Normalität in der Ausnahmesituation? Unser Hygienekonzept zum Probenstart

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„Frohes Neues“ ist ein Ausruf, den man auf den Gängen eines Theaters gleich zweimal im Jahr zu hören bekommt: Einmal um den 1. Januar herum, ein weiteres Mal zum Start einer neuen Spielzeit. So war auch an der Bayerischen Staatsoper nach sechs Wochen Theaterferien die Freude auf das Wiedersehen groß. Doch der mit der Rückkehr verbundene obligatorische Handschlag oder gar eine Umarmung wurden am 17. August 2020 durch die neuen kontaktarmen Begrüßungsrituale – wie ein schüchternes Winken, durch eine angedeutete Verbeugung, durch ein pantomimisches high five oder durch den leicht staksigen Ellenbogengruß – ersetzt.

Das Kontakttagebuch und Badges für unterschiedliche Schutzgruppen.

Auch wenn wir auf der Bühne durchaus Experten für Utopien sind, war uns beim Abschied Ende Juni klar, dass nach den sechs Wochen Abstinenz nicht einfach wieder alles gut, alles „normal“ sein wird, sondern dass wir eine neue Normalität finden müssen, um den Spielbetrieb mit „echter“ Oper und Ballett auf der großen Bühne wieder aufnehmen zu können. Die Theaterferien waren somit auch für die im März gegründete Hygiene Task Force ganz anders als sonst: geprägt durch das Analysieren von Konzepten und Vorschriften, von wissenschaftlichen Studien und unwissenschaftlichem Hörensagen, geprägt durch die Abstimmung mit Behörden sowie insbesondere geprägt durch den Erfahrungsaustausch mit anderen Kulturbetrieben, die auf der ganzen Welt mit großem Einsatz die ersten eigenen Schritte in die neue Realität gewagt haben. Insbesondere die Salzburger Festspiele konnten in den letzten Wochen das Signal senden, dass mit einem gewissenhaften Konzept ein Spielbetrieb möglich ist, in dem die Beteiligten geschützt werden und gleichzeitig ihrer Berufung wieder nachgehen können.

So haben wir zum Spielzeitstart ein Hygienekonzept für den Proben- und Vorstellungsbetrieb entwickelt, das diese Erfahrungen zusammenträgt und zwei zentrale Ziele vereint: Die Gesundheit aller Beteiligten ist das höchste Gut und muss geschützt werden – ebenso wie der Fortbestand und die Erfüllung unseres kulturellen Auftrages. Wir sind sehr dankbar, dass wir auf unserem Weg umfassende Unterstützung von den Experten für Virologie und Infektiologie aus dem Klinikum rechts der Isar erhalten – vom Gesamtkonzept bis hin zur Klärung von Detailfragen wie die richtige Reinigung von Haarnadeln.

Hinweis vor dem Orchesterbüro: Bitte nur einzeln eintreten

Die Grundpfeiler des entwickelten Konzeptes sind auch hier am Haus konsequentes Abstandhalten (Grundregel 1) sowie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung (Grundregel 2) auf allen Wegen im Haus sowie überall dort, wo der Abstand kurzfristig unterschritten werden könnte. Da dies im künstlerischen Betrieb und insbesondere in der Szene nicht vollständig umsetzbar ist, haben wir alle Kolleginnen und Kollegen in vier verschiedene Schutzgruppen eingeteilt: In der roten Gruppe finden sich diejenigen, die bei Proben und Aufführungen direkt miteinander agieren und deswegen regelmäßig getestet werden, um möglichst schnell einer möglichen Verbreitung des Virus zuvorzukommen. Ein rotes Badge tragen unter anderem die Sängerinnen und Sänger, Tänzerinnen und Tänzer, Produktionsteams und das Orchester. Zusätzlich zur regelmäßigen Testung werden beispielsweise im Orchester weiterhin deutlich größere Abstände als sonst gehalten – mit einem Spielenden je Pult sowie mithilfe des ausgebauten und erweiterten Orchestergrabens. Tanzende und Darstellende werden in Gruppen von je zehn Personen eingeteilt, die auf der Bühne nur untereinander und möglichst wenig mit anderen Zehnergruppen in Kontakt stehen. Und wir hinterfragen auf Basis einer Art Gefährdungsbeurteilung, welche weiteren Risiken ohne künstlerische Abstriche vermieden werden könnten.

Die gelbe Gruppe steht mit der roten Gruppe regelmäßig in Kontakt, kann dabei aber entweder immer Abstand halten oder trägt eine Mund-Nasen-Bedeckung bzw. FFP2-Maske – wie beispielsweise die Kolleginnen und Kollegen in Kostüm und Maske. Auch die gelbe Gruppe wird getestet, wenn auch in größeren Abständen. Zwei verbleibende Gruppen gibt es noch: Gruppe grün kann beide Grundregeln grundsätzlich einhalten, wie z.B. unsere Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung. Gruppe blau steht mit dem Publikum in Kontakt: Im „Vorderhaus“ herrscht grundsätzlich, auch bei Abstand, die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung sowie weiterführende Schutzmaßnahmen für Publikum und Beschäftigte.

Vor dem Aufzug gibt es noch ein kleines Memo: Tagebuch heute schon ausgefüllt?

Außerdem führen alle Beschäftigten sowie die vielen externen Gäste, die am Haus arbeiten, täglich ein persönliches Gesundheits- und Kontakttagebuch, was sich beispielsweise auch bei den Salzburger Festspielen bewährt hat: Jeden Tag werden kurze Fragen zu möglichen Symptomen beantwortet, außerdem werden sogenannte Intensivkontakte notiert – ein unschätzbares Hilfsmittel zur schnellen Unterbrechung von Verbreitungswegen im Falle einer Infektion. Natürlich wurde der Reinigungszyklus in allen Bereichen signifikant erhöht, es wird auf regelmäßige Lüftung geachtet und weitere Einzelmaßnahmen werden  jeweils an die aktuelle Situation angepasst. 

 

Wir sind also bereit für Sie und freuen uns unbandig, wenn wir ab 1. September wieder das Licht dimmen und den großen Vorhang für Sie öffnen können. Auch für Sie, unser geschätztes Publikum, wird der Opernbesuch (einige Besuchshinweise finden Sie hier) eine neue Realität darstellen – hoffentlich nur ein Übergangszustand und keine dauerhafte, neue Normalität. Aber wir spielen wieder, mit dem Fokus auf Ihre und unsere Gesundheit und: mit dem großen Enthusiasmus, dass es endlich wieder losgeht.

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