Wie kommen 7.000 Liter Wasser auf die Bühne?

Ein Blick auf die Bühne erinnert an den gestrigen Abend: Vor 18 Stunden sang hier noch der Chor Verdis berühmtes „Va pensiero“. Nun wird das Bühnenbild von Nabucco langsam auf Schienen zur Seite geschoben. Kaum vorstellbar, dass in nur wenigen Stunden bereits Bo Skovhus als Karl V. auf die Bühne treten wird. Bis dahin muss jede Spur des gestrigen Abends verschwunden und das Wasser eingelassen sein. Das Protokoll eines Aufbaus.

In dem großen Bühnenbecken finden in der KARL V.-Inszenierung die Rückblenden der Geschichte statt.

15:00 Uhr: 7.000 Liter Wasser werden sich am Abend auf der Bühne befinden, das entspricht in etwa 45 Badewannen. Ein ähnliches Wasserbecken gab es bislang nur einmal bei Wozzeck – damals füllten sogar 10.000 Liter die Bühne, erzählt Daniel Bauer, Produktionsleiter sowie stellvertretender technischer Direktor der Bayerischen Staatsoper. Er betreut seit 2008 alle Neuproduktionen.

Ist die große Menge an Wasser die größte Herausforderung für die Bühnentechniker? „Wasser ist grundsätzlich immer gefährlich“ erklärt Martin Sternecker, Theatermeister. Es dürfe unter keinen Umständen in die Unterbühne tropfen, da sich dort sämtliche Schalt- und Stromkästen befinden und das Wasser natürlich nicht mit Strom in Verbindung treten darf. Bei einer Probe bekam die Folie einen kleinen Riss und genau das passierte, glücklicherweise ohne schlimme Folgen. Um das zu verhindern wird zunächst ein Holzboden verlegt. Die einzelnen Bretter werden dicht aneinandergelegt und anschließend mit Klebeband am Bühnenboden befestigt. Darauf folgt eine PVC-Unterlage – der Tanzboden auf dem normalerweise Balletttänzer performen. Sie dient als Sicherheitsmaßnahme, sollte die darauffolgende Folie reißen. Schließlich wird die Folie auf den Tanzboden gelegt, die einer LKW-Plane ähnelt, jedoch Gewebe enthält.

15:40 Uhr: Ein großer Wassertank wird von oben herabgefahren. Aus dieser „Dusche“, wie sie liebevoll von den Bühnentechnikern genannt wird, werden im Laufe der Vorstellung weitere 500 Liter in das Bühnenbecken fließen. Den Duschkopf bildet ein Nudelsieb aus Edelstahl, bei dem lediglich die Löcher ein wenig vergrößert wurden.

Über diesen Wassertank gelangt das Wasser durch den "Nudelsieb"-Duschkopf in das Becken.
Das Becken ist 8 cm tief und 18 m x 20 m groß.

16.30 Uhr: Der Bühnenboden wird um 8 cm versenkt. Steht man auf dieser Fläche, bemerkt man das gar nicht, doch plötzlich befinden wir uns in dem 18m x 20m großen Becken, in das bald das Wasser eingelassen wird. „Wichtig ist, dass die Folie an den vier Ecken des Bassins sowie der Abflussstelle exakt passt“, erklärt Daniel Bauer. Zur gleichen Zeit wird das Karussell vorbereitet. Es folgen viele Schritte simultan und innerhalb von etwa vier Stunden steht das gesamte Bühnenbild. Die Produktion ist technisch sehr aufwendig und stellte insbesondere für den Konstrukteur keine einfache Aufgabe dar.

Doch wieso ein solches Becken auf der Bühne? Benedikt Stampfli, Dramaturg der Inszenierung von Karl V. weist auf die Bedeutung des Wassers als Symbol des Lebens hin. Die meisten Szenen der Gegenwartsebene finden am vorderen Bühnenrand statt. Dahingegen spielen die Szenen, die auf das Leben von Karl V. zurückblicken, im Wasser. Außerdem versinnbildlichen die Spiegelungen im Wasser die verschiedenen Perspektiven der unterschiedlichen Charaktere. Es findet während der gesamten Vorstellung ein reger Perspektivenwechsel statt.

400 Liter pro Minute fließen beim Füllen in das Bühnenbecken.
Bis auf die Akrobaten haben alle Künstler auf der Bühne Gummistiefel an.
Sicht von der Hinterbühne auf den Zuschauerraum während einer Beleuchtungsprobe.
Es platscht und tropft: Sieht gar nicht so einfach aus, in einem Wasserbecken zu schauspielen.

17.30 Uhr: Nun ist es endlich soweit: Das Wasser wird aus einem speziellen Feuerwehranschluss eingelassen, aus dem 400 Liter pro Minute in das Bühnenbecken strömen. In diesem Moment beträgt die Temperatur des Wassers etwa 30 Grad, jedoch kühlt es innerhalb weniger Minuten auf 16/17 Grad ab. Diese Temperatur wird sich während der gesamten Vorstellungsdauer konstant halten.

22.30 Uhr: Nun stellt sich nur noch die Frage, wie man das Wasser wieder von der Bühne bekommt. Daniel Bauer führt uns hinter das Karussell, das sich bei der Produktion etwa in der Bühnenmitte befindet. Unter einer Abdeckung kommt ein Abfluss zum Vorschein. Wird das Ventil geöffnet, kann die Wassermenge in einen Tank laufen. Von dort aus wird sie ins Abwasser gepumpt. Um die gesamte Wassermenge zum Abfluss zu befördern, werden Gummilippen verwendet. Anschließend wird die Plane an allen vier Ecken gehoben, sodass das Wasser zur Mitte laufen kann. Die Folie wird zum Trocknen aufgehängt.

Nach vier Stunden Vorbereitung sowie knapp drei Stunden Vorstellung wird dem Zauber ein Ende gesetzt. Es darf kein Tropfen übrig bleiben, denn am nächsten Morgen beginnen bereits die nächsten Proben.

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