Zur Transformation vom Weihnachts- zum Tanzmärchen

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 3. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu John Neumeiers Der Nussknacker am 18. Dezember 2018.

John Neumeiers „Der Nussknacker“ am Bayerischen Staatsballett München: Zur Transformation vom Weihnachts- zum Tanzmärchen

Von Natalie Stadler

Das auf einem Stoff von E. T. A. Hoffmann basierende Ballett Der Nussknacker von Pjotr Iljitsch Tschaikowski ist im deutschsprachigen Raum nicht nur eines der meistgespielten Stücke überhaupt, sonder wohl auch ein Garant für einen gefüllten Zuschauerraum in der alljährlichen Vorweihnachtszeit. Die Geschichte der jungen Clara, die von ihrem Patenonkel Drosselmeier einen Nussknacker zu Weihnachten geschenkt bekommt sowie die Dramaturgie des Stückes inspirierte viele ChoreografInnen in den letzten Jahrzehnten zu eigenen Neuinterpretationen. So auch John Neumeier, der seit über vierzig Jahren an der Staatsoper Hamburg wirkende Choreograf und Ballettdirektor. Am 21. Oktober 1971 wurde seine Interpretation des klassischen Märchenstoffes in Frankfurt uraufgeführt. Seitdem wurde die Inszenierung vom Ballet de l'Opéra National de Paris, der Staatsoper Hamburg, dem Ballett der Semperoper in Dresden sowie dem Bayerischen Staatsballett ins Repertoire übernommen.

Clara wird in der Inszenierung des US-amerikanischen Choreografen zu Marie, die von Kadett Günther – einem Freund ihres Bruders – einen Nussknacker geschenkt bekommt. Drosselmeier verwandelt sich in einen Ballettmeister und überrascht sie mit Spitzenschuhen. Als sie die Schuhe nachts anprobiert und mit ihrem Nussknacker im Arm einschläft, begibt sie sich im Traum in die zauberhafte Welt des Theaters. Die Schlacht der Spielzeugsoldaten gegen das Heer des Mäusekönigs sucht man auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper dabei vergeblich. Wenn sich während der Ouvertüre der Vorhang hebt, zeigt sich ein olivgrünes, gedrungenes und an die Epoche des Biedermeier erinnerndes Wohnzimmer. Wir befinden uns im Haus von Marie und ihrer Familie. Die Protagonistin streift durchs Wohnzimmer und richtet ihre Aufmerksamkeit gezielt auf ihre Spielzeuge, bevor sie ein Puppentheater auf der rechten Vorderbühne entdeckt. Als sie sich damit beschäftigt und sich in die für sie verzauberte Welt des Theaters hineinträumt, öffnet sich ein Vorhang im Wohnzimmer und die erdachten Charaktere aus Maries Fiktion erscheinen um sie herum.

Das Bewegungsmaterial, das Neumeier während dieses Auftritts verwendet, erstreckt sich von repetitiven, abgehackten Zeichenmustern, bis hin zu fließenden und leichten Tanzschritten. Die Bewegungen des Nussknackers und seiner Spielzeugsoldaten sind dabei klar militärisch und wenig fließend konturiert. Diese beiden konträren Bewegungsmuster stehen in direkter Konkurrenz zueinander und werden als solche in einem offenen Diskurs auf der Bühne zwischen Drosselmeier und den übrigen Ensemblemitgliedern verhandelt. An anderer Stelle sind Tanzschritte im Ensemble chorisch synchron und im Gleichklang mit den Akzenten in der Musik. Die Formationen, in denen sich die TänzerInnen befinden, können zumeist als Kreise oder Linien dechiffriert werden. Drosselmeier – der das Ebenbild von König Ludwig II. verkörpert – setzt zudem seinen Mantel als optische Verstärkung und Verlängerung der Bewegungen seiner Arme ein. Durch Sprünge und Drehungen entführt er Marie in seine Welt und gibt ihr sein Wissen über Tanz und Ballett weiter, bis sie letztlich selbst zu einem Teil ihrer eigenen Traumwelt wird. Die hölzerne Figur des Nussknackers wird zum Symbol der imaginierten Welt der jungen Hauptdarstellerin.               

Neumeier bedient sich bei der Materialauswahl seiner Choreografie nicht nur am Bewegungsmuster des klassischen Balletts, sondern entlehnt vieles – gerade im zweiten Akt – aus unterschiedlichen folkloristischen Traditionen. Er hält sich wohl am ehesten an die Vorlage von Marius Petipa und Lew Iwanow, wenn er im Divertissement des dritten Bildes spanische, arabische, chinesische und russische Tanzstile auf die Bühne bringt. Eine weitere Inspirationsquelle dürften für den Choreografen die Gesellschaftstänze um 1900 gewesen sein. All diese unterschiedlichen Stile und das daraus gewonnene, vielfältige Bewegungsmaterial verwebt er zu einer hervorragend ausgeführten Tanzcollage, die von den Ensemblemitgliedern des Bayerischen Staatsballetts mit höchster Professionalität umgesetzt wird.

Während der Aufführung sticht die Affinität Neumeiers zu illustrativen, durch menschliche Körper erschaffenen Bildkompositionen ins Auge. Er konstruiert immer wieder Standbilder und eingefrorene Momentaufnahmen, bei denen er die Körper der Tänzer*innen gleich Noten oder Pinselstrichen exakt an einem Ort positioniert. Daraus  ergeben sich vom Choreografen gezeichnete Bilder, wie sie plastischer und eindrucksvoller nicht sein könnten. Besonders deutlich zeigt sich diese Strategie im zweiten Bild des ersten Aktes. Wenn die erdachten Theaterfiguren Maries elterliches Wohnzimmer verlassen und sie sich mit ihrem Nussknacker im Arm auf den Boden legt um einzuschlafen, verschwindet mit ihrem Wachzustand auch die Kulisse ihres Hauses von der Bühne. Die olivgrünen Wandbehänge werden in den Schnürboden gezogen und zurück bleiben weiße Stoffbahnen, die den Hintergrund für einen großräumigen Ballettprobenraum bilden. Das alles dominierende Weiß dieses Bildes zeigt sich als Folie, als Imaginationsplattform, die Marie die Chance gibt, ihre Träume Wahrheit werden zu lassen.      

Als Neumeier Anfang der 1970er Jahre aus einem Ballett, mit einem klar strukturierten Handlungsstrang ein durch psychologisierende Personenführung bestechendes Regietheaterstück formte, kreierte und rationalisierte er damit gleichzeitig einen Stoff, der seit Generationen die Zuschauer*innen begeistert.

 

Natalie Stadler spezialisierte sich nach ihrem Bachelorstudium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis in den Fächern Musik und Theater auf die Musik- und Tanzwissenschaft. An der Universität Salzburg schreibt sie derzeit an ihrer Dissertation zum Thema "Musik und Tanz in den Salzburger Inszenierungen des Schauspiels Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes". Neben ihrer wissenschaftlichen Forschung arbeitet sie als Regieassistentin und Inspizientin bei Musiktheater- und Schauspielproduktionen an deutschen und österreichischen Theaterhäusern sowie bei den Salzburger Festspielen.

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