„Radieren, radieren!“ – Zur Probenarbeit von „Tannhäuser“ und „Die Gezeichneten“ aus Sicht einer Spielleiterin

07/06/2017

Wir wagen wieder einen Blick hinter die Kulissen: Nach der Endprobenphase von Die Gezeichneten trafen wir uns mit Giulia Giammona, seit dieser Saison Spielleiterin an der Bayerischen Staatsoper. Bei einem Kantinen-Kaffee erzählte sie uns von ihrem Job und der Probenarbeit zu Tannhäuser und Die Gezeichneten.

Giulia Giammona
Auf einen Kaffee mit Giulia Giammona, Spielleiterin an der Bayerischen Staatsoper

Dienstag, 3. Juli 2017, 23.27 Uhr: Der aktuelle Vorstellungsbericht  trifft per E-Mail bei den Verantwortlichen der Bayerischen Staatsoper ein: „Das war eine sehr schöne zweite Vorstellung. Alles lief prima bis auf den Umbau von Szene I/4 auf I/5 – bitte die Tischbremsen vor jeder Vorstellung testen. Dankeschön!“ – gezeichnet: Giulia Giammona (Abendspielleitung).

Giulia ist 21 Jahre alt und in Berlin groß geworden. Seit dieser Spielzeit ist sie Spielleiterin an der Bayerischen Staatsoper und war unter anderem bei der Einstudierung von La FavoriteSemiramideTannhäuser und Die Gezeichneten im Einsatz. „Bei der Arbeit mit Romeo Castellucci hat es mir natürlich extrem geholfen, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin und fließend Italienisch spreche.“ Neben Castellucci hat sie innerhalb weniger Monate mit Amélie Niermeyer, David Alden und Krzysztof Warlikowski zusammengearbeitet – vier ganz unterschiedliche Charaktere, vier Regiestile.

Ein Jungstudium für klassischen Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin hat sie bereits hinter sich, in ein paar Jahren soll ein Opernregie-Studium folgen. Im ohnehin sehr jungen Spielleiterteam der Bayerischen Staatsoper ist sie bei weitem die Jüngste und trägt bereits eine große Verantwortung, „aber ich traue mir das auch zu. Ich lerne von großartigen Regisseuren und den tollen Kollegen an der Oper – das ist die beste Schule.“

An jeder Neueinstudierung an der Bayerischen Staatsoper sind zwei Spielleiter beteiligt. Die Aufteilung zwischen den beiden Spielleitern ergibt sich dabei je nach Stärken und Interessen: „Ich zum Beispiel liebe es zu leuchten, die sogenannten „Lichtstunden“ mit den vielen Beleuchtungsstatisten.“ Bei Tannhäuser gab es sogar eine Nachtschicht bis 7 Uhr morgens im Anschluss an die Orchesterhauptprobe. „Romeo stand um 10 Uhr dann natürlich trotzdem wieder auf der Matte – wahrscheinlich hätte er gerne noch länger geleuchtet. Ein Stück wie Tannhäuser, das lebt halt vom Licht!“

Interessanterweise ist die Nettospieldauer von Tannhäuser und Die Gezeichneten mit gut drei Stunden fast identisch. Es fühlt sich jedoch nicht nur für den Besucher anders an: „Bei Tannhäuser sind es drei komplett neue Bühnenbilder pro Akt, mit Komplettab- und aufbau, daher auch die langen Pausen. Bei Die Gezeichneten hingegen bleibt das Bild stehen, auch wenn es viele Elemente gibt, die rein- und rausfahren. Das ist dann nicht ganz so kompliziert.“

Was ist nun genau die Aufgabe eines Spielleiters? „Man ist die rechte Hand des Regisseurs – der Freund von allen.“ Kommunikation zwischen den Abteilungen sei extrem wichtig, aber auch ein gewisses Verhandlungsgeschick. „Manchmal muss man gemeinsam mit dem Regisseur Kompromisse finden, auch wenn wir grundsätzlich immer die künstlerische Idee ermöglichen wollen.“

Im sogenannten „Regiebuch“ sind alle Anweisungen der Regie vermerkt. Das bedeutet einen großen Radiergummiverschleiß während der Probenarbeit. Das Buch muss so geschrieben sein, dass ein Kollege es gut lesen und die Inszenierung eigenständig einstudieren kann. „Änderungen gibt es bis zur letzten Sekunde, manche Künstler ändern sogar in der Premiere noch etwas – also heißt es radieren, radieren!“ Beim Tannhäuser-Gastspiel in Japan werden Giulia Giammona und ihre Kollegin Martha Münder ihre eigenen Aufzeichnungen entziffern müssen, denn selbstverständlich sind beide auch in Tokio mit dabei.

Den Tannhäuser kannte sie als großer Wagner-Fan schon vor Probenbeginn nahezu auswendig. Bei Die Gezeichneten war das anders. „Aber durch die Arbeit an der Produktion geht es extrem schnell, dass man das Stück in den Kopf bekommt. Und es ist ja wirklich tolle Musik, sehr melodisch, mit vielen Leitmotiven – man darf nur keinen Mozart erwarten.“ Warlikowski fordere viel von den Sängern und macht auch viel selbst vor: „Krzysztof ist selbst ein sehr guter Schauspieler – das regt natürlich alle sehr an.“

Und in zehn Jahren? „Da inszeniere ich hoffentlich selbst! Bis dahin möchte ich viel Erfahrung sammeln, Regiestile kennen lernen und wie ein Schwamm aufsaugen“. Nach den verbleibenden Vorstellungen von Die Gezeichneten sind Giulias nächste Stationen Le nozze di Figaro (Regie: Christof Loy), Il trittico (Regie: Lotte de Beer), Les Vêpres Siciliennes (Regie: Antú Romero Nunes) und Orlando Paladino (Regie: Axel Ranisch).

Giulia Giammona, David Alden, Michele Mariotti – © Wilfried Hösl
Probenarbeit mit David Alden und Michele Mariotti für „Semiramide“ – © Wilfried Hösl
Tölzer Sängerknaben, Giulia Giammona – © Wilfried Hösl
„Wolfram von Eschenbach – beginne!“ Tölzer Knaben bei der Probe zu „Tannhäuser“ – © Wilfried Hösl
Giulia Giammona – © Wilfried Hösl
Bei der Premiere von „Die Gezeichneten“ – © Wilfried Hösl
Giulia Giammona – © Wilfried Hösl
Giulia Giammona – © Wilfried Hösl

Schloderer, Matthias

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