Vom Zuschauerraum in den Graben – ein Nachwuchsmusiker erzählt

An dem Tag, an dem ich das Auswahlverfahren für die zweijährige Akademiezeit beim Bayerischen Staatsorchester für mich entschieden habe, wusste ich, dass ich sehr viel Glück gehabt hatte, an so einem renommierten Haus gelandet zu sein. Wie groß das Glück wirklich ist, wurde mir allerdings erst später bewusst.

Simeon Overbeck ist Mitglied der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters und erzählt aus seinem Alltag an der Oper. Die Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters wurde 2002 gegründet, um die jahrhundertealte Tradition eines der ältesten deutschen Orchester an junge Musiker weiterzugeben. Ziel der Akademie ist, Nachwuchsmusikern Orchesterpraxis unter professionellen Bedingungen zu ermöglichen, vor allem in der Opernliteratur mit ihren spezifischen Anforderungen, aber auch im symphonischen Bereich. Die jungen Talente der Orchesterakademie können Sie in einem Kammerkonzert am 13. Januar erleben.


Simeon Overbeck (Foto: Heide Benser)

Simeon Overbeck, 1992 in München geboren, begann mit zehn Jahren Oboe zu spielen. Nach Unterricht bei Uwe Stransky und Dirk-Michael Kirsch begann er sein Studium bei Prof. D. Jonas in Lübeck und schloss es 2015 mit dem Bachelor ab und studiert nun im Masterstudiengang an der Universität der Künste Berlin bei Prof. W. Barella. Er war Mitglied des Jugendorchesters des Bayerischen Staatsorchesters ATTACCA und des Bayerischen Landesjugendorchesters. Während des Studiums nahm er an Arbeitsphasen der Jungen Norddeutschen Philharmonie und des Kammerorchesters M18 teil. Er war als Aushilfe in verschiedenen deutschen Kulturorchestern tätig. Innerhalb seines Studiums nahm er am Erasmus-Austauschprogramm teil und studierte in Helsinki bei Anni Haapaniemi. Seit 2015 ist er Solo-Oboist des ensemble reflektor. Seit Dezember 2017 ist er Mitglied der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters.


Ich bin in München aufgewachsen und war als Schüler oft als Zuschauer in der Bayerischen Staatsoper. Als ich zum Studieren weggezogen bin, hätte ich mir nie vorstellen können, einmal auf der anderen Seite des Zuschauerraumes zu sitzen und mitzuspielen. Aber der Reihe nach ...

Als ich beim Bayerischen Staatsorchester angefangen habe, war mir klar, dass es eine sehr intensive Zeit werden würde. Aber ehrlich gesagt war ich nach den ersten Wochen doch überrascht, wie intensiv tatsächlich. Ich bin während der laufenden Saison in ein Repertoire-Opernhaus eingestiegen. Das heißt, dass zahlreiche unterschiedliche Stücke auf dem Spielplan stehen. Eine Probe mit Orchester dauert genau zweieinhalb Stunden (inklusive Pause). Das erste Stück, das mir zugeteilt wurde (Spartacus), dauerte allerdings etwas länger als zwei Stunden. Schnell habe ich gemerkt, dass es im Opernalltag normal ist, ein Stück nicht komplett zu proben. Es wird erwartet, dass jeder seine Stimme gut beherrscht und optimal vorbereitet ist - in diesem Fall waren es knapp 60 Seiten. Es ging also gleich gut los. Nach und nach konnte ich mein Repertoire erweitern. In meiner ersten Spielzeit durfte ich bei 24 Opern, neun verschiedenen Balletten und einem Sinfoniekonzert mit Kurztournee nach England mitwirken.

Neben der praktischen Ausbildung in einem Orchester auf höchstem Niveau besteht unsere Ausbildung aus folgenden Aspekten: Von unseren Kollegen können wir sowohl musikalisch und technisch, aber auch hinsichtlich der Inspiration unglaublich viel für uns mitnehmen. Zudem haben wir Instrumentalunterricht und Mentaltraining. Unsere Trainerin ist eine Woche pro Monat an der Oper und bereitet uns auf Probespiele (Vorspiele, um eine feste Stelle zu bekommen) vor. Jeder von uns insgesamt 17 Akademisten hat mit ihr Einzelunterricht und zwei Klassenvorspiele. Diese werden auf Kamera aufgenommen und gemeinsam mit unserer Trainerin in Bezug auf Körpersprache, Verhalten und natürlich Musik analysiert. Ziel der Akademisten ist es, Erfahrung in einem Profiorchester zu sammeln und anschließend eine Festanstellung in einem Orchester zu bekommen.

