Denn Raimondo ist ein ehrenwerter Mann…

Lucia di LammermoorDramaturgie

Wer ist Raimondo? Im Zuge der Vorbereitungen zur Neuproduktion von Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ hat sich der Dramaturg Malte Krasting mit dieser vermeintlichen Nebenfigur eingehend beschäftigt. Eine Hypothese aus der Gedankenwerkstatt der Dramaturgie.

Dass man bei der Interpretation von historischen Musiktheaterwerken auf die Quellen zurückgreift und, wo vorhanden, kritische Editionen benutzt, das ist in der Oper selbstverständlich geworden, bei Werken von Monteverdi bis Wagner; in der Barockoper ist es anders völlig undenkbar, und bei Mozart eine Sache der Ehre, jede Note sozusagen zweimal umzudrehen, um den Absichten des Komponisten nahezukommen. Nur die Werke von Rossini, Bellini und Donizetti, sprich: des sogenannten „Belcanto“, schienen lange anderen Gesetzen zu gehorchen. Sie unterlagen einer eigenen, besonderen Aufführungstradition, die für sich wie selbstverständlich in Anspruch nimmt, lückenlos bis in die Tage des Schwans von Pesaro oder des Armeleutekinds aus Bergamo zurückzureichen und ohne Zweifel bis heute gültig zu sein.

Die Geschichte der Oper Lucia di Lammermoor ist damit einerseits – wie die fast aller Opern – auch die Geschichte einer Anpassung: der Anpassung eines Werkes an den Zeitgeschmack, an die Wünsche und Bedürfnisse von Publikum und Ausführenden. Im Lichte des Notentextes, der tatsächlich auf Donizettis Aufzeichnungen zurückgeht, ist man andererseits versucht zu sagen: Diese Anpassung hat hier so enorme Abweichungen zur Folge gehabt, dass man beinahe von einer Verfälschung sprechen muss.

 Durch den starken Fokus auf die Titelfigur wurden über die Jahrhunderte mehrere scheinbar unwesentliche Nummern und Abschnitte – wie die Szene und Arie Raimondos im 2. Akt, das Duett der beiden Widersacher Edgardo und Enrico am Anfang des 3. Aktes (die sogenannte Turmszene), die kurze rezitativische Szene nach der Wahnsinnsarie – kurzerhand gestrichen. (Gestrichen wurden auch fast alle auskomponierten und ausgeschriebenen Wiederholungen in den Cabalettas, in vielleicht verständlicher Rücksichtnahme auf die Strapazen, die sie für die Sänger bedeuten, aber mit der Konsequenz, dass die formale Balance der Nummern zerstört wird.) So ergab sich – beginnend wohl im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und kulminierend zur Mitte des 20. Jahrhunderts – die Situation, dass wesentliche Handlungswendungen verloren waren, Normanno als Gestalt kaum noch zu erkennen, und darüber hinaus die Natur als symbolhaftes Zeichen eliminiert ist (der Gewittersturm als Spiegel des inneren Zustands des Helden)..

Wenn jedoch erst einmal der ursprüngliche Text des Werkes – in Worten und in Musik – wiederhergestellt ist, eröffnen sich neue Fragen. Eine Reihe von Szenen, die in der Vergangenheit üblicherweise Strichen zum Opfer fielen, rücken nun auf einmal eine bisherige Nebenrolle in den Mittelpunkt des Handlungsgeflechts: Raimondo.

Üblicherweise gilt Normanno als der „Intrigant“ des Stückes: Er beschattet Lucia und verrät Enrico ihre Liebe zu Edgardo. Er berät Enrico, wie Lucia zur Hochzeit mit Arturo zu bewegen sei. Er unterschlägt Briefe und fälscht Dokumente. Raimondo macht ihm am Schluss heftige Vorwürfe deswegen. Nun ist Normanno allerdings Untergebener Enricos. Es gibt keine Anzeichen, dass nicht alle seine Aktionen von Enrico befürwortet oder sogar angeordnet wären.

