vergessen, dass es das erste abendfüllende Ballett war, das er geschrieben hat und er war wirklich fasziniert davon, was dies mit sich brachte. Er musste viele Vorurteile seiner Musikerkollegen überwinden, die dachten, dass Ballett eine anspruchslose Arbeit für einen richtigen sinfonischen Komponisten sei. Aber Tschaikowsky war entschlossen, etwas Besonderes zu kreieren. Die erste Produktion von Schwanensee war kein großer Erfolg. Erst nach Tschaikowskys Tod wurde es von Petipa und Iwanow wieder aufgenommen und zu dem berühmten Ballett, das es heute ist. Dennoch ist es wundervoll zu sehen, wie Tschaikowsky seine gesamte musikalische Energie in dieses Werk gesetzt hat und während des Komponierens die besten Möglichkeiten fand, die Dramatik zu vermitteln. 

Prisca Zeisel und Ensemble in SCHWANENSEE
Laurretta Summerscales und Jinhao Zhang in SCHWANENSEE

Sie haben Alice im Wunderland sowohl in London als auch bei uns dirigiert. Haben Sie Unterschiede bemerkt?

TS: Es ist immer interessant ein Werk in zwei verschiedenen Situationen zu dirigieren. In diesem Fall ist es die gleiche Produktion, aber natürlich hat jede Compagnie verschiedene Qualitäten und bringt diese auch im Werk zum Ausdruck. Sicherlich hat es mir sehr geholfen mit dem Choreographen Chris Wheeldon und dem Komponisten Joby Talbot an dem Ballett zu arbeiten. Ich versuche diese Erfahrungen auch mit einzubringen, wenn ich das Werk hier dirigiere. Das Orchester hier bei der Staatsoper spielt unglaublich extrovertiert und erzeugt in den großen Momenten in Alice im Wunderland einen mitreißenden Klang. Dass der Orchestergraben größer und weiter oben positioniert ist als in London, macht einen großen Unterschied. Dadurch hat das Orchester eine direkte Verbindung zum Zuschauerraum und dem Publikum. Und ihnen bereitet diese Verbindung große Freude, sie spielen nach außen hin und mit großer Persönlichkeit. Allerdings gibt es auch Dinge, die Probleme bereiten: das kompliziertere rhythmische Zusammenspiel ist schwieriger hier im Nationaltheater umzusetzen, da einige Orchesterelemente sehr weit voneinander weg platziert sind. Ich denke, es gibt Herausforderungen und es gibt aufregende Momente. Man muss nur das Beste aus der jeweiligen Situation machen und an dieser Spaß haben. Ich versuche immer, Spaß zu haben, entspannt zu sein und den Musikern und natürlich auch den Tänzern die Chance zu geben, sich auszudrücken und auf eine natürliche Art zu aufzutreten.

Aufzeichnung von SCHWANENSEE am 5. und 6. Dezember 2020

Oper oder Ballett – was dirigieren Sie lieber? Wie unterscheidet sich die Arbeit als Ballettdirigent von der des Opern- oder Konzertdirigenten?

TS: Ich bin sehr glücklich, dass ich so eine vielseitige Karriere als Dirigent habe: Ich mache viel Ballett, aber auch Oper, sinfonische Werke und ich arbeite mit Chören. Für mich ist es gerade diese Vielseitigkeit, die das Leben interessant macht. Ich versuche die Erfahrungen jedes Aspekts in die Arbeit an allem anderen miteinzubringen. Es gibt viel mehr Ähnlichkeiten zwischen Ballett- und Operndirigat als die meisten Menschen denken. Letztendlich begleitet man bei beidem: in diesem Fall die Tänzer, in der Oper sind es die Sänger. Besonders im klassischen Ballett müssen wir uns an die Bedürfnisse der Tänzer und die Sichtweisen der Ballettmeister und Repetitoren anpassen. Manchmal kann man mehr kontrollieren, was musikalisch passiert, manchmal ein bisschen weniger. Man muss bereit sein, als Team, kollaborativ zu arbeiten; um sicherzugehen, dass das, was man den Tänzern gibt, machbar ist und zu ihrer Kunstfertigkeit passt. Es gibt manche Kompromisse, die man in diesem Prozess eingehen muss, während man trotzdem dem Originalkonzept des Komponisten so treu wie möglich bleibt. Aber dies muss man auch oft in der Oper machen: sich an die Sänger anpassen – besonders im Bel Canto Repertoire. Als wir gerade eines der Soli von Schwanensee geprobt haben, habe ich zum Orchester gesagt, dass das Tempo unglaublich flexibel sein muss: genauso wie beim Bel Canto. Einer der Musiker scherzte, es sei ‚bel tanzo‘ und er liegt nicht falsch! Der große Unterschied ist, dass das Orchester nicht direkt begleiten kann, so wie sie es mit den Sängern tun würden. Sie können schließlich nicht fühlen, was die Tänzer machen. Mein Job ist es, das Orchester und die Tänzer zusammenzubringen und dieser Beziehung einen Sinn zu geben. Letztendlich, egal ob wir ein Konzert, eine Oper oder ein Ballett spielen, wir arbeiten zusammen, um die richtige musikalische Unterstützung für das zu kreieren, was auf der Bühne passiert.

Wie wichtig ist der Dirigent für eine Ballettaufführung?

