„Dein Blut ist nicht das meine.“

Die Halbbrüder Edmund und Edgar (Matthias Klink, Andrew Watts)
© W. Hösl

Innerfamiliäre Konflikte in LEAR


König Lear lässt sich in Drama und Oper von falschen Liebesbekundungen blenden, teilt aufgrund dessen sein Königreich falsch unter seinen Töchtern auf und verliert so am Ende alles, was ihm wichtig war. Diese Probleme treten nicht nur in Königshäusern auf. Im Interview begeben wir uns mit Psychotherapeut Dr. Georg R. Gfäller auf die Suche nach den Hintergründen dieser Konflikte.



BSO: In Lear gehen am Ende fast alle Personen an den Folgen familiärer Konflikte zugrunde. Was ist der Kern dieser Probleme?

GG: Am Lear ist auffällig, dass die Mütter fehlen. Im kompletten Stück treten keine Mutterfiguren auf. In solchen Konstellationen treten solche Konfliktsituationen bevorzugt auf. Durch das Fehlen von Mutter und Ehefrau versucht der Vater dann, sich die fehlende Liebe in irgendeiner Form von den Töchtern zu holen und damit das Fehlende zu kompensieren. Deshalb fallen solche Väter leicht auf Liebeserklärungen der Kinder herein, auch wenn sie unecht sind. Das könnte auch in Richtung Missbrauch gehen.  Bei Shakespeare führt es dazu, dass am Ende alle sterben. Wie bei ihm kann das auch im realen Leben so wirken, dass die Liebesfähigkeit der Kinder deutlich leidet und viel Hass und Eifersucht entsteht.


BSO: Es gibt sehr ungleiche Geschwister im Lear. Die einen streben um jeden Preis nach Macht, die anderen bleiben im Hintergrund, obwohl sie die rechtschaffenderen Charaktere wären. Woran liegt das?

GG: Das geschieht häufig, wenn Eltern unter dem Druck stehen, man müsse alle Kinder gleich lieben und behandeln. Das tun sie aber nicht. Man bevorzugt das eine Kind, ohne dass man es will, oder benachteiligt unbewusst das andere Kind. Das passiert auf Basis dessen, was die Eltern selbst in ihrer Kindheit erlebt haben. Wenn zu wenig Zuwendung durch Mutter und Vater erfahren wurde, was ich bei Lear vermute, kann ausreichende Zuwendung nicht leicht an die Kinder weitergegeben werden und man lässt sich aus eigenen unerfüllten Bedürfnissen leicht von irgendwelchen Liebeserklärungen blenden. Diejenigen Kinder, die sich im Stillen bemühen, dass es den Eltern gut geht (oder dass es dem Vater gut geht, wie bei Cordelia im Lear) haben eigentlich das bessere Verhältnis, ohne dass das unter solchen Bedingungen anerkannt wird. Das ist häufig so, ich hatte viele Patientinnen und Patienten, die genau wie Cordelia reagiert haben, aber auch solche wie die älteren Schwestern, die unzureichende Liebe lange Zeit mit Macht und Geld ausgleichen wollten. Etwas eigentlich Selbstverständliches braucht nicht dauernd beteuert zu werden. Die Liebe der Eltern sollte von kindlichen Rückmeldungen unbeeinflussbar sein, Lear war bedürftig geblieben.


BSO: Wie ist es bei Graf von Gloster und seinen beiden Söhnen? Hier ist einer der Söhne zusätzlich unehelich.

GG: Hier wird die gleiche Problematik auf Söhne übertragen. Gloster hat einen aufrichtigen unehelichen Sohn. Der eheliche Sohn ist ein ziemlich böser Kerl. Was macht Gloster? Er vertraut dem falschen Sohn, weil der sich in den Vordergrund drängt. Dazu haben uneheliche Kinder in vergleichbaren Konstellationen oft Komplexe, weil sie gerne anders als die Geschwister behandelt werden, um den unehelichen Status zu kompensieren. Edmund war vor Beginn der Handlung länger weg. Das erleben solche Kinder häufig als „Ich werde weggeschickt“, fühlen sich zurückgesetzt und leiden darunter.


BSO: Beide Väter schätzen ihre Kinder vollkommen falsch ein. Ist das oft so?