Aber welche Rolle spielt eigentlich Raimondo? Offenbar ist er ein Geistlicher, ein „Mann der Kirche“, wie ihn Enrico nennt. Als „Erzieher und Vertrauter Lucias“ führt ihn das Personenverzeichnis auf. Also ein Mann, vielleicht etwa im Alter ihres verstorbenen Vaters. Jedenfalls einer, der Lucia kennt, seit sie ein Kind war. Und nun beginnen die Ungereimtheiten. Denn er, der „Vertraute“ Lucias, will nicht mitbekommen haben, dass sie seit einiger Zeit heftig verliebt ist, sondern behauptet, ihr bisweilen seltsames Verhalten sei auf die Trauer um die kürzlich verstorbene Mutter zurückzuführen. Aber ausgerechnet Normanno weiß von dieser Liebe! Oder weiß Raimondo es auch und gibt nur vor, keine Ahnung zu haben?

Nach Edgardos Abreise drängt Enrico seine Schwester heftiger als zuvor, Arturo zu heiraten. Ein Ansinnen, das sie schon zuvor zurückgewiesen hat; nun aber, da Enrico von ihrer Leidenschaft zu seinem Todfeind Edgardo weiß, hat sich der geschwisterliche Konflikt zum Machtkampf zugespitzt. Lucia aber bleibt einstweilen standhaft. Normanno hat die Briefe abgefangen, die Lucia Edgardo schicken wollte, genau wie die von Edgardo an sie.

Verwundert über das Schweigen ihres Mannes – sie hält sich ja nach ihrem Ringtausch für verheiratet – vertraut sich Lucia Raimondo an, der ihr anbietet, auf einem anderen, sicheren Weg Edgardo einen Brief zukommen zu lassen.

Als es später im Stück zur Entscheidung kommt, drängt Raimondo Lucia, dem Plan ihres Bruders zuzustimmen. Er tut es so subtil wie heftigtypo3/#_msocom_1. Erst seine Versicherung, selbst einen Brief über geheime Kanäle geschickt zu haben, der ebenfalls unbeantwortet geblieben sei, bricht ihren Widerstand. Damit kann er sie Schlag um Schlag festnageln: Das Eheversprechen, auf das sie sich beruft, erklärt er für nicht bindend, weil es nicht von einem Priester gesegnet sei; ihre Mutter würde sie hassen, wenn sie sich nicht zur Ehe mit Arturo bereit erklärte. Als sie endlich einwilligt („tu vincesti … non son tanto snaturata“ – „du hast gesiegt … so grausam bin ich nicht“), spricht das Orchester von geradezu triumphierender, klammheimlicher Freude mit der hüpfenden Melodielinie der Oboen und Violinen.

Raimondo stellt also seine ganze argumentative Kraft, seinen Einfluss als Geistlicher und als väterlicher Vertrauter in den Dienst der Intrige (die einstweilen als die Intrige Enricos und Normannos anzusehen ist). Doch genau diese Szene ist fast immer gestrichen worden.

Jetzt – mit der Unterzeichnung des Ehevertrages – ist Arturos Vermögen Teil der Familie, der Fortbestand des „Hauses Ashton“ scheint gesichert. Nun muss nur noch das Werk vollendet werden, und alle möglichen Konkurrenten sind aus dem Weg geräumt.

Dementsprechend tut Raimondo, als dann die Katastrophe eintritt, so, als sei er von Anfang an gegen die Zweckheirat Lucias mit Arturo gewesen, und schiebt Normanno die ganze Schuld in die Schuhe. Auch das wieder mit der Autorität und Wucht eines Predigers. Auch diese Szene wurde in vielen Aufführungen weggelassen.

Aber da er vor allem in dieser Szene sich so offensichtlich selbst widerspricht, so dreist seine eigene Verantwortung verschweigt und einen anderen anklagt, stellt sich die Frage: Ist Raimondo vielleicht der eigentliche Strippenzieher? Ein Manipulator, der unter wechselnden politischen Verhältnissen doch immer seinen Einfluss wahren will und deswegen im Geheimen taktiert?

Am Ende ist Edgardo eliminiert; die Verträge mit Arturo haben die finanziellen Verhältnisse der Ashtons saniert; Arturo und Lucia aber sind tot – und Enrico, das Oberhaupt, ist moralisch ins Zwielicht geraten, mit ihm sein Handlanger Normanno. Nur Raimondo ist unangetastet geblieben.