Wie sieht nun ein typischer Tag in meinem Leben aus?

Meinen Tag beginne ich in der Oper meistens gegen 9.30 Uhr. Ich starte mit ganz normalen Einspielübungen, vergleichbar mit den Dehnübungen eines Sportlers. Sollte auf dem Dienstplan eine Probe stehen, so beginnt diese in der Regel um 10 Uhr. Wenn ich bei der Probe nicht eingeteilt bin, beginne ich nach dem Einspielen selbstständig mit meinem Übeprogramm. Das bedeutet, entweder neue Stücke für die Oper vorzubereiten, schon gespielte wieder aufzufrischen oder mein für mich persönlich zu erarbeitendes Programm zu verfeinern.

Nach zweieinhalb Stunden Probe bietet sich ein Mittagessen in der Kantine an. Die ist immer einen Besuch wert, auch wenn man davor nicht am Haus war. Natürlich habe ich viel Kontakt zu den Leuten aus dem Orchester, aber wenn man nicht scheu ist, kann man dort sehr viel Interessantes über andere Berufsgruppen des Opernkosmos lernen. Bühnentechniker, Schneider, Maskenbildner, Tänzer, Spielleiter und die Kollegen aus der Lichtregie sitzen hier zusammen und jeder hat lustige Geschichten aus seinem Arbeitsalltag zu erzählen. Das finde ich im Vergleich zu einem reinen Sinfonieorchesterbetrieb so unglaublich spannend. Es ist immer etwas los, immer und überall in diesem Haus wird gearbeitet: an irgendetwas in irgendeiner Form zu jeder Uhrzeit.

Nach dem anschließenden Kaffee und dem Besuch bei den außerordentlich netten Mitarbeitern des Orchesterbüros gehe ich meistens zu meiner zweiten Übeeinheit, die dann ebenfalls circa zwei Stunden dauert. Danach kommt der beste Teil unserer Ausbildung: Entweder abends selbst in einer Aufführung mitwirken oder der selbigen als Zuschauer beiwohnen! Es gibt für die musikalisch Auszubildenden an diesem Haus die Möglichkeit, Vorstellungen, auch wenn sie bereits ausverkauft sind, zu besuchen. Und das ist, wie ich finde, das mit Abstand Lehrreichste. Man muss sich vorstellen: Man hat die Oper schon selbst im Orchestergraben gespielt und weiß ganz genau, wie es sich dort angehört hat. Wenn man dann aber das ganze Orchester „von außen“ zusammen hört, kann man auf einmal besser relativieren - gerade was beispielsweise die Dynamik angeht. Wie leise kann ich an meinem Platz spielen, so dass man es „draußen“ trotzdem noch bestmöglich wahrnehmen kann? Oder umgekehrt: Wie laut muss man an manchen Stellen tatsächlich spielen, damit man es noch hört? Von dort, wo wir sitzen, wenn wir bei einer Vorstellung zuhören, sieht man nicht die ganze Bühne, aber den kompletten Orchestergraben, was natürlich für uns als Musiker sehr spannend ist. Da man ja den ganzen Tag über noch nicht in der Kantine war :-), geht man meistens nach der Vorstellung direkt nochmal dorthin und trinkt ein Getränk. Oder zwei.

Ich habe in meiner bisherigen Akademiezeit hier sehr viel lernen können -  und das wird ganz bestimmt auch weiterhin so sein. Aber egal wo es in meinem Leben beruflich später weitergehen wird, weiß ich ganz genau, dass es nicht so kommen würde, wäre ich nicht hier Teil dieser unglaublichen Ausbildung gewesen!

1. Kammerkonzert der Orchesterakademie
So, 13. Januar 2019, 19.30 Uhr
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