Was macht Macht? – Interview zu „Der Diktator / Der zerbrochene Krug“

Die Opernstudio-Mitglieder Boris Prýgl und Milan Siljanov singen in den Neuproduktionen Der Diktator und Der zerbrochene Krug jeweils die Hauptpartie. Die Stücke handeln von Menschen in Machtpositionen und wie sie diese ausnutzen, um ihren Willen durchzusetzen. Wir haben uns mit den jungen Sängern getroffen und mit ihnen über Macht und ihre Rollen unterhalten, und was sie tun würden, wenn Sie einen Tag König von Deutschland wären.

Boris Prýgl
Boris Prýgl
Milan Siljanov (Foto: Minjas Zugik)
Milan Siljanov (Foto: Minjas Zugik)

Könnt Ihr uns zum Start die Handlung der jeweiligen Kurzopern zusammenfassen und Eure Rolle darin beschreiben?

Boris Prýgl: Die Geschichte von Der Diktator handelt von vier Menschen: Da ist meine Rolle, der Diktator, meine Ehefrau, ein Offizier und seine Ehefrau, Maria. Ich verliebe mich in Maria und möchte sie verführen, sie kann sich dem Charisma, der Macht des Diktators nicht entziehen. In unserer Inszenierung wird die Geschichte aber eher aus der Perspektive des Offiziers erzählt, der vor Eifersucht langsam dem Wahn verfällt. Was auch das Ende der Geschichte beeinflusst.

Milan Siljanov: Der zerbrochene Krug spielt in einem kleinen Dorf in Holland, in der ich der Richter Adam bin. Die Geschichte dreht sich um einen Vorfall, in dem der Richter ein Dorfmitglied sexuell missbraucht, Eve, und einen Prozess, in dem die Dorfmitglieder wissen wollen, wer einen Krug zerbrochen hat und warum. Der zerbrochene Krug ist offensichtlich das Symbol für Unschuld und Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft.

Habt Ihr eine Lieblingsszene in dem jeweiligen Stück?

Milan: Ja, ich habe so eine Szene. Darin erhält Adam, der Richter, die Nachricht, dass der Gerichtsrat Walter kommen wird, um den Prozess zu überwachen. Die Situation ist an diesem Punkt bereits sehr verworren, Adam ist unter Druck und versucht seine Taten zu verheimlichen und Beweise zu verstecken. Die Musik an dieser Stelle wird sehr aufregend, weil Adam immer nervöser wird. Ich mag diese Stelle sehr.

Boris: Ich finde viele Szenen interessant. Die Oper ist nur 26 Minuten lang, aber in dieser kurzen Zeit passiert so viel, die Stimmung meiner Rolle ändert sich oft. Das ist sehr intensiv und anspruchsvoll.

Szene aus „Der Diktator“
Szene aus „Der Diktator“

Wie schlüpft man in Charaktere, die – von außen betrachtet – so „böse“ sind. Wie findet Ihr Anhaltspunkte, um Euch mit so einer Rolle zu identifizieren?

Boris: Bei einem Diktator assoziiert man ja sofort jemanden wie Adolf Hitler oder Benito Mussolini. Tatsächlich ist es schwieriger jemanden zu spielen, der nicht einfach nur böse ist, sondern komplexer. Der Diktator hat auch romantische Momente mit Maria. Ich musste die Rolle ruhiger anlegen, was dazu führte, dass sie sarkastischer, ironischer und letztlich auch aggressiver ist. Das war herausfordernder als einfach nur ein fieses Arschloch zu spielen, das von seiner Macht besessen ist.

Milan: Genau. Was Charaktere wie den Diktator oder Adam so beängstigend machen, ist genau das:  diese ruhigen und komplexen Gefühle oder Gedanken, die in Ihnen verborgen sind.

Weil wir solche Gefühle auch in uns selbst wiederfinden und Angst haben, uns ebenfalls in eine solche Person verwandeln zu können?

Milan: Ich hoffe, dass ich nicht so eine Person sein könnte, ich glaube es eigentlich nicht. Aber man sieht es ja in den Nachrichten. Immer wieder verlieren Menschen, wie etwa Harvey Weinstein, das Gefühl dafür, wie man mit Menschen umgeht, oder in diesem Fall hauptsächlich Frauen. Obwohl ich in meinen Werten gefestigt bin und eine Vorstellung davon habe, wie ich als Mensch sein möchte,  habe ich als Künstler ausreichend Vorstellungskraft, in einen „Monster-Modus“ zu schalten.

Die beiden Charaktere sind angesehene und mächtige Personen, die ihre Macht über andere jedoch letztlich ausnutzen. Glaubt Ihr, dass Macht Menschen verändert oder Machtpositionen einen bestimmten Typus Mensch anziehen?

Milan: Ich glaube, dass fast alle Menschen in Machtpositionen, selbst wenn sie von der Geschichte als Helden dargestellt werden, eine zweite nicht so schöne Seite haben. Ich habe neulich etwas über Winston Churchill gelesen, der auch als Held verehrt wird. Was er über Inder gesagt hat, ist total rassistisch und das hat mein ganzes Bild von Churchill zerstört. Obama wird als Heilsbringer verehrt, aber auch er hat Leute deportiert. Ich glaube, wir sollten mehr Frauen in Führungspositionen haben. Weltweit (lacht).