So könnte es gewesen sein: Für die ersehnte Machtposition war ihm mit dem Tod von Lucias und Enricos Vater schon der Weg geebnet worden. Nur hatte sich Enrico irgendwann vom Einfluss des Erziehers gelöst und wollte die Geschicke der Dynastie selber lenken. Raimondo aber musste nur abwarten, bis Enrico die ganze Sache gegen den Baum fährt. Als die Geschäfte schlecht laufen, wenden sich die politischen Unterstützer ab. Enrico steht mit dem Rücken zur Wand. Die einzige Rettungsmöglichkeit sieht er darin, seine Schwester zu verkaufen. Wie der Zuschauer erst spät erkennt, bereitet ihm das schlimmere Gewissensbisse, als er sich selbst eingesteht. Die einzige Lösung scheint ihm der inhumane Plan, sie mit einem an Einfluss wie an Geld reichen Verehrer zu verheiraten. Schon seine übersteigerten, fast manischen Reaktionen auf die bloße Erwähnung des Namens Edgardo Ravenswood zeigen allerdings, dass Enrico alles andere als ein kaltblütiger Schacherer ist: Seinem Widersacher und Todfeind ist er in einer Art Hassliebe verbunden, die Todfeindschaft ist beinahe zu einer Raison d’être für ihn geworden. Mit der erzwungenen Zweckheirat Lucias ist Enrico dabei, einen Zug auszuführen, der ihn selbst im Falle des Misslingens am Ende Matt setzen könnte. Und Raimondo schaut zu. Denn er weiß um das explosive Potential dieses Vorhabens, er weiß um die labile Disposition Lucias und um die unreflektierte spontane Impulsivität Edgardos. Er braucht nur zu beobachten und von Zeit zu Zeit den übrigen Akteuren einen Stups zu verpassen.

Raimondo wird damit zum üblen Repräsentanten unausgesprochener kirchlicher Machtansprüche, ein naher Verwandter des Großinquisitors aus Verdis Don Carlos, wie seine autoritativ ins Schwarze absteigende Linie im Finale des 2. Aktes es verfestigt: Friede, Friede, keine Gewalt – öffentlich bloß kein Blutvergießen, aber Seelen werden gekrümmt, wo es gerade passt!

Raimondo ist der einzige, der von den beiden sich hinter den Kulissen ereignenden Todesfällen im Stück berichtet. Beide Male muss man sich fragen: Wozu tut er das? Und wieso tut er es in gerade dieser Weise?

Warum kommt Raimondo in die Festgesellschaft und erzählt so ausführlich von dem schrecklichen Ereignis im Brautgemach? Es würde doch reichen, die Party abzubrechen und alle wegzuschicken. Aber er berichtet in extenso mit allen grausigen Details. Natürlich ist hier der Botenbericht als Theatermittel eingesetzt. Trotzdem: Die Entscheidung der Autoren, diesen Bericht Raimondo zuzuschreiben, und über die Art und Weise, wie er erzählt, verleihen dieser Szene eine reizvolle Hintergründigkeit.

Die Musik kann dabei als entlarvend gedeutet werden. Denn nach dem ruheheischenden „Cessi, ah cessi quel contento“ („Hört auf mit dem fröhlichen Feiern“) beginnt Raimondo seinen Bericht („Dalle stanze ove Lucia“ – „In den Gemächern, wo Lucia“) im gemütlichen Tonfall einer Canzonetta in H-Dur, erwähnt „un lamento“, „un grido“, also eine Klage und einen Schrei, als besänge ein Gondoliere sein Liebchen: rundum zufrieden. Einzig die etwas nervösen Sechzehntel in der Begleitung irritieren. Und dann merkt auch er, aber eben erst mit Verzögerung, dass dieser Tonfall wohl nicht der angemessene ist – und rutscht um einen Halbton ab. (Er lügt, und hier nicht einmal besonders gut.)

Offenbar will Raimondo mit seinem Bericht die öffentliche Meinung beeinflussen. Alle sollen das glauben, was er darstellt. Wenn alle gehört haben, dass Lucia wahnsinnig geworden sei, werden sie Lucias Verhalten und ihre Aussagen auch für diejenigen einer Wahnsinnigen halten. So geschieht es dann auch.

