Die Statisterie – mehr als „stumme Rollen“

07/27/2017

Was wären Opernaufführungen ohne Statisten?  Die Darsteller der Statisterie der Bayerischen Staatsoper hauchen vielen Produktionen Leben ein. Denn wenn nicht gerade der Chor auf der Bühne steht, sähe diese doch ganz schön leer aus. Bernhard Wildegger ist seit 18 Jahren Leiter der Statisterie der Bayerischen Staatsoper. Über Facebook konntet Ihr uns Eure Fragen an ihn schicken, wir haben ihn zum Interview getroffen und nachgefragt, wie das mit der Statisterie eigentlich funktioniert.

 

 

Bernhard Wildegger, Leiter der Statisterie
Bernhard Wildegger, Leiter der Statisterie

Studiert hat Bernhard Wildegger eigentlich Literatur, war dann aber als Statist und Schauspieler tätig.  Als Koordinator der Statisterie arbeitet er mit fast allen Abteilungen unseres Hauses zusammen und kann dementsprechend viele Geschichten und Anekdoten erzählen. „Soll ich dir ein paar Orte des Hauses zeigen, an denen ich mich herumtreibe?“ Sehr gerne! Während wir durch die Gänge über und hinter der Bühne laufen, gewährt er Einblicke in seinen spannenden Arbeitsalltag.

Wer kann Statist werden und was braucht man dafür?

Eigentlich kann das prinzipiell jeder. Die Grundvoraussetzung ist natürlich, dass man sehr viel Zeit hat. Und vor allem auch sehr kurzfristig sehr viel Zeit. Das würde eigentlich auf Rentner gut passen, aber leider wollen die Regisseure in letzter Zeit fast nur junge Menschen. Aber für Statisten gibt es keine Altersgrenze: Unser ältester Statist ist jetzt bald 90 Jahre alt, die Regisseure lieben ihn und bauen ihn ganz oft in ihre Produktionen ein. Wir hatten auch eine Produktion von Faust mit ganz vielen alten Statisten, denn da hat die Walpurgisnacht in einem Altenheim gespielt; oder bei Werther, da waren auch sehr viele Rollen mit älteren Menschen besetzt.

Habt ihr eine feste Anzahl an Statisten am Haus?

Ich verfüge mittlerweile über einen Pool von ca. 400 Leuten, die als Statisten tätig sind. Aus denen heraus lade ich dann auch immer zum Casting ein. Der Regisseur will zum Beispiel zehn junge Herren für eine Szene haben: Ich lade dann alle meine jungen Herren ein und aus diesen wählt der Regisseur mit meiner Unterstützung seine Favoriten aus. Wir können die meisten Statisten aus unserem Pool besetzen und gehen deswegen selten über die Presse, außer wir suchen spezielle Statisten wie ganz kleine oder ganz kräftige. Aber natürlich kann man sich immer bei mir vorstellen, dann würde ich entsprechend der Anforderung auch zu einem Casting einladen.

Wie läuft denn so ein Casting dann ab?

Zunächst hat der Regisseur die feste Vorstellung einer Szene. Ich bekomme dann die Info, welches Personal gewünscht ist und bestelle die passenden Statisten für das Casting. Meistens machen dann die Regisseure Übungen wie Slow-motion-Laufen oder auf Kommando stoppen, um zu testen wie die Bühnenpräsenz und Beweglichkeit der Statisten ist. Manche wollen akrobatische Übungen oder legen besonderen Wert auf Musikalität. Meine Funktion ist dann eher beratend.

Und in welchem Zeitraum vor der Aufführung kommen die Statisten dazu?

Oft sind wir tatsächlich vom ersten Probentag an dabei. Das hängt auch vom Regisseur ab, aber es wird eigentlich immer schon sehr früh mit der Statisterie geprobt. Es ist auch manchmal so, dass zu Beginn der Probenzeit noch nicht alle Solisten da sind. Dann macht man oft ganz bewusst am Anfang erst mal Statisterie-Proben; manchmal spielen auch Statisten bei den ersten Proben den Chor, weil der noch in anderen Produktionen beschäftigt ist. Wobei wir natürlich versuchen zu vermeiden, dass Statisten nur als „Probenersatz“ eingesetzt werden und dann später gar nicht in der Aufführung dabei sind: Am besten ist es mit denen zu proben, die später auch wirklich auf der Bühne stehen.

