Dann habt Ihr ja jetzt frei!?

„Dann hast Du jetzt quasi Ferien?“ Quasi nicht, im Gegenteil. Hinter verschlossenen Türen tut sich viel. Auch wenn der Vorstellungsbetrieb zurzeit stillsteht und die Spielzeit für beendet erklärt wurde – es wird in vielen nicht-künstlerischen Bereichen fleißig weitergearbeitet. Für viele von uns heißt es sogar mehr Arbeit. Für die Schreibtischtäter weitestgehend im Homeoffice, für handwerkliche Berufe mit Sicherheitsabstand und Hygienekonzept in den Werkstätten. Auf jeden Fall aber ist es ein anderes, ungewohntes Arbeiten, das schneller zur neuen Normalität wurde, als wir alle dachten. Einblicke in unsere Tage am Staatsballett.

9-10 Uhr

Franziska Rauch pendelt mit ihrem Fahrrad © privat

Franziska Rauch, Administration und Musikrechte

Zurzeit ändert sich alles ständig, manchmal täglich, meist wöchentlich – kreative und flexible Lösungen sind gefragt. Mit meinem technischen Equipment (gut gesichert) im Fahrradkorb pendle ich nun zwischen Office und Homeoffice hin und her. 9:10 Uhr der erste Anruf: Eine neue Tänzerin, die durch die Krise am anderen Ende der Welt festsitzt und im Moment nicht nach Deutschland einreisen kann. Austausch über die aktuellen Bestimmungen, vertragliche Fragen klären und Ruhe ausstrahlen ist angesagt – es gibt für jedes Problem eine Lösung, meistens, irgendwie.

Thomas Mayr gibt Onlinetraining © privat

Thomas Mayr, leitender Ballettmeister

Um 9.00 Uhr beginne ich, das Training vorzubereiten. Da die Tänzerinnen und Tänzer räumlich eingeschränkt sind und die Qualität des Bodens eine andere ist als im Ballettstudio, lege ich den Fokus auf die Struktur und den Aufbau des Trainings hinsichtlich eines optimalen muskulären Aufbaus und einer besonderen Bewegungskoordination.

Um kurz vor 10 Uhr logge ich mich über Zoom in unsere Videokonferenz ein und bespreche mit dem Pianisten Simon die Details des Trainings, bevor es losgeht. „Geht es allen gut?“ Wir tauschen uns aus. „Dann ein ¾ Takt, bitte ...“

10-11 Uhr

Simon Murrays Arbeitsplatz © privat

Simon Murray, Pianist

Herzlich willkommen – das ist mein Arbeitsplatz, von wo aus ich die letzten fünf Wochen das tägliche Training begleitet habe. Die Videokonferenz-App Zoom ermöglicht uns, zusammen und zeitgleich zu arbeiten. Obwohl es zu Beginn viel zu lernen gab, macht mir diese Art zu arbeiten mittlerweile sogar Spaß.  

11-12 Uhr

Annette Baumann im Homeoffice © privat

Annette Baumann, Pressesprecherin

Die Vormittage im Homeoffice beginnen wie im Büro: Als erstes werden die Medien auf relevante Berichte durchgesehen und E-Mails gecheckt. An guten Tagen spielen die Kinder irgendwo in der Nähe Picknick und ich kann vielleicht sogar Medienanfragen beantworten, bei denen Konzentration gefragt ist und man Rücksprache mit anderen Abteilungen halten muss. An schlechten Tagen klingelt im Minutentakt das Telefon, die Deadline für ein Pressestatement war vor einer Stunde, die Kinder wollen was essen oder streiten sich um den Duplo-Elefanten. Da hilft nur: Hoffen. Nämlich darauf, dass bald die Sendung mit der Maus beginnt.

12-13 Uhr

Simone Endres und ihr Sohn © privat

Simone Endres, Tanzpädagogik

Per Jitsi-Konferenz gebe ich mein erstes Online-Tanztraining für ein Projekt des Kreisjugendring. Das erste Kind sieht mich sehr verpixelt, das zweite Kind hört mich verzerrt, das dritte Kind kann gerade nicht richtig reagieren, weil die Mama das Mikro ausgestellt hat. Also: nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen. Wir tanzen zu Hugging you von Tom Rosenthal. Es wäre jetzt schön, wenn wir alle in einem Raum wären und gemeinsam experimentieren, lachen und wachsen könnten. In meiner Ausbildung hieß es ganz klug: „Jedes Kind wird in jeder Stunde einmal berührt“. Über die Distanz muss ich das noch üben – auch, wenn das Lied sich mit Umarmungen beschäftigt. In Gedanken umarme ich alle und hoffe, dass zumindest der Gedanke ankommt. 