Aber würden sich Frauen tatsächlich besser verhalten, wenn sie Macht hätten?

Milan: Natürlich gibt es Beispiele von Frauen, die aktuell an der Macht sind und auch eine schlechte Seite haben. Aber es wäre sehr interessant, ein paar Generationen nur Frauen an der Macht zu haben und zu sehen, was sich verändert.

Boris: Ich glaube, es ist die Macht, die Menschen verändert. Der taste of victory. Ich sehe das auch bei mir. Wenn ich bei Wettbewerben bin und vielleicht ein paar gewonnen habe und alles perfekt läuft, dann bist du besessen vom Erfolg.

Milan: Man fühlt sich unantastbar!

Boris: Und man erwartet dann, dass das so weitergeht und man den nächsten Wettbewerb auch gewinnt.

Milan: Ja, man erlebt so eine Art Arroganz und Erwartungshaltung.

Boris: Deswegen glaube ich, es ist die Macht, die Menschen verändert.

Szene aus „Der zebrochene Krug“
Szene aus „Der zebrochene Krug“

Ok, jetzt eine vielleicht nicht ganz so philosophische Frage: Was würdet Ihr tun, wenn Ihr einen Tag allmächtiger König/Kaiser von Deutschland wärt?

Milan: Hmm… das ist vielleicht doch wieder philosophisch, aber ich habe das Gefühl, dass sich alles weiterentwickelt, außer unser Schulsystem. Das ist eigentlich noch genau das gleiche, wie als ich zur Schule ging und ich glaube es funktioniert nicht. Ich erinnere mich an nichts von dem, was ich in der Schule gelernt habe. Ich habe nur auf Tests gelernt und dann alles vergessen. Man sagt, man lernt fürs Leben, nicht für die Schule, aber das ist nicht so. Vielleicht würde ich mich mit dem König von Schweden, der Königin von Finnland und dem Kaiser von Dänemark unterhalten und ihr Schulsystem kopieren (lacht).

Boris: Ich glaube, ich wäre nicht gerne König für nur einen Tag. An einem Tag kannst du nichts verändern. Und selbst wenn ich länger König wäre, könnte ich wahrscheinlich nur Kleinigkeiten bewirken. Veränderung ist so schwierig und liegt nicht nur in der Hand von einem einzelnen. Du brauchst alle Menschen dazu. Jeder zeigt mit dem Finger auf Angela Merkel oder Donald Trump, aber es sind ja nicht diese Personen alleine, die die Verhältnisse bestimmen. Sie sind ein Tropfen im Ozean. Deshalb… (lacht) vielleicht ist das egoistisch, aber für einen Tag würde ich das Königsein einfach nur genießen, weil ich weiß, dass ich eh nichts ändern kann.

Milan: (lacht) Das war meine zweite Antwort: Sämtliche Fois gras essen, die man kriegen kann, oder so. Oder besser: Ich wäre gerne der Juror in einem Gesangswettbewerb und ich würde alle Agenten zwingen zu singen und sie bewerten. Das wär ein Spaß! (beide lachen)

Nennt uns drei gute Gründe, warum sich unsere Zuschauer, die neue Produktion anschauen sollten?

Boris: Du solltest drei Gründen für Der Diktator nennen und ich drei Gründe für Der zerbrochene Krug.

Milan: Ich kenne Deine Oper nicht. (lacht)

Boris: Wie kann das sein?

Milan: Ich bin nicht in Deiner Oper. Du bist in meiner, aber ich habe keine Rolle in der Der Diktator. (lacht) Aber ich kann schon mal einen guten Grund für „meine“ Oper nennen, das ist der Komponist Viktor Ullman selbst. Ich habe ihn und seine Musik sehr zu schätzen gelernt. Die Oper Der zerbrochene Krug ist toll komponiert, sehr dicht. Der zweite Grund ist das Theaterstück von Heinrich von Kleist, auf dem die Oper beruht. Es ist eines der wichtigsten Stücke der deutschen Literaturgeschichte. Und diese Handlung in Verbindung mit der Musik ist ein sehr guter Grund, zu kommen. Und ein dritter Grund ist natürlich, um die jungen Sängerinnen und Sänger zu sehen …

Boris: … und Milan in seiner Unterhose. (lacht)

Milan: …Da muss man aber schon genau hinschauen. (lacht) Nein, im Ernst. Wir sind die nächste Generation von Opernsängern. Wir haben die letzten Monate großartige Unterstützung gehabt und viel im Opernstudio gelernt und das wollen wir jetzt zeigen.

Boris: Ja, wir haben sehr hart gearbeitet und geben unser Bestes. Wir haben vielleicht noch nicht so viel Erfahrung, aber wir müssen uns deshalb vielleicht auch noch mehr Mühe geben, unser ganzes Herzblut liegt da drin. Gerade im Diktator, der nur 26 Minuten lang ist, musst du alles in eine ganz kurze Zeit packen.

Milan: Ja, wenn du auf Netflix Binge-Watching machen kannst, dann kannst du auch eine Oper von 26 Minuten anschauen (beide lachen).

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