Bei seiner zweiten Todesnachricht stellt sich die Frage, warum er sie überhaupt erzählt, noch drängender. Er sucht Edgardo auf, um ihm – ja was? Zu sagen, dass seine Lucia nun wahnsinnig geworden ist? Und dass sie bald … – da läuten schon die Totenglocken! – jetzt ist es wohl zu spät.

Will er das sagen, um der historischen Wahrheit Genüge zu tun, auf dass auch Edgardo informiert sei? Mit formalen Theaterkonventionen lässt sich die Handlung nicht deuten. Übermittelt er Edgardo die Nachricht von Lucias Ende, damit dieser die aus dessen Perspektive „richtige“, konsequente Tat vollführt: Da eine Vereinigung mit der Geliebten auf Erden unmöglich geworden ist, sie im Tod zu suchen? Mit Edgardo stirbt der letzte, der einzige, der als Zeuge gegen Raimondo hätte aussagen können. Denken wir an die Briefe … 

Noch in der Katastrophe bleibt Raimondo ein politisch denkender und handelnder Stratege, der blitzschnell seine Koalitionen einschmelzen und neu schmieden kann. Er zeigt an keinem Punkt eine echte innere Beteiligung – oder anders gesagt, wo er es tut, lässt sich das durch eine strategische Verstellung erklären. Ganz im Gegensatz zu Enrico, der gar nicht so sehr eiskalter Machtpolitiker, sondern als Bruder emotional durchaus an seine Schwester gebunden ist: Als sie zerbricht, zerbricht auch er. Raimondo tut das nicht. Er inszeniert sich konsequent als moralisch unanfechtbar, spielt mal den Naiven, mal den Vertrauten, mal den Kirchenmann. Vom Ende her gelesen ist er – nachdem Enrico moralisch diskreditiert, Normanno als Handlanger bloßgestellt, Arturos Geld eingesammelt, er selbst aber tot ist, ebenso dessen Erbin Lucia und mit Edgardo auch der letzte Zeuge – schließlich der einzige Repräsentant der Ashton-Dynastie, der das Unternehmen weiter führen kann.

Nur ohne die in der Aufführungstradition fast selbstverständlich gewordenen Striche verfügt man über die Elemente, um Raimondo als mindestens ambivalenten Charakter, wenn nicht als taktierenden Politiker zu zeigen. Und auch seine Musik gibt Möglichkeit, das schnelle Umschalten darzustellen. Raimondo macht die Oper zur spannenden Paraphrase über politische Macht. Ein Essay im Gewande spannender Unterhaltung. Ein Stück, das in Fernsehdramen der heutigen Zeit wie House of Cards – angesiedelt in der Machtzentrale Washingtons – würdige Nachfolger gefunden hat: Raimondo als ein Vorgänger Frank Underwoods. Mit dem Unterschied, dass Lucia di Lammermoor als Oper mit den Mitteln von Musik und Theater noch ganz andere Sinne reizen und vermutlich weit größere Emotionen wachrufen kann.

Kommentare

  • Am 14.02.2015 um 14:31 Uhr schrieb Brigitte Amende

    Welche Rolle spielt Raimondo??

    Ein sehr gut recherchierter und verständlicher Text von Herrn Krasting!!! Ähnliche Überlegungen hatte ich nach dem Besuch der Oper auch angestellt. Diese Figur ist wirklich zwielichtig, und wenn das sogar die Musik ausdrückt (werde ich bei der nächsten Aufführung mal besonders beachten!!), dann ist die Vermutung des Verfassers, dass dieser Mann ein geschickter Taktierer und Stratege ist, besonders auffällig. Schade wirklich, dass entscheidenden Passagen getrichen wurden, dann würde diese Aussage wahrscheinlich klarer herauskommen. Auf jeden Fall: Danke für diese Interpretation!!!

  • Am 31.03.2015 um 18:15 Uhr schrieb Malte Krasting

    Ungekürzt

    Liebe Frau Amende, vielen Dank für Ihre freundliche Reaktion! Tatsächlich präsentiert unsere Aufführung (anders als es zur Mitte des 20. Jahrhunderts überall üblich war und noch heute vielfach zu erleben ist) die Partitur ungekürzt, ohne jeden Strich, wodurch der zwielichtige Charakter Raimondos überhaupt erst erkennbar wird.

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