Abflug aus der Engelsloge

Literatur

Ein schwarzer Vogel, die Flügel hochgezogen, den Kopf dazwischen versteckt. So hockte sie ganz hinten in der Engelsloge, als der Logenschließer sie fand. Seit zwanzig Jahren war er an der Bayerischen Staatsoper beschäftigt. Noch kein einziges Mal hatte er jemanden entdeckt, der eingeschlafen und dann im Schlussapplaus nicht aufgewacht, sondern sitzen geblieben war. Schon von hinten erkannte er sie an ihrem lila getönten Haar. „Früh weiß geworden“, hatte sie ihm einmal gesagt, Stammgast im dritten Rang seit er hier seinen Dienst angetreten hatte. Ihre Augen konnte er auswendig. Indisch wirkten sie auf ihn. Heute war sie zum ersten Mal zu spät gekommen. Die Türen waren bereits geschlossen und er hatte sie mit anderen Zuspätkommern in die Engelsoge eingeschleust. Allerdings hatte in ihm der Verdacht getickt, sie sei absichtlich zu spät gekommen, denn er hatte sie eine halbe Stunde vor Beginn des Barbiere schon hier oben gesehen, als sie einem Kollegen das Programm abkaufte.

Er tippte den Vogelkörper an. Nichts an ihm regte sich. Es hätte keinen Arzt gebraucht, um zu wissen, dass die Frau mit dem lila Haar und den indischen Augen tot war. Seine Ehefrau zuhause, die sonst sagte, die Oper beschere ihr die schönsten Stunden, weil ihr Mann dort allein hingehe und sie sich währenddessen bis zu drei Fernsehkrimis ansehen könne, war überzeugt, es handle sich um Mord und bereute, nicht dabei gewesen zu sein.

Die Meldungen in den örtlichen Zeitungen am übernächsten Tag waren briefmarkengroß. Die Rentnerin Marta Maier (67), kinderlos, sei am 2. Oktober 2010 nach einer Vorstellung von Rossinis Barbiere di Siviglia tot in der Engelsloge aufgefunden worden. Todesursache: Herzinfarkt. Es war dieses Datum, das im Hirn des Logenschließers juckte. Er kannte alle Daten aus der Geschichte des Hauses, von der Eröffnung über den ersten großen Brand 1823, der wegen der zugefrorenen Löschteiche mit Bier aus dem Hofbräuhaus gelöscht werden musste, über die nächste Zerstörung im zweiten Weltkrieg bis zur Wiederöffnung 1963. Am 2. Oktober 1943 war Eugen d’Alberts Tiefland aufgeführt worden. Wer die Vorstellung besucht hatte, musste mehr Passion für die Oper als Angst gehabt haben; nicht nur in dem erleuchteten Haus zu sitzen war brandgefährlich, es was auch fraglich, ob am Nachhauseweg bei Fliegeralarm in einem der überfüllten Luftschutzbunker einem Passanten Einlass gewährt würde . Noch in derselben Nacht vom 2. auf den 3. Oktober trafen Bomben und Sprengsätze die Staatsoper und zerstörten sie völlig. Sogar die eiserne Bühnenkonstruktion war in der Hitze geschmolzen.

Gehört hatte der Logenschließer Tiefland nie. In München hatte diese Oper kein einziges Mal auf dem Spielplan gestanden, seit der Logenschließer hier arbeitete. Sein Opernführer verriet ihm, warum. Unter dem Abriss der Handlung stand, Tiefland sei eine von Hitlers Lieblingsopern gewesen. In den Kriegsjahren habe Leni Riefenstahl sie verfilmt, mit Bernhard Minetti in der Rolle des Bösewichts und Regisseurin Leni Riefenstahl in der Rolle von Marta. Marta – war es ein Zufall, dass die Tote aus der Engelsloge Marta geheißen hatte? Er rechnete nach: wenn sie bei ihrem Tod 67 war, dann musste sie in jenem Jahr geboren worden sein, in dem die letzte Tiefland-Aufführung über die Münchner Bühne gegangen war. „Na und?“ sagte seine Frau. „Die Eltern waren eben Operngestörte wie du und haben sie so getauft, damit die Marta dem Adolf gefiel. Was ist daran so besonders?“

Marta Maier hatte immer in der 1. Reihe, direkt vor den Monatskarteninhabern gesessen, die in der 2. Reihe ihre Stehplätze hatten. Wenn sie in der Pause ihr Vanilleeis mit heißen Himbeeren löffelte, hatte der Logenschließer sie oft beobachtet, wie sie sich mit den Monatskarteninhabern, auch mit ganz jungen in Jeans, in Diskussionen verhakte und sie sich kaum voneinander lösen konnten, wenn die Klingel zum dritten Mal rief.