Siegfried: Qiu Lin Zhang (Erda), Statisterie
Die Statisten der Bayerischen Staatsoper bei Richard Wagners „Siegfried“ (Musikalische Leitung: Kirill Petrenko, Inszenierung: Andreas Kriegenburg)

Wie viel Zeit vergeht denn zwischen den ersten szenischen Proben und der ersten Aufführung?

Die Statisten werden meistens einige Monate vor Probenbeginn gecastet. Die Probenzeit sind meist sechseinhalb bis sieben Wochen, in der intensiv zwischen sechs bis acht-mal in der Woche geprobt wird. Bei Wiederaufnahmen dauern die Proben nur ca. eine Woche. Es sind dann im besten Fall wieder diejenigen, die auch in der Premierenserie dabei waren. Jeder Statist bekommt ja sein eigenes Kostüm geschneidert, da versuchen wir natürlich die Fluktuation gering zu halten. Falls mal jemand kurzfristig krank wird, haben wir auch angelernte Springer. Aber bei so großen Produktionen wie Wagners Ring mit 100 Statisten muss ich bei der Wiederaufnahme einige Rollen nachbesetzen. Bei den Proben werden die Statisten dann eigentlich wie der Chor und die Solisten eingebaut, da probiert man viel aus: Sollen sie besser hier auftreten oder dort? Bewegungsabläufe und Motivationen kommen dazu und man baut die Szene zusammen. Der Regisseur sitzt dann entweder am Pult im Zuschauerraum oder kommt auf die Bühne, um mit uns zu arbeiten. Ich helfe dann zu koordinieren oder Ideen umzusetzen.

Wenn so oft in der Woche geprobt wird, ist man dann nicht schon hauptberuflicher Statist?

Nein, hauptberuflich nicht; wir haben viele Studenten, für die ist das ein Nebenjob. Oder Freiberufler. Leute eben, die sich ihre Zeit frei einteilen können. Ein großer Teil der Statisten ist aber schon bei vielen Produktionen mit dabei, sodass sie quasi fest zum Ensemble gehören. Leider ist die Rollenbesetzung oft so kurzfristig, dass es nicht möglich ist, das neben einem nine-to-five Job zu machen. Und es sind auch gar nicht so viele Statisten, die tatsächlich eine Schauspiel-Ausbildung haben. Bei den meisten ist es tatsächlich ein Hobby.

Sind Statistenrollen eigentlich zwangsweise stumme Rollen?

Im Prinzip ja; es gibt allerdings auch ein paar Sprechrollen, zum Beispiel in der alten Arabella, Djura und Welko, da waren die Rollen allerdings ziemlich zusammengestrichen. In der aktuellen Arabella-Inszenierung ist es nur ein sprechender Statist, der andere ist ein Schauspieler. Auch in der alten Tosca, da gab‘s diese Schreie („Ah, Scarpia, ah!“) und das haben Statisten geschrien. In der aktuellen Produktion macht das aber der Chor, dann ist das musikalisch genauer (lacht). Aber so grundsätzlich wenn’s Schreie gibt oder nur ganz kleine Sprechrollen, dann sind das sehr oft Statisten. Ebenso Osmin aus der Entführung aus dem Serail – der gehört eigentlich zum Opernballett, macht aber auch Statisterie – oder ein Priester in der Zauberflöte. Es gibt auch Personen aus dem Extra-Chor, die ab und zu in der Statisterie tätig sind.

 

 

Die Statisterie in Richard Wagners „Rheingold“
Die Statisterie als Darsteller der Rheins in Richard Wagners „Rheingold“

Was ist das Wichtigste, was ein Statist derzeit mit in den Beruf bringen muss?

Man muss auf jeden Fall einen Hang zum Exhibitionismus haben, denn man stellt sich schon in gewisser Weise aus (lacht). Derzeit gibt es in vielen Produktionen Auftritte in Unterwäsche, da darf man dann nicht gschamig sein. In Rheingold spielen zum Beispiel die Statisten den Rhein, die haben Unterwäsche an, sind blau angemalt und liegen teilweise als Paare zusammen. Das ist schon recht intim, wenn man aufeinander liegt und sich umherwälzt. Nach den ersten Proben sind da einige ausgestiegen, denen das unangenehm war… Und man muss sehr spontan verfügbar sein. Oft heißt es dann mittags, wir brauchen abends die und die Leute. Da wäre es natürlich schon toll, wenn man Zeit hätte.

Was verdient man denn eigentlich als Statist?

