Auf dem Operndach mit ... Louise Alder

Die britische Sopranistin Louise Alder wird in unserer kommenden Vorstellungsserie von Le nozze di Figaro die Rolle der Susanna singen. Trotz ihrer Höhenangst wählte sie das Dach des Nationaltheaters, um sich mit uns über ihre Rolle zu unterhalten und darüber, wie sie den Lockdown verbracht hat. Was sie uns aber verschwiegen hat: ob ihr Herz mehr für Figaro oder den Grafen schlägt ...

Louise Alder auf dem Hinterdach des Nationaltheaters - wo unsere Bienen leben.

Bayerische Staatsoper: Wir befinden uns auf dem hinteren Dach des Opernhauses, direkt neben den Bienenstöcken. Hast du Angst vor Bienen?

Louise Alder: Nun, ich fände es nicht prickelnd, wenn sie über mein ganzes Gesicht schwärmen, aber eigentlich finde ich Bienen super.

Wovor hast du dann Angst?

Ironischerweise sitze ich auf dem Dach und habe Höhenangst. Das war besonders spannend, als ich hier die Inszenierung von Fidelio gesungen habe, weil es eine Menge Kletterei bis ganz nach oben auf die Bühne bedeutete.

Das schien total mühelos bei dir.

Nun, nein. Das war wohl meine Schauspielkunst (lacht). Höhen sind wirklich nicht mein Ding. Ich bin auch nicht gerade scharf darauf, in einem See oder im Meer zu schwimmen, wo es Fische und Seealgen gibt, das macht mir wirklich Angst. Da ich zum Teil Schottin bin, stelle ich mir vielleicht immer vor, dass sich unter mir ein geheimes Monster von Loch Ness befindet.

Interview auf dem Dach

Sprechen wir zunächst über das Unausweichliche: Corona. Mit der Rolle der Susanna in unserer kommenden Serie von Le nozze di Figaro wirst du diese Woche zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wieder auf der Bühne stehen?

Ja, in einer Opernaufführung. Ich habe ein Konzert für Covent Garden mit Antonio Pappano für die Wiedereröffnung des Theaters im Juni gegeben. Aber nur vor der Kamera, ohne Publikum. Le nozze di Figaro wird also das erste Mal seit Corona sein, dass ich wieder vor echtem Live-Publikum auftrete.

Wie fühlt sich das an?

Unglaublich aufregend. Uns allen wurden so viele Monate Arbeit abgesagt, deshalb sind wir ziemlich nervös, dass etwas schiefgehen könnte. Wir treten mitten in einer Pandemie auf, und wir wollen keine weiteren Absagen, aber gleichzeitig sind wir sehr vorsichtig und lassen uns regelmäßig testen. Es gibt also diesen zusätzlichen Druck, den wir normalerweise nicht haben. Wenn man das beiseitelässt, fühlt es sich unglaublich an, wieder mit Kollegen zu singen und den Luxus zu haben, mit den Menschen auf der Bühne richtig zu interagieren. Wir haben sehr viel Glück.

Wie sind die Proben verlaufen? War es unangenehm oder eigentlich ganz normal?

Am Anfang war schon etwas komisch. Dann wiederum ist es immer merkwürdig, jemanden zu treffen, ihm die Hand zu schütteln (in Nicht-Corona-Zeiten), und dann sofort eine Liebesszene zu spielen. Man hat uns sechs Monate lang gesagt, wir sollen Abstand voneinander halten, also gibt es eine gewisse Barriere, die man überwinden muss. Aber es ist einfacher geworden, seit wir uns besser kennengelernt haben und uns allmählich wieder in diese Arbeitsweise einfügen. Wir müssen immer unsere Masken tragen, außer beim Singen und am Set in der Probe. Und wir halten Abstand, nicht zum Cast, aber zu allen anderen, die sich im Raum aufhalten. Und wir sind wirklich vorsichtig mit dem Händewaschen, also eigentlich das Gleiche wie überall auf der Welt.

Wie hast du die Zeit erlebt, in der du nicht in der Lage warst zu arbeiten?

Ich lebe in Frankfurt und bin zwischen dort und England hin und her gependelt, einmal für ein Konzert und einmal, um meine Familie zu besuchen. Das Gefühl ist an beiden Orten sehr, sehr unterschiedlich. Ich glaube, in Großbritannien gibt es viel mehr Angst. Für die Briten war von Anfang an kein klarer Weg vorgezeichnet, und das war sehr beunruhigend. Die Situation dort für Theater und Live-Musik ist fast am Zerbrechen.