TS: Natürlich möchte ich glauben, dass er oder sie sehr wichtig ist (lacht). Wir tragen große Verantwortung während der Aufführung. Ich arbeite viel mit den Tänzern im Studio um sicherzugehen, dass ich nicht nur die Choreographie verstehe, sondern auch wie jeder individuelle Tänzer und jedes individuelle Paar sich fühlt und was sie machen. Jedes Paar ist anders. In Schwanensee beispielsweise gibt es mehrere verschiedene Solistenpaare. Sie sind alle ein wenig unterschiedlich. Mein Job ist es, in erster Linie zu verstehen, wie sie tanzen und warum; und wie ich das unterstützen kann. Während der Aufführung ist die einzige Person, die kontrollieren kann, was passiert – hinsichtlich des Tempos und des Gefühls der Musik – der Dirigent. Die Verbindung zwischen den Geschehnissen auf der Bühne und dem Orchester zu sein ist wirklich wichtig. Wenn das gut funktioniert, gibt es eine Art Symbiose zwischen der Bühne und dem Orchester, bei der die beiden jeweils aufeinander eingehen. Der Dirigent übernimmt die Leitung und ist gleichzeitig unterstützend. Das ist eine sehr interessante Balance, die man beibehalten muss und es ist eine großartige Herausforderung des Jobs.

Tom Seligman in einer Probe

Können Sie die Kommunikation zwischen dem Dirigenten und den Tänzern während der Aufführung beschreiben?

TS: Ich denke, dass die Beziehung zwischen der Bühne, dem Orchester und dem Dirigenten bei jeder Vorstellung anders ist. Einige Tänzer sind sich der Musik sehr bewusst; andere Tänzer tanzen vielleicht unglaublich schön und technisch brillant, aber finden zur Musik nicht direkt eine Verbindung. Und dann muss man sich daran anpassen. Für mich ist es die größte Freude, wenn jeder zusammenarbeitet, sodass ich weiß, was die Tänzer am liebsten haben und was die Aufführung am spannendsten macht. Und gleichzeitig weiß ich, auf was sie von dem, was das Orchester spielt, eingehen. Wenn es ihnen möglich ist, anzupassen was sie machen, genauso wie es uns möglich ist, anzupassen was wir machen, dann können wir zusammen ‚im Moment‘ arbeiten. Und es ist genauso wie bei einer großartigen Aufführung von La Traviata oder eines Violinkonzertes: die Beziehung muss in Echtzeit passieren, in einer Verbindung, sodass jeder weiß und versteht was der andere macht und dass man zusammenarbeitet, um etwas Besonderes zu kreieren.

Aus der Perspektive eines Orchesters und eines Dirigenten gesehen, was lieben Sie besonders am Ballett sowohl hier in München als auch in der heutigen Zeit?

TS: Es ist etwas auf das das Publikum hier sehr stolz sein kann; dass sie die Möglichkeit haben, einige der großartigsten Ballette aber auch einige unübliche zu sehen – mit einem großartigen Orchester und hohen Produktionswert: es ist etwas, das man nie als selbstverständlich ansehen darf. Es ist nicht so, als hätte man nur einen Soundtrack. Es ist wirklich ein vollständiges Kunstwerk und wir arbeiten alle zusammen, um es möglich zu machen. Es ist etwas, was die Kunstform am Leben hält. Wenn man ein großartiges Orchester wie das der Bayerischen Staatsoper hat, um Ballette zu begleiten, heißt das, dass die Musik eine dynamische, lebendige Entität ist und dass die Tänzer auf etwas in Echtzeit reagieren. Das verändert die Qualität dessen was sie tun; es kreiert eine Spontanität. Manchmal müssen wir dafür kämpfen, weil es teuer ist, aber es ist wichtig. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Tradition des Balletts und der Zukunft des Balletts, dass wir das Gefühl haben, dass wir für dieses Kunstwerk alle zusammen kommen, mit all diesen verschiedenen Elementen, diesen wundervollen Musikern, diesen wundervollen Tänzern, um im Moment zu leben. 

Ksenia Ryzhkova und Javier Amo in ALICE IM WUNDERLAND

Welches Ballettdirigat steht für München noch auf der Wunschliste?

TS: Das Ballett, das ich wirklich gerne hier dirigieren würde, ist das nächste in der Arbeitsserie des Teams, das auch Alice im Wunderland kreiert hat. Es ist eine Version von Shakespeares The Winter’s Tale: derselbe Choreograph, Komponist, Designer, Lichtdesigner, die auch Alice im Wunderland gemacht haben, nun aber in einer komplett anderen Welt. Alice im Wunderland ist vielmehr eine Abfolge von lebhaften Szenen, während The Winter’s Tale diesen langen Spannungsbogen von vielen, vielen Jahren hat und der sehr erfüllend ist, zu dirigieren. Es ist ein sehr schönes und einfallsreiches Ballett, es hat großartige Poesie, enorme Tragik, wundervolle Ausgelassenheit und schließlich hat es diese erlösende Qualität, was so großartig als Ballett umsetzbar ist. Es ist durchaus ein problematisches Theaterstück, aber ich denke, das Ballett entwirrt die Schwierigkeiten des Werkes sehr geschickt. Es ist ein Ballett, das ich viel in London, Kanada und auch in Brisbane gemacht habe. Und ich würde es großartig finden, die Möglichkeit zu haben, es hier in München zu machen, falls es irgendwann hierhin kommt. Es ist fast wie ein Geschwisterkind zur Alice-Produktion aber auch sehr unterschiedlich; sehr zauberhaft und rührend.

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