Von Schuhschachteln und Nachhallzeiten

09/09/2016

Wissenswertes über die Konzertsäle der Orchester-Tournee

Fast jeden Tag eine neue Stadt, ein neues Hotelzimmer, in dem man aufwacht, und vor allem – und da ist die Anpassung wohl am schwierigsten – ein anderer Konzertsaal.

Immer wieder gibt es bei begeisterten Konzertgängern Diskussionen über die Akustik der verschiedenen Konzertsäle dieser Welt. Dabei werden Namen wie der Musikverein Wien, das KKL in Luzern, die Carnegie Hall, die Suntory Hall oder die St. Petersburger Philharmonie wie die Lagen großer Weingüter genannt (um nur eine kleine Auswahl zu erwähnen). In der großen Auswahl der Konzerthäuser gibt es bauliche Ähnlichkeiten und je nach Alter des Saales unterschiedlichste Modernisierungsmaßnahmen. Bei der Planung eines Konzertsaales gilt es zu bedenken: Aus welchem Material besteht die Bestuhlung? Wie verändert sich der Klang, wenn das Haus ausverkauft ist und alle Besucher ihre Winterkleidung tragen? (Schließlich sollte die Akustik bei einer Probe im leeren Saal nicht zu stark abweichen von der im Konzert.) Welches Material und welche Verzierungen an den Wänden werden gewählt (vgl. Stichwort "Diffusoren" in unserem Lexikon)? Oft haben alte Häuser den Vorteil, dass hier Holz verwendet wurde, was mit den heutigen Brandschutzbedingungen für Neubauten gar nicht vereinbar wäre.

Um die optimale Raumakustik zu erreichen, bedarf es also vieler Erfahrung und gründlicher Planung. Eine derart intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema ist aber erst seit dem 19. Jahrhundert üblich. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war es eher den Architekten überlassen, sich Gedanken über die Akustik zu machen. In der Physik hat sich erst der Amerikaner Joseph Henry 1846 mit akustischen Raumwirkungen auseinandergesetzt. Trotzdem hatte die eher am Visuellen orientierte Bauweise der Architekten schon immer Vorteile für die Akustik. Die vielen Stuckverzierungen wirken noch heute gut als Diffusoren. Die hauptsächlich aus Holz gebauten Häuser können Schall zum Teil reflektieren, aber auch schlucken. Die oftmals schweren Samtvorhänge saugen den Schall eher auf. In der richtigen Kombination können diese Faktoren auch unbeabsichtigt zu hervorragenden Klangbedingungen führen.

Im Endeffekt ist Akustik aber so ähnlich wie die Menüwahl beim Essen zu sehen: Über Geschmack lässt sich streiten. Wir sind geprägt von unseren eigenen Hörgewohnheiten und vergleichen dadurch unsere jeweils persönlichen Hörerlebnisse – ein richtiger Streit über den besten Klang lohnt sich daher gar nicht.

Bei der Europa-Tournee des Bayerischen Staatsorchesters mit Kirill Petrenko müssen sich die Musiker und der Maestro selbst täglich auf neue Klangräume einlassen. So ist es nicht verwunderlich, dass Kirill Petrenko während einer Probe das Dirigentenpult verlässt, um von weiter hinten zu überprüfen, wie dieser Saal überhaupt klingt. Je nachdem muss man in älteren Gebäuden wie der Scala bei einem Forte schon sehr stark nachhelfen, damit es beim Publikum richtig ankommt. Würde man im Luzerner KKL genauso spielen, wäre das für die meisten Konzertbesucher eher zu laut. Flexibel bleiben und anpassen ist also die Devise auf dieser Orchestertournee.


Kleines Lexikon der Raumakustik

Damit Sie bei der nächsten Diskussion über die Akustik von Konzertsälen mit ein wenig Fachwissen punkten können, haben wir hier ein kleines Lexikon der Raumakustik zusammengestellt. (Wir bitten zu beachten, dass die Erläuterungen stark gekürzt sind – vor einer Diskussion mit Physikprofessoren raten wir vorher eine ausführlichere Darstellung zu konsultieren.):

  • Raumakustik Ein Teil der Akustik, der sich mit den baulichen Gegebenheiten und deren Wirkung auf das Schallereignis auseinandersetzt.
  • Psychoakustik Ein Teil der Psychophysik. Die Psychoakustik beschreibt das menschliche Empfinden in Verbindung mit dem physikalischen Schallereignis.
  • Nachhallzeit Die Zeit, in der ein Schalldruck bei plötzlichem Verstummen der Schallquelle um 60 dB fällt. Einen optimalen Wert gibt es dabei eigentlich nicht, da für jedes Werk eine andere Nachhallzeit als optimal angesehen werden kann. Nichtsdestoweniger gilt eine Nachhallzeit zwischen 1,5 und 2,0 Sekunden für den Konzertbereich als optimal.
  • Einige Nachhallzeiten der Orchestertournee-Stationen:
    Der große Saal der Berliner Philharmonie: 2,0 Sekunden
    Der Wiener Musikverein: 2,0 Sekunden
    Die Beethovenhalle Bonn: 1,7 Sekunden
    Die Mailänder Scala: 1,6 bis 1,8 Sekunden
    Das KKL Luzern hat die Möglichkeit, die Nachhallzeit auf bis zu 3,0 Sekunden anzupassen.
    Das Konzerthaus Dortmund: 2,0 Sekunden
  • Frühe Abklingzeit Die Kenngröße für das subjektive Empfinden der Nachhallzeit: die Zeitspanne, in der der Schallpegel um 10 dB fällt. Sie sagt somit etwas über die subjektive Halligkeit aus.
  • Diffusoren Bauelemente, die den Schall gleichmäßiger im Raum verteilen
  • Reflexionen Hierbei geht es um Grenzflächen, an denen sich die Schallwellen in ihrer Form ändern
  • Hörsamkeit Beschreibt nicht die physikalisch akustische Beschaffenheit eines Raumes, sondern die hörpsychologische Wirkung. Sie ist damit rein subjektiv, also je nachdem, wie gut man selbst noch hört und wo man sitzt, ist diese anders.
  • Klangverschmelzung Besteht aus einer zeitlichen Durchmischung des Raumes. So soll der Grundton und die ersten fünf Teiltöne gut hörbar sein. Ab dem achten Teilton sollte nichts mehr hörbar sein, und ungewollte Geräusche (lautes Atmen, spucken etc. ) sollten nicht gehört werden.
  • Schuhschachtel-Bauweise Diese Bauweise verfolgt das Prinzip eines Quaders. Addiert man die Breite und Höhe eines geplanten Saales, ergibt sich daraus die benötigte Länge (Beispiele: Wiener Musikverein, Konzerthaus Dortmund).
  • Weinberg-Bauweise Hier wird auf eine ovale Grundform zurückgegriffen, bei der die Plätze terrassenförmig aufgebaut sind (Beispiele: Elbphilharmonie Hamburg, Berliner Philharmonie).

O-Töne der Musiker nach dem Konzert im Luzerner Konzertsaal

Gaul, Fanny

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