Es ist dein dritter Auftritt an der Bayerischen Staatsoper, nach Marzelline in Fidelio und Gretel in Hänsel und Gretel singst du nun die Rolle der Susanna. Was denkst du über diese Rolle?

Ich denke, sie ist eine der am besten gestalteten Figuren, die ich das Vergnügen habe zu spielen. Sie ist sehr klug, kann aber auch manipulativ sein (je nachdem, wie man sie spielt) und sie hat tiefe Gefühle für Figaro und manchmal auch für den Conte, den Graf, und sie ist sehr witzig. Sie ist auch schlau, viel schlauer als die Männer, schlauer als wirklich jeder, obwohl Marcellina vielleicht jemand ist, in dem sie ihr Gegenstück gefunden hat. Da Ponte hat ein so unglaubliches Libretto geschrieben, und wie Mozart es dann musikalisch vertonte, führt dazu, dass Susanna eine der vollständigsten und realistischsten Personen in der Oper ist.

Wie oft hast du Susanna jetzt schon gesungen?

Es ist meine vierte Produktion.

Sind die Susannas in jeder Inszenierung anders?

Diese Inszenierung ist sehr interessant. Ich habe nie mit Christof Loy gearbeitet, aber ich habe viele seiner Wiederaufnahmen gemacht, in Frankfurt und jetzt hier. Die Welt, die er hier erschafft, ist rau und manchmal recht düster, eine neue und tiefere Art, die Beziehungen zwischen Susanna und den Männern - und auch der Gräfin - zu betrachten. Ich denke, was wirklich interessant ist - ich habe gerade mit Etienne [Dupuis, der die Rolle des Grafen Almaviva singt] darüber gesprochen: Für mich spielt natürlich mein natürliches Verhältnis zu meinen Kollegen eine große Rolle, und wie ich mich mit ihnen auf der Bühne fühle. Es ist oft spannend zu sehen, welchen Weg Susanna geht, mehr in Richtung Figaro oder mehr in Richtung des Grafen. Und manchmal funktioniert die Chemie mit beiden perfekt, und dann ist es für Susanna eine wirklich verwirrende Situation. Denn das Spiel, das sie für die Gräfin spielt, den Grafen zu verführen, ist eigentlich nicht lustig. Für sie ist es kein Witz. Das ganze Stück, der ganze Tag, ihr Hochzeitstag wird zutiefst komplex und schwierig.

Das letzte Mal hast du für Fidelio ein sehr witziges Takeover unseres Instagram-Accounts gemacht. Im Allgemeinen bist du auf Instagram und anderen Social-Media-Plattformen ziemlich aktiv. Wie haben die sozialen Medien deiner Meinung nach das Operngeschäft verändert? Sind sie ein wichtiges Instrument für junge Sänger und ihre Karriere? Oder üben sie sogar noch mehr Druck auf die Sänger aus, auch außerhalb der Bühne auf diesen Kanälen zu "performen"?

Ich denke ehrlich gesagt: beides. Es ist eine großartige Möglichkeit "kostenlose" Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Natürlich ist sie nicht wirklich kostenlos, denn es kostet viel Mühe und Zeit, sich interessante Sachen auszudenken, schöne Fotos und Schnappschüsse aus dem Berufsleben zu finden. Ich persönlich möchte eine realistische, aber kuratierte Version meiner Karriere zeigen, und das braucht Zeit. Ich denke, dass es wirklich wichtig ist, alle Facetten davon zu zeigen, was es heißt Sänger zu sein, was es bedeutet, so viel zu reisen und das Leben in verschiedenen Ländern und fernab von der Familie zu erleben.

Vielen, lieben Dank für dieses Interview in luftigen Höhen und toi, toi, toi für die bevorstehenden Aufführungen!

Louise Alder

Louise Alder studierte am Royal College of Music in London. Sie gewann den Young Singers Award bei den Internationalen Opera Awards und den Publikumspreis bei der Joan Sutherland Singer Competition. Von 2014 bis 2019 war sie Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt. Dort sang sie Partien wie Gilda (Rigoletto), Susanna (Le nozze di Figaro), Sophie (Der Rosenkavalier), Musetta (La bohème), Atalanta (Xerxes), Cleopatra (Giulio Cesare in Egitto), Füchsin Schlaukopf (Das schlaue Füchslein), Despina (Così fan tutte) und Gretel (Hänsel und Gretel). Gastengagements führten sie u. a. an das Royal Opera House Covent Garden in London, die English National Opera, das Teatro Real in Madrid sowie zum Glyndebourne Festival. Neben ihren Opernengagements konzertierte sie u. a. mit der Royal Nothern Sinfonia (GB).

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