GG: Leider ist in unserer Gesellschaft wenig bekannt, dass im Erbgut unserer Kinder möglicherweise jahrhundertealtes Erbgut unserer Vorfahren enthalten ist, obwohl schon Viele darauf hingewiesen haben. Es ist nicht zwangsläufig, wieviel man davon am Kind erkennen kann. Manchmal ist man auch hilflos, weil man es gar nicht erkennen kann. Es ist eine große Aufgabe für Eltern, herauszufinden, wer das eigene Kind wirklich ist, welche Potentiale und Begabungen es hat und was ihm vielleicht fehlt oder unmöglich ist. Viele meiner Patienten haben nicht unter schlimmen Eltern gelitten, sondern darunter, dass sie sich von ihren Eltern trotz aller Bemühungen nicht ausreichend erkannt fühlten. Die eigenen Kinder in ihren Potentialen und Schwächen zu erkennen und zu fördern ist für Eltern immer etwas schwierig und bei Bedingungen, wie bei dem alternden und scheinbar ziemlich einsamen Lear, ganz besonders.


BSO: Durch diese Fehleinschätzung wurde das Erbe zwischen den drei Schwestern sehr ungerecht aufgeteilt. Cordelia wurde enterbt und das Erbe zwischen den anderen beiden aufgeteilt. Trotzdem waren Goneril und Regan nie glücklich. Wie beurteilen Sie das?

GG:  Diejenigen, die in einer Erbschaft ungerecht überaus reich beschenkt werden, entwickeln leicht unbewusste Schuldgefühle, manchmal schlechtes Gewissen. Dazu kommt eine Problematik, die in vielen Familienunternehmen wirkt: Hier ist es häufig so, dass die zweite, aber spätestens die dritte Generation das gewachsene Unternehmen zu ruinieren beginnt. Das hat psychoanalytische Gründe: Zeitgleich mit dem progressiven Aufbau einer Firma entstehen unbewusst gleich starke destruktive Tendenzen, das wieder zerstören zu können oder gar zu wollen. Die Möglichkeit gäbe es ja, aber das wachsende destruktive Potential wird von der Gründergeneration gerne verdrängt und in oft übertriebene Aktivität umgewandelt. Die nächste oder übernächste Generation kann dann die verdrängte Destruktion, unbewusst gesteuert, ausleben. Woher kommt das? Damit kompensiert die nachfolgende Generation auch die oft unterdrückte Wut auf die Mängel der Eltern, die wegen des Firmenaufbaus kaum Zeit für ihre Kinder hatten. Das hat Shakespeare gut erkannt. Hier gibt es vor allem bei den älteren Töchtern die unbewusst übernommene und angewachsene Destruktion, die schließlich zu Kämpfen, Krieg und Untergang führt.


BSO: Wie hätte Lear gut ausgehen können?

GG: Es wäre leichter gewesen, wenn Lear von einer Ehefrau begleitet gewesen wäre. So hätte er mit seiner Frau für die Kinder zureichende Elternfiguren sein und damit bessere Rahmenbedingungen für sich und das Heranwachsen der Kinder schaffen können ­– ausgehend von einer guten und stabilen Ehe. Dann hätten die beiden älteren Kinder dem Vater gegenüber leichter offener sein können und wären nicht so unehrlich gewesen, um seine spürbaren Liebesnöte zum Schein zu befriedigen. Die gegenseitige Liebe wäre tragfähiger geworden. Zudem hätte wohl Cordelia ihre Zuneigung spürbarer zeigen können. Wahrscheinlich hätte er so das Erbe besser und gerechter aufteilen können. Für Alleinerziehende ist das Schaffen guter Rahmenbedingungen sehr schwierig. Man kann kaum verhindern (auch wenn man es noch so sehr möchte), dass eigene, unbefriedigte Bedürfnisse zu den Kindern transferiert werden. Das ist eine riesige Aufgabe, weil man zudem die Verantwortung nicht teilen kann und für die Erfüllung eigener Bedürfnisse kaum Zeit bleibt. Das ist ein strukturelles Problem für Alleinerziehende, auch wenn sie damit reflektiert umzugehen versuchen. Elternschaft ist allerdings auch bei bester Reflexion niemals gänzlich konfliktfrei.

 

 

Georg R. Gfäller studierte Politologie, Soziologie, Nationalökonomie, Philosophie sowie Staats- und internationales Recht. Von 1971 bis 1976 war er am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg und an der Kinderpoliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Seinen Forschungsschwerpunkt stellen die gesellschaftliche Wirkung von Normen sowie Prävalenz- und Inzidenzepidemiologie von psychosozialen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen dar. Er absolvierte eine Ausbildung zum Psycho- und Gruppenanalytiker in München und London und arbeitet als solcher wie auch als Organisationsberater und Mediator. Außerdem publizierte er zwei Bücher und zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und ist Wissenschaftlicher Beirat u. a. des Sinova-Klinikverbund und der Viadrina-Universität.

 

Das Gespräch führte Sabine Eckmüller.

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