Also es gibt ca. 36 € für eine dreistündige Probe, für die Vorstellung gibt es eine Grundgage von 24 € plus Vorstellungszuschlag. Das heißt bei schwierigeren Sachen ist es ein Vielfaches davon. Damit kommt man bei einem Vorstellungsabend schon oft auf so 50-100€, teilweise mehr, je nachdem was verlangt ist.

Apropos „je nachdem, was verlangt ist“: Gab es schon mal Kostüme, die ihr absolut nicht umsetzen wolltet?

Prinzipiell sind die Statisten bei Kostümen überhaupt nicht heikel. Ein Problem ist meistens nur die Nacktheit. Also oben ohne oder ganz nackt, das macht die Mehrheit eher nicht. Aber auch für solche Szenen gibt’s inzwischen eine relativ feste Gruppe, da hab ich ein paar, die sind noch exhibitionistischer als der Rest, die machen das ganz gerne (lacht). Bei Macbeth hängen zum Beispiel fünf Statisten nackt mit einem Bein in einer Schlaufe kopfüber von der Decke. Man findet dann schon immer jemanden, der das macht. Oder die Ketzer in Don Carlo, die stehen nackt an einem Schandpfahl, haben nur einen Sack über dem Kopf und werden dann am Schluss quasi verbrannt. Da tobt dann ringsumher das Feuer und die Funken fliegen; da muss man schon etwas mutiger sein. Aber dadurch, dass die Statisterie ja nicht singen muss, gibt’s meistens nicht das Problem, dass diverse Kopfbedeckungen oder Schleier nicht tragbar sind. Anders als beim Chor, die brauchen einfach Freiraum vor dem Gesicht.

Garderobe Statisterie
Ein Blick in die Garderobe...
Garderobe der Statisterie
... in der gerade die Kostüme für Semiramide hängen.

Wie ist das, mal abgesehen von den Kostümen, mit der szenischen Umsetzung? Was war die technisch schwierigste Szene, die ihr gespielt habt?

Da sind definitiv die Szenen aus dem Ring ganz vorne mit dabei. In Siegfried spielen z.B. 22 Statisten den Kopf des Drachen Fafner. Dafür werden sie mit Lastschlaufen an einem Metallgestell gesichert, alle sind in roter Unterwäsche und rot geschminkt. Dann hat man sie mit Hilfe der Obermaschinerie von der Hinterbühne aus hochgefahren und auf die Hauptbühne einfliegen lassen. Außerdem gibt es bei Siegfried viele Podienfahrten, da muss dann einfach jeder wissen, wo er stehen darf und wo nicht. Statisten bringen viel Elan mit und haben große Lust, Dinge auszuprobieren und neu umzusetzen, sodass die Regisseure sehr viele Möglichkeiten haben, Szenen unkonventionell zu inszenieren. Und weil Statisten eben nicht singen und den Dirigent sehen müssen, können sie auch über einen längeren Zeitraum mit dem Rücken zum Publikum agieren.

Siegfried: Thomas J. Mayer (Der Wanderer), Tomasz Konieczny (Alberich)
Die Statisterie als Drache Fafner in Richard Wagners „Siegfried“ (Musikalische Leitung: Kirill Petrenko, Inszenierung: Andreas Kriegenburg)

Als Leiter der Statisterie bist du ja eigentlich bei allem dabei, was so rundherum um die Produktionen entsteht. Mit welchen anderen Abteilungen steht man denn in besonders engem Kontakt?

Neben dem Regieteam und den Regieassistenten habe ich mit allen zu tun, die in irgendeiner Weise an der Produktion beteiligt sind. Bei uns bekommt jeder Statist sein eigenes Kostüm, also arbeite ich mit der Kostümassistenz und dem Ankleidepersonal zusammen, um Anproben bei Neuproduktionen oder Umbesetzungen zu organisieren. Auch mit der Requisite oder Deko-Abteilung, wenn Statisten z.B. Teller oder Stühle auf die Szene tragen müssen. Dann mit der Inspizienz, die den Statisten die Auftritte gibt. Und wenn auf der Bühne Akrobaten oder Darsteller mit besonderen Fähigkeiten zu sehen sind, organisiere ich die auch. Zum Beispiel die Boxer aus Die Gezeichneten oder einige der Bogenschützinnen aus Tannhäuser, die Break Dancer aus Turandot oder die Zirkusleute aus der alten verkauften Braut. Oder Tiere auf der Bühne, die sind ja auch quasi Statisten, die laufen auch über mich. Ach, ich kann dir da Geschichten erzählen (lacht)

Amelie Langermantel

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