Raymonda - Wenn Kostüme vom Mittelalter inspiriert werden

Nach acht Jahren Pause feiert am 22. Mai 2018 Marius Petipas Raymonda beim Bayerischen Staatsballett Wiederaufnahme. Das Ballett erzählt die Geschichte einer ungarischen Edeldame namens Raymonda, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss: dem Edelmann Jean de Brienne und dem sarazenischen Kalifen Abderakhman.

Zur Münchner Erstaufführung 2001 konzipierte Klaus Hellenstein für Raymonda die Kostüme der Balletttänzer. Dazu ließ sich der Kostümbildner, der freischaffend für Schauspiel, Oper und Ballett arbeitet, vom Mittelalter und Freskenmalereien inspirieren. Wir sprachen mit Herrn Hellenstein über Raymonda, die Kostüme und seine Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern.

Raymonda: Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
Raymonda: Ensemble des Bayerischen Staatsballetts, © Wilfried Hösl

Herr Hellenstein, wie genau entsteht eigentlich ein Kostüm?

Wie genau so ein Kostüm entsteht, ist eine komplexe Frage. Bei den Vorbereitungsphasen mit Ivan Liška und Ray Barra zur Neufassung von Raymonda 2001 kamen wir zum Entschluss, dass wir uns nicht ausschließlich am klassischen Ballett orientieren wollten. Ich versuchte in den damaligen Modejournalen, mittelalterliche Schnitte und Inspirationsquellen für die Kostüme zu finden, auf die ich aufbauen konnte. Die Ideen, die man als Kostümbildner also hat, werden dann mit dem Choreographen weiterentwickelt und schließlich auf Papier gebracht. Im Anschluss wird ein Farbkonzept für den gesamten Abend gestaltet, damit das Werk in sich stimmig ist. Und dann sucht man Stoffe aus und diskutiert lange und ausgiebig über die Schnitte der Kostüme. Was passt zu der Zeit? Was gefällt? Womit können die Tänzer tanzen? Es war eine kleine Abenteuerreise den klassischen Ballettkostümen einen „New Look“ zu geben!

Was hat Sie beim Designen der Kostüme von Raymonda inspiriert?

Für das Designen der Schnittführung und Ausschnitte der Kostüme habe ich mich stark mit dem Mittelalter auseinandergesetzt. Die Beispiele, die ich fand, ließ ich einfließen. Im Anschluss variierten wir dann die einzelnen möglichen Ideen für die Kostüme.

Zum Beispiel ließ ich mich beim letzten Akt, der ja am ungarischen Hof spielt, von der Husaren Uniform inspirieren. Als ich damals zufällig in Bozen eine Burg besichtigte, war ich so von den Freskenmalereien so fasziniert, dass ich sie irgendwie für Raymonda umsetzen wollte. Ich zeigte also Ray Barra Bilder dieser Freskenmalereien. Er war von diesen Fresken sehr angetan und teilte meine Meinung, dass sie gut zu Raymonda passen würden. Die Farben der Fresken wollte ich dann aber nicht eins zu eins verwenden, weil sie mir zu bunt waren.

Inwiefern spielen Farben eine wichtige Rolle für die einzelnen Szenen und die jeweiligen Protagonisten?

In der Hochzeitsszene, zum Beispiel, die den krönenden Abschluss des Balletts darstellt, verwendeten wir die Farbe Gold. Gold unterstreicht wunderbar den Prunk und die Opulenz der Hochzeitsfeier. Bei der Traumszene wurde hingegen die Farbe Blau verwendet. Auch die Damen, die im Traum vorkommen, tragen blaue und weiße Kostüme, die dadurch die Stimmung des Traumes widerspiegeln. Auch Jean de Brienne, der arabische Prinz, ist in diesem Traum weiß gekleidet. Wichtig dabei ist, dass die Protagonisten immer erkennbar sein müssen. Die Farben helfen also auch dem Zuschauer, zu erkennen, wer die Protagonisten sind.

Welche Komponenten müssen beim Designen der Kostüme berücksichtigt werden?

Im Ballett hat man es mit Darstellern zu tun, die ihren ganzen Körper einsetzen. Aus dramaturgischen Gründen könnte ich zum Beispiel einem Tänzer einen sehr schweren Filzmantel anziehen lassen. Er wird sich dann aber so bewegen, wie er sich in einem Filzmantel eben bewegen kann und nicht wie ein Balletttänzer, der eine Pirouette drehen will. Das heißt, wenn es nicht gefordert ist, als künstlerisches Mittel den Tänzer mit einem sehr schweren Filzmantel auftreten zu lassen, dann sollte man darauf achten, dass die Materialen des Kostüms leicht und dehnbar sind. Unsere Aufgabe als Kostümbildner ist es, den Tänzern ihre Kostüme so angenehm wie möglich zu machen. Wir achten also auch auf die Anatomie und die Bewegungsfähigkeit des Tänzers.

Seit 1980 konzipiere ich Ballettkostüme und habe mir mit der Zeit einen großen Erfahrungsschatz angesammelt. Dennoch ist jedes Stück so anders, dass ich jedes Mal auf eine ganz andere Art und Weise herausgefordert werde. Auch muss die Zeit an sich berücksichtigt werden. Wenn ich nochmals die Kostüme für Raymonda konzipieren müsste, dann würde ich diese heute komplett anders machen. (*lacht*) Ich würde heute ganz andere modisch-experimentelle und künstlerische Aspekte einfließen lassen, die von den Modedesignern John Galliano und Alexander McQueen inspiriert wären.

Raymonda: Daria Sukhorukova (Raymonda)
Raymonda: Daria Sukhorukova (Raymonda), © Charles Tandy
Lucas Slavicky  und Lisa-Marie Cullum
Lucas Slavicky und Lisa-Marie Cullum, © Wang Xiaojing

Kommentare

New Comment