An den nächsten Abenden knöpfte sich der Logenschließer die Monatskarteninhaber vor, mal einen, mal zwei. Ja, die Frau Marta habe sich über manche Inszenierungen entrüstet, aber dazu habe ja dieser biedere Barbier keinen Anlass geboten. Einer wusste, dass sie oft über falsche Tempi geschimpft hatte; an diesem Abend habe das Orchester stellenweise geschleppt. Und die Koloraturen von Lindoro und Rosina waren derb und unelegant, sagte eine Frau in Tigermuster, die trotz Krampfadern und ihrer 70 Jahre jede Aufführung durchstand, weil der Sitzplatz finanziell nicht drin war, aber nicht schlecht genug für einen Herzinfarkt. Der achte Monatskarteninhaber, ein deutschstämmiger Cello-Student aus Tel Aviv im Wagner-T-Shirt, der erst durch den Logenschließer vom Tod der Marta Maier erfahren hatte, sagte nur: „Ach, dann hat sie es also geschafft.“ Befragt, was sie geschafft habe, hatte er sich auf die Lippen gebissen.

Zwei Kantinenbiere später wusste der Logenschließer, dass Marta Maier am 2. Oktober Geburtstag hatte. Seit Jahren habe sie darauf gewartet, dass an diesem Abend eine opera buffa auf dem Spielplan stehe. Warum? Die Antwort habe er nicht verstanden. „Weil es so eine Oper noch nicht gibt: eine Tragödie mit lustigem Schluss.“ Wo blieb die Tragödie im Barbiere?

Nach mehr als zwei Wochen hatte der Logenschließer endlich diesen Studenten geknackt, der auch als einziger immer mal wieder Marta Maier in ihrer Einzimmerwohnung in der Au besucht hatte. Sie war als Tochter eines ehemaligen Filmausstatters in Mittenwald geboren worden, der dort bei Leni Riefenstahls Tiefland-Verfilmung mitgearbeitet hatte. Ihre leibliche Mutter war eine der Zigeunerinnen gewesen, die sich die Regisseurin als Statisten aus dem Salzburger Lager in Maxglan hatte beschaffen lassen. Die sahen halbwegs spanisch aus und Tiefland spielte in Katalonien. Heiraten hatte der Vater sie nicht können, er war längst Ehemann einer Münchner Sportlehrerin, und zum ehelichen Ärgernis geriet die Statistin auch nicht, denn nach Abschluss der Dreharbeiten war sie mit den anderen Sinti und Roma wieder nach Maxglan verbracht worden. Dort schenkte sie einer Tochter das Leben, kurz bevor sie mit den übrigen Lagerinsassen abgeholt wurde, nach Auschwitz oder Ravensbrück. Weil die Sportlehrerin unfruchtbar war, hatte sie zugestimmt, Marta zu adoptieren. Aber dann hatte sie das Kind doch in ein Waisenhaus gegeben. „Vermutlich warst du ihr zu dunkel“, sagte die Oberin dort. Das Übrige hatte Marta Maier erst erfahren, als die hornalte Riefenstahl 2002 einen Prozess verlor. Ihr wurde untersagt, weiterhin zu behaupten, keinem ihrer Tiefland-Komparsen sei etwas passiert.

Mehr wusste der Student nicht. Die Marta habe lieber von den Studenten erzählt, mit denen sie bis zu ihrer Pensionierung vor drei Jahren als Korrepetitorin die Partien einstudiert hatte, habe die Grußkarten, die sie ihr noch immer zu Weihnachten schickten, aus der Schublade gezogen und ein paar sogar geküsst.

„Sie war ganz fröhlich am 2. Oktober“, sagte er. „Sie hat mir einen Prosecco spendiert und gesagt: Heute wird gestorben und die Engel helfen mir.“

„Kein Mensch kann sterben, nur weil er es will“, sagte die Frau des Logenschließers.

„In der Oper schon“, sagte er.

„Irgendwann kommen die in den weißen Turnschuhen und holen dich“, sagte sie. Er aber lächelte nur und schwieg und überlegte, was denn seine Oper wäre, wenn es Zeit würde für den Abflug.

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