13-14 Uhr

Regina Manelis im Homeoffice © privat

Regina Manelis, Referentin des Ballettdirektors

Zwei Handys, ein PC und eine große Tasse Tee auf dem Tisch – so lässt es sich schnell und effektiv in meinen eigenen vier Wänden arbeiten. Egal ob E-Mails oder Telefonate, in unserem kleinen Team ist Kommunikation das A und O. Vor allem in meiner Position ist es wichtig, immer auf dem neuesten Stand zu sein, die neuesten Erkenntnisse und Fragen dem Ballettdirektor Igor Zelensky mitzuteilen. Eine tagtägliche To-Do-Liste verschafft mir einen guten Überblick über offene Fragen oder Themen, die ich erledigen muss. So komme ich gut strukturiert durch den Tag.

14-15 Uhr

Minka de Sousa knüpft daheim Perücken © privat

Minka de Sousa, Maske

Die Perücke für die eine Tänzerin ist jetzt so weit fertig geknüpft, dass wir sie eigentlich anprobieren könnten, um die Konturlinie zu ergänzen. Sie wird sie in der Produktion Cinderella tragen. Das Knüpfen zu Hause geht eigentlich ganz gut. Problematisch ist jedoch, dass man die schwarzen Haare plötzlich in jeder Suppe und jeder Kaffeetasse findet ...

Zwischendurch helfe ich meinen Töchtern bei den Hausaufgaben. Einmaleins für die eine, Märchenanalyse (wie passend!) für die andere. Zurück zum Ansatztüll. Hoffentlich kann ich die Nackenhaare heute kleben. Langweilig wird es nie – aber ich vermisse meine Kollegen ...

15-16 Uhr

Zoomkonferenz bei Martina Zimmermann © privat

Martina Zimmermann, Marketing und Kommunikation

Kann ich die Anzeige noch verschieben? Haben wir eine Info, wie´s weitergeht bevor die Druckschlüsse sind? Jahresvorschau-Druck für 20/21 ist erstmal on hold. Welche Themen bieten sich für Social Media an? Hat Tänzer X eigentlich schon geantwortet, ob er bei der Fotostrecke mitmachen möchte? Wie können wir den Content für Homepage und Newsletter nutzen? Abo-Planung, sobald klar ist, wie sich der Spielplan ändert. Oh, der Blog-Artikel muss noch korrekturgelesen werden! Und zwischendrin zoomt und zoomt und zoomt es immer wieder ...

16-17 Uhr

Peter Buchheit zeigt die Stühle für Cinderella © privat

Peter Buchheit, Leitung Werkstätten

Gerade arbeiten wir u.a. an den fliegenden Stühlen aus der Produktion Cinderella. Der Schlosser baut extra Aufhängungen für die Stühle, denn da geht’s natürlich stark um Sicherheit. Der Raumausstatter wartet darauf, dass sie vergoldet werden und er den Stoff draufziehen kann – Brokatstoff, Samt mit Gold durchwirkt. Grundiert sind die Stühle schon. Wenn man Gold streicht, muss man vorher grundieren, in einem Rot- oder Grünton, je nachdem, welchen Stich das Gold haben soll. Wir verwenden ja kein Blattgold – unser Gold wird lackiert! 

17-18 Uhr

Bettina Kräutler, Leitung Künstlerisches Betriebsbüro

Eigentlich würde ich mich momentan eher mit den Spielzeiten 21/22, 22/23 und 23/24 beschäftigen. Die Wiederaufnahme und die Premieren, die nicht stattfinden konnten ziehen nun wesentliche Bausteine aus einem kleinteilig zusammengesetztem System aus Einstudierungszeiten, Probenzeiten und Bühnenzeiten, das natürlich eng mit den Planungen der Kollegen der Oper zusammenhängt. Man jongliert also Ideen, Machbarkeiten und Verfügbarkeiten von Gastchoreographen und Produktionsteams, die ihrerseits natürlich auch weit in die Zukunft reichende Verträge mit anderen Häusern haben, bei denen nun ebenfalls jongliert wird.  Alles ist im Fluß und eines ist klar: Die Auswirkungen auf den Spielplan werden wir über 20/21 hinaus spüren. 

18-19 Uhr

Carmen Kovacs, Dramaturgie

Eine Dramaturgie ohne den Vorstellungsbetrieb ist wie ein Fisch ohne Wasser – etwas trocken also, die aktuelle Situation. Die gute Seite: Ich komme zu Dingen, für die sonst zu wenig Zeit ist. Recherche und Reflektion, ein intensiver Austausch mit ChoreographInnen, lange Telefongespräche mit AutorInnen, und natürlich ausgiebig das Repertoire sichten. Auch die Vorbereitung der folgenden Spielzeiten steht an, denn darüber sind wir uns alle einig: the show will go on.

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