Andrey Kaydanovskiys CECIL HOTEL

CECIL HOTEL: Jonah Cook

Hinter welcher Türe lauert der Mörder? Wie kam die Leiche in den Teppich? In welchen Zimmern hausen die Untoten? Der Suspense ist jener Moment im Film, in dem die Zuschauer in Unsicherheit darüber gelassen werden, was geschehen wird. Andrey Kaydanovskiy arbeitet in seinem Kriminalballett Cecil Hotel ganz deutlich mit diesem Mittel der Spannungserzeugung, indem sich von Szene zu Szene die Tathergänge immer weiter enthüllen. Die Idee aus den tatsächlichen Vorgängen in diesem Hotel in Los Angeles ein Tanzstück zu machen, trug der Choreograph mehrere Jahre mit sich herum. 2019 konnte er sie schließlich mit dem Bayerischen Staatsballett im Prinzregententheater realisieren.

CECIL HOTEL: Ensemble

Für die Ausstattung war auch damals Karoline Hogl verantwortlich, die dieser Tage mit Kaydanvoskiy an dessen neuer Kreation Der Schneesturm arbeitet. Als abendfüllendes Ballett wird Der Schneesturm im Nationaltheater München am 16. April 2021 zur Uraufführung gelangen, auf eine extra dafür komponierte Musik für großes Orchester von Lorenz Dangel. Zwar ist der Stoff der Schneesturm-Handlung, die auf der gleichnamigen Erzählung des russischen Schriftstellers Alexander Puschkin basiert, weit von einer Kriminalhandlung entfernt, aber es lassen sich einige Parallelen zwischen den Produktionen ziehen.

CECIL HOTEL: Jinhao Zhang, Carollina Bastos

Das filmische Horrorballett Cecil Hotel ist in Szenen strukturiert, die die Handlung nicht chronologisch abspulen, sondern Leerstellen lassen und das Publikum damit animieren, sich einen eigenen Reim auf die Vorgänge in dieser düsteren Absteige zu machen. Dieses rhetorische Mittel wird seit jeher von guten Geschichtenerzählern angewendet und prägt auch den Fortgang der Ereignisse in Der Schneesturm. Ein weiteres Element, das die beiden Choreographien von Andrey Kaydanovskiy verbindet, ist die groteske Komik. Cecil Hotel zielt nicht auf platte Splattereffekte, sondern betrachtet das Unfassbare der mörderischen Taten durch eine Brille aus schwarzem Humor.

CECIL HOTEL: Dustin Klein
CECIL HOTEL: Ksenia Ryzhkova, Jonah Cook
CECIL HOTEL: Robin Strona

Aus den verschiedenen Schicksalsfäden der beteiligten Personen knüpft sich im Verlauf des tänzerischen Geschehens ein dunkler Reigen, dessen einzelne Elemente auf eine untergründige Weise miteinander korrespondieren. Ein drittes Merkmal, das Cecil Hotel und Der Schneesturm verbindet, ist das „ungelöste Rätsel“. Wie Puschkin nie erklärt, welcher (göttliche oder dämonische) Wille hinter der Schneesturm-Naturgewalt steht, so stellt auch Andrey Kaydanovskiy in Cecil Hotel jenen Fall ins Zentrum, der sich bis heute nicht lösen ließ und gerade deswegen mystifiziert und sogar zu einem Internetphänomen wurde. Die kanadische Rucksacktouristin Elisa Lam wurde im Januar 2013 als vermisst gemeldet. Ihre Leiche wurde drei Wochen später in einem Wassertank auf dem Dach des Cecil Hotels gefunden und gab zu weiteren Spekulationen Anlass.

CECIL HOTEL: Elisa Doubles

In seiner Choreographie lässt Andrey Kaydanovskiy Elisa als Untote durch das Hotel geistern. Die Figur steht damit symbolisch für all jene Schreckenstaten, die sich an diesem berühmt-berüchtigten Ort in Los Angeles seit den 1950er-Jahren ereignet haben, und sich rational nicht erklären lassen. Cecil Hotel ist jenes Haus, in dem unsere Albträume Gestalt annehmen.

Verfasst von Serge